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Aufklärung

Sucht-Expertin warnt: Haftbefehls Absturz im Klassenzimmer fehl am Platz

Sucht-Expertin warnt: Haftbefehls Absturz im Klassenzimmer fehl am Platz
Foto: epa/FILIP SINGER
3 Min. Lesezeit |

Statt Schockbilder setzt moderne Suchtprävention auf Lebenskompetenzen. Die Doku über Rapper Haftbefehl entfacht nun eine Debatte über Abschreckung im Unterricht.

In der modernen Drogenprävention setzt man nicht mehr auf Schockeffekte, sondern auf die Förderung von Lebenskompetenzen und sachliche Informationsvermittlung. In der Dokumentation über Rapper Haftbefehl beschreibt dessen Bruder Cem Anhan, auch bekannt als Capo, die dramatischen Auswirkungen des Drogenkonsums: „Es ist der Teufel, dieses Zeug. Auf einmal macht der Sachen, die er vorher nicht gemacht hätte.“ Die Aufnahmen zeigen Aykut Anhan schwankend auf der Bühne, wie er Termine verpasst, sich tagelang im Hotel isoliert und im berauschten Zustand mit seinen Kindern interagiert – Szenen, die viele Zuschauer abschrecken könnten.

Die öffentliche Debatte, ob diese Dokumentation an Schulen gezeigt werden sollte, führte in Hessen zu einer klaren Position des Kultusministeriums: Die Forderung der Schülerschaft wurde abgelehnt, da das Verhalten des Rappers nicht mit dem Bildungsauftrag vereinbar sei. Lisa Wessely von der Suchtprävention Dialog sieht eine pauschale Vorführung ebenfalls kritisch: „Aus der Forschung weiß man: Abschreckung funktioniert nicht“. Während bereits sensibilisierte Jugendliche entsetzt reagieren könnten, sehen andere möglicherweise nur den Erfolg ihres Idols oder betrachten ihn als Extremfall ohne Bezug zur eigenen Lebenswelt.

Eine Filmvorführung mit Kindern erfordert laut Wessely unbedingt eine Nachbesprechung. „Man kann den Film sicher auch im Unterricht einsetzen, nur sollte man sich vorher überlegen, was man damit erreichen will“. Für Eltern sei es hingegen durchaus sinnvoll, sich mit dem Film auseinanderzusetzen, um die Interessengebiete ihrer Kinder besser zu verstehen. Für die Präventionsarbeit bezeichnet die Expertin die Dokumentation als „ein Geschenk“, da sie dem Thema wieder erhebliche Aufmerksamkeit verschafft.

Moderne Präventionsarbeit

Bei jüngeren Kindern ab dem Volksschulalter konzentriert sich die Suchtprävention von Dialog auf die Stärkung grundlegender Lebenskompetenzen – darunter Bindungs- und Konfliktfähigkeit sowie die Fähigkeit zur Selbstbehauptung. Diese Fähigkeiten können das Suchtrisiko maßgeblich beeinflussen. Die Umsetzung erfolgt durch Lehrerfortbildungen, während in der Oberstufe, wenn Konsum oder Interesse bereits Thema sind, spezielle Workshops angeboten werden. „Erst dann wird es relevant, dass wir Informationen geben, die das Lehrpersonal vielleicht nicht hat“, erklärt Wessely. Im Mittelpunkt stehen dabei sachliche Aufklärung und offene Gespräche über Vor- und Nachteile des Konsums.

Die Präventionsarbeit verfolgt das Ziel, den Erstkonsum möglichst lange hinauszuzögern, da früher Konsum die Entwicklung stärker beeinträchtigt und das Suchtrisiko erhöht. Sowohl Lehrkräfte als auch Eltern sollten auf Verhaltensänderungen bei Jugendlichen achten, die auf Konsum hindeuten könnten. „Das ist allerdings eine Herausforderung, denn wenn ich mir die Kennzeichen für Sucht anschaue, könnten die genauso gut die Pubertät beschreiben“, gibt Wessely zu bedenken. Warnsignale können ein veränderter Freundeskreis, familiäre Konflikte oder nachlassende Schulleistungen sein.

Elterliche Verantwortung

Besonders für Eltern sei es wichtig, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und echtes Interesse an deren Leben zu zeigen – manchmal reiche es schon, gemeinsam fernzusehen. Zudem empfiehlt Wessely eine eindeutige Haltung zu Suchtthemen: „Selbst wenn man etwa selbst raucht, sollte man den Kind gegenüber klar formulieren: ‚Ich mache das zwar, aber das ist schlecht für mich und ich wünsche es mir nicht für dich'“.

Bei Anzeichen von Substanzkonsum rät die Expertin zu Besonnenheit und empfiehlt, professionelle Unterstützung bei Beratungsstellen wie Dialog oder Checkit zu suchen.

Lisa Wessely leitet den Bereich Suchtprävention und Früherkennung bei Dialog und bringt 20 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Betroffenen, Schulen und Unternehmen mit.

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KO KOSMO-Redaktion
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