Während Jugendliche digital mit Hunderten vernetzt sind, fehlt es an echten Bindungen. Die Beratungsgespräche zum Thema Einsamkeit stiegen um 37,4 Prozent.
Die Zahl der einsamen Jugendlichen steigt dramatisch an. Aktuelle Daten der Notrufnummer 147 von Rat auf Draht zeigen einen besorgniserregenden Trend: Von Jänner bis November 2025 nahmen die Beratungsgespräche zum Thema Einsamkeit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 37,4 Prozent zu. Insgesamt wurden 202 Gespräche zu diesem Themenbereich geführt. Besonders betroffen sind ältere Jugendliche und junge Erwachsene – auf die 16- bis 18-Jährigen entfallen etwa 42 Prozent der Beratungen, während die 19- bis 24-Jährigen rund 43 Prozent ausmachen.
„Einsamkeit ist ein sehr subjektives und persönliches Phänomen. Es ist das unangenehme, schmerzhafte Empfinden, keine oder unzureichende soziale Verbindungen und Beziehungen zu haben. Auch, wenn man von Menschen umgeben ist“, sagt Birgit Satke, Leiterin des Beratungsteams von Rat auf Draht. Der Druck durch schulische Anforderungen, berufliche Ausbildung und gesellschaftliche Erwartungen belastet viele Heranwachsende. Fehlt dann das Gefühl von Unterstützung oder Verständnis, kann sich Isolation einstellen – selbst inmitten anderer Menschen.
„Im Vergleich zu früher verbringen viele Kinder und Jugendliche weniger Zeit mit Freunden im realen Leben. Familienstrukturen haben sich verändert. Es gibt mehr Patchwork-Familien, Alleinerziehende und Familien mit beruflich stark eingespannten Eltern„, so Satke. Diese Faktoren könnten den emotionalen Rückhalt für junge Menschen verringern und dadurch Einsamkeitsgefühle verstärken, erklärt die Fachfrau. Zusätzlich habe die Corona-Pandemie das Einsamkeitsproblem verschärft.
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Digitale Scheinverbindungen
Trotz der vereinfachten Kommunikationsmöglichkeiten durch soziale Medien, Messenger-Dienste und Smartphones können diese den direkten zwischenmenschlichen Kontakt nicht ersetzen. „Online-Interaktionen bleiben oft oberflächlich und das Gefühl von echter Verbundenheit fehlt häufig. Vergleiche mit anderen, Cybermobbing oder das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, können das Einsamkeitsgefühl verstärken„, so Satke. Die Expertin beobachtet, dass zahlreiche Jugendliche zwar digital mit Hunderten Menschen vernetzt sind, aber niemanden für tiefgehende Gespräche haben.
Sie fügt hinzu: „Manche Jugendliche schließen aus Einsamkeit auch digitale Freundschaften mit einer künstlichen Intelligenz und chatten mit programmierten Gesprächspartner:innen, die nicht urteilen und immer verfügbar sind. Das große Risiko dabei ist, dass zwischenmenschliche Beziehungen vernachlässigt werden und Einsamkeit und soziale Isolation dadurch verstärkt werden“.
Weihnachtliche Belastung
Die Weihnachtszeit kann Einsamkeitsgefühle bei jungen Menschen noch verstärken. „In dieser Zeit wird besonders viel Wert auf Zusammenhalt, Geborgenheit und gemeinsame Aktivitäten gelegt. Für viele Kinder und Jugendliche kann diese Erwartungshaltung belastend sein, insbesondere, wenn ihre Realität davon abweicht“, erklärt Satke. Wenn Gleichaltrige in der Schule, auf sozialen Plattformen oder im Freundeskreis von harmonischen Familienfeiern und Geschenken berichten, fühlen sich Jugendliche ohne intakte Familienverhältnisse oder in besonderen Lebenssituationen – etwa nach Elterntrennungen – oft ausgeschlossen und einsam.
„Zudem werden Konflikte, Trennungen oder Verluste zur Weihnachtszeit besonders spürbar, weil das Idealbild der glücklichen Familie so präsent ist. Viele Kinder und Jugendliche erleben jedoch Streit innerhalb der Familie, Stress oder sogar Gewalt, was das Gefühl der Einsamkeit verstärkt. Wer ohnehin wenig Freundschaften hat, fühlt sich in dieser Zeit noch isolierter“, so die Expertin weiter.
Bei Rat auf Draht bemüht man sich, betroffenen jungen Menschen Auswege aus ihrer Einsamkeit aufzuzeigen. „Wir ergründen gemeinsam mit den Anrufer:innen die Ursache und den Auslöser für die Einsamkeit und zeigen Lösungsvorschläge auf.
Wenn das Gefühl der Einsamkeit sehr belastend ist und über längere Zeit anhält, sollte zudem professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden“, so Satke.