Europäische Ermittler rücken Bosniens wichtigstem Autobahnprojekt auf den Leib – mit Folgen, die weit über die Baustelle hinausreichen.
Verträge, Ausschreibungen und Millionenprojekte auf Bosniens wichtigster Autobahnverbindung geraten zunehmend ins Visier europäischer Ermittlungsbehörden. Der Europäische Betrugsbekämpfungsdienst OLAF prüft Vorgänge im Zusammenhang mit dem Bau des Korridors Vc in Bosnien-Herzegowina. Mitarbeiter der Behörde haben die Geschäftsräume des staatlichen Autobahnbetreibers Autoceste Federacije BiH in Mostar aufgesucht und dort Einsicht in relevante Unterlagen genommen.
Im Fokus stehen bestimmte Autobahnprojekte sowie internationale Vergabeverfahren aus den Jahren 2018 bis 2022. Bislang wurden im Rahmen des OLAF-Verfahrens weder Verurteilungen ausgesprochen noch eine Schuld festgestellt.
OLAF-Prüfung läuft
Autoceste FBiH teilte mit, den Ermittlern sämtliche angeforderten Unterlagen vollständig zugänglich gemacht zu haben – darunter Verträge, Vertragsnachträge, technische und finanzielle Dokumente sowie einschlägige elektronische Korrespondenz. Darüber hinaus sei den Prüfern Zugang zu den internen Informationssystemen des Unternehmens gewährt worden. Meldungen, denen zufolge Computer, Festplatten, Drucker oder sonstige Geräte beschlagnahmt worden seien, wies das Unternehmen als Spekulation zurück.
Die amtierende Geschäftsführung erklärte, jede unabhängige und gesetzeskonforme Überprüfung ausdrücklich zu begrüßen, und verwies gleichzeitig darauf, dass die untersuchten Sachverhalte überwiegend in den Zeitraum vor ihrem Amtsantritt im Jahr 2023 fallen.
EPPO-Verfahren läuft
Von der laufenden OLAF-Prüfung zu unterscheiden ist ein bereits seit Längerem geführtes Verfahren der Europäischen Staatsanwaltschaft EPPO. Diese gab im Oktober 2025 offiziell bekannt, dass sechs Personen als Beschuldigte geführt werden, darunter drei Amtsträger aus Bosnien-Herzegowina. Gegenstand des Verfahrens sind Beratungsleistungen für einen rund 35 Kilometer langen Streckenabschnitt zwischen Medakovo und Poprikuse.
Der entsprechende Beratungsvertrag hatte einen Wert von etwa vier Millionen Euro und war Teil eines deutlich umfangreicheren Autobahnvorhabens mit einem Gesamtvolumen von rund 340 Millionen Euro. Den Ermittlungen der EPPO zufolge besteht der Verdacht, dass ein Ausschreibungsverfahren gezielt zugunsten eines italienischen Unternehmens beeinflusst wurde. Amtsträger sollen dabei unter anderem die Bewertungskommission ausgetauscht, einen technischen Prüfbericht abgeändert und dem betreffenden Unternehmen ermöglicht haben, sein finanzielles Angebot im Nachhinein zu korrigieren.
Die erhobenen Vorwürfe sind nicht rechtskräftig festgestellt. Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Die Europäische Investitionsbank EIB hatte zuvor die Finanzierung einer rund 21 Kilometer langen Teilstrecke in Zentralbosnien unterbrochen. Dadurch standen die Bauarbeiten dort nach Medienberichten mehrere Monate still. Andere Abschnitte des Korridors Vc, insbesondere in der Herzegowina, werden weiterhin gebaut. Es wäre daher falsch, von einer vollständigen Einstellung des gesamten Autobahnprojekts zu sprechen.
Der Korridor Vc ist als Verbindungsachse zwischen Budapest und dem kroatischen Hafen Ploce geplant und führt über Osijek, Sarajevo und Mostar. Für den bosnisch-herzegowinischen Abschnitt ist eine Gesamtlänge von rund 340 Kilometern vorgesehen. Bis Ende März 2026 waren davon etwa 148,5 Kilometer fertiggestellt und für den Verkehr freigegeben. Das Vorhaben wird in erheblichem Umfang durch europäische Kredite und Fördermittel finanziert, weshalb mögliche Unregelmäßigkeiten nicht nur bosnische Haushaltsmittel, sondern auch die finanziellen Interessen der Europäischen Union berühren.
Die Ermittlungen könnten für den weiteren Bau entscheidend werden. Erst nach Abschluss der Verfahren wird feststehen, ob tatsächlich Vorschriften verletzt, Ausschreibungen manipuliert oder EU-Gelder zweckwidrig eingesetzt wurden.