Fünfzehn Jahre nach Utøya tragen Überlebende und Angehörige eine Last, die mit jedem Jahrestag schwerer wird.
Am 22. Juli 2011 läuft der damals 18-jährige Magnus Håkonsen auf der Insel Utøya um sein Leben. Zunächst begreift er nicht einmal, dass er fliehen muss. Als er Schüsse hört, hält er sie für Feuerwerkskörper – und bewegt sich genau auf die Geräusche zu.
„Dann sehe ich plötzlich 30, 40 Menschen auf mich zurennen und schreien: ‚Lauf, lauf um dein Leben!'“, erzählt er. Er rennt bis ans Ende der Insel, wirft sich einen Abhang hinunter und springt ins Wasser. „Da sehe ich, dass jemand oben steht und auf mich zielt.“ Mehrere Schüsse verfehlen ihn nur knapp, Håkonsen stolpert und fällt. „Da habe ich gedacht, ok, das war’s. Jetzt sterbe ich.“
Magnus Håkonsen stirbt an diesem Tag nicht. Er kämpft sich durch den eiskalten Tyrifjord und rettet sich erschöpft auf ein Boot. 69 andere, viele davon seine Freunde, überleben den Tag nicht. Die meisten werden vom rechtsextremen Terroristen Anders Behring Breivik erschossen, einige ertrinken auf der Flucht.
Als Polizist verkleidet war der Attentäter mit der Fähre auf die Insel gelangt, auf der die Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten ihr Sommerlager abhielt – für Hunderte junger Menschen der Höhepunkt des Sommers, mit politischen Diskussionen, Baden und Volleyballspielen.
Begonnen hatte dieser Tag, der als der dunkelste in der Geschichte Norwegens in die Annalen eingehen sollte, auf Utøya mit heftigem Regen, erinnert sich Håkonsen: „Ich hatte mich erkältet und wollte am Abend abreisen.“ Dann erfährt er von einem Freund, dass es im Osloer Regierungsviertel eine Explosion gegeben haben soll.
Die genauen Hintergründe sind den Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt: dass eine von Breivik gezündete Autobombe acht Menschen das Leben kostet und viele weitere verletzt. Und dass der Täter bereits mit dem Auto in Richtung Utøya unterwegs ist, während Polizei und Rettungskräfte ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den Anschlag in Oslo richten.
Dennoch macht sich auf der Insel Unruhe breit. Alle werden zusammengerufen, viele greifen zum Telefon und rufen ihre Eltern an – mit der Botschaft: Keine Sorge, hier sind wir sicher. Auch Merete Stamneshagen spricht in dieser Zeit noch einmal mit ihrer Tochter Silje. Es wird das letzte Mal sein, dass sie ihre Stimme hört.
Als die Nachrichten von den Schüssen auf Utøya sie erreichen, versucht Stamneshagen erneut, ihre Tochter zu erreichen: „Sie ging nicht dran.“ Gemeinsam mit ihrem Mann macht sie sich auf den Weg zur Insel – sieben Stunden Fahrt: „Wir sind ohne Pause durchgefahren.“
In einem als Sammelstelle genutzten Hotel hängt eine Liste mit den Namen jener, die es ans Ufer geschafft haben. Siljes Name fehlt darauf. „Es dauerte eine ganze Woche, bis wir endgültig Gewissheit hatten“, erzählt Merete Stamneshagen. „Sie war mit drei Schüssen in den Kopf getötet worden und man hatte sie auf dem ‚Pfad der Verliebten‘ gefunden.“ Mehr als eine Stunde lang hatte Breivik auf Utøya ungehindert schießen können.
Jährlicher Countdown
Heute ist der schmale Weg, der am steilen Ufer der Insel entlangführt, ein Ort des Gedenkens. Fünfzehn Jahre sind seit dem Anschlag vergangen. Der Mörder, dem 77 Menschenleben zur Last gelegt werden, wird aller Voraussicht nach den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen.
Doch gerade in den Wochen vor dem Jahrestag holt die Vergangenheit Überlebende und Angehörige ein. „Es ist so ein schleichendes Gefühl“, beschreibt Magnus Håkonsen, der sich wie Stamneshagen in der Selbsthilfegruppe für die Betroffenen des 22. Juli engagiert. „Man ist dünnhäutiger, schneller gereizt, wird leichter traurig, reagiert empfindlicher.“ Sobald die Gedenkfeier vorbei sei, falle eine große Last von ihm, „dass der Tag wieder überstanden ist“.
Hanne Waagan kennt dieses Gefühl. Sie nennt es „das 22.-Juli-Gefühl“. „Es kommt jedes Jahr wieder, und dann fühlt es sich an wie ein Countdown bis zum Jahrestag.“ Waagan war 17 Jahre alt, als sie das Sommerlager auf der Insel besuchte. Kurz zuvor hatte sie sich neue Gummistiefel gekauft. „Als ich mich auf Utøya verstecken musste, blieben sie dort liegen, weil ich keine Zeit mehr hatte, sie anzuziehen“, erzählt sie. Erst mit 30 Jahren schafft sie es, sich neue Gummistiefel zu kaufen.
Über das, was damals auf der Insel geschah, möchte sie nicht sprechen. Das Erlebte – und vor allem die Zeit danach – hat sie in einem Theaterstück verarbeitet. Der Titel: „Das Mädchen in Gummistiefeln“. „Gummistiefel klammern sich irgendwie an deine Beine. Deshalb sind sie ein Symbol für ein Trauma, das auf eine Art immer dabei ist“, sagt Waagan. Für sie bedeutet das unter anderem, dass sie sich nie vollständig sicher fühlt: „Ich bin immer wachsam.“
Wie man mit einem Trauma weiterlebt, das alles andere, Normale im Leben überschattet – darum geht es in ihrem Stück. Aber noch um etwas anderes: „Der 22. Juli ist so gewaltig groß, so massiv“, sagt Waagan. „Deshalb ist es wichtig, dass wir nicht nur allgemein darüber sprechen, sondern durch so eine persönliche Geschichte, wie wir sie auf der Bühne erzählen.“
Gegen das Vergessen
Magnus Håkonsen arbeitet heute als Lehrer für Gesellschaftskunde. Der 22. Juli ist fester Bestandteil des Lehrplans. Wenn seine Schüler ihn fragen, antwortet er offen aus seiner eigenen Perspektive: „Ich kann nicht darüber sprechen, was damals passiert ist, ohne zu sagen, dass ich dort war.“ Das Gespräch darüber ist für ihn aber noch aus einem weiteren Grund bedeutsam: „Es ist eine Gelegenheit, über rechtsextreme Kräfte zu sprechen, und wie diese versuchen, Gruppen gegeneinander auszuspielen.“
Auf Utøya seien damals ganz unterschiedliche Jugendliche zusammengekommen, erzählt er – „von den größten politischen Nerds bis zu denjenigen, die gehört hatten, dass es ein Fußballturnier gibt und wir am Lagerfeuer Lieder singen und Gitarre spielen“. Manche Überlebende leiden bis heute unter schweren psychischen und körperlichen Folgen. Anderen gelingt es, mit ihrem Trauma umzugehen. Einige haben politische Karriere gemacht.
Mehrere Ministerinnen und Minister der aktuellen norwegischen Regierung haben den Anschlag von 2011 selbst überlebt. Doch immer wieder müssten sich Sozialdemokraten von politischen Gegnern vorhalten lassen, die „Utøya-Karte“ zu ziehen, wenn sie über den Terror von damals sprächen, sagt Håkonsen – also den Anschlag politisch für sich zu instrumentalisieren. Der 33-Jährige hält das für einen gefährlichen Irrtum: „Wir müssen den Mut haben, ehrlich darüber zu sprechen, wie gefährlich antidemokratische Denkweisen sind.“
Auch Merete Stamneshagen kämpft deshalb gegen das Vergessen. „Der 22. Juli war nie wichtiger als heute, denn das rechtsextreme Milieu wächst – und junge Menschen, die 2011 noch nicht einmal geboren waren, feiern Breivik für das, was er getan hat.“ Zum Jahrestag kehrt Stamneshagen nach Utøya zurück, um Silje und ihrer Freunde zu gedenken. Wie sie möchte, dass man sich an ihre Tochter erinnert? „Sie war nicht jemand, der jedem Trend folgte, um wie alle anderen zu sein“, sagt Stamneshagen. „Da bin ich wirklich ziemlich stolz drauf: dass sie ganz sie selbst war.“