Ein neuer Wirkstoff setzt dort an, wo andere aufhören – und liefert Daten, die selbst Fachleute aufhorchen lassen.
Neue Studiendaten zum Wirkstoff Survodutide zeigen: Die Substanz bewirkt nicht nur eine deutliche Gewichtsabnahme, sondern greift gezielt in die Fettverteilung ein – mit besonders ausgeprägter Wirkung auf Bauchfett und Fetteinlagerungen in der Leber. Mehrere kürzlich publizierte Wirksamkeitsstudien belegen diese Effekte. Hinter dem Wirkstoff steht der deutsche Pharmariese Boehringer Ingelheim, der Survodutide nach dem Abschluss großer zulassungsrelevanter Phase-III-Studien zur Marktreife führen will.
Das Mittel entfaltet seine Wirkung über zwei Mechanismen: Es aktiviert GLP-1-Rezeptoren und ahmt gleichzeitig das körpereigene Hormon Glukagon nach, das die Fettverbrennung ankurbelt.
GLP-1 im Wandel
Die sogenannten GLP-1-Rezeptoragonisten – bekannte Vertreter sind Ozempic und Wegovy – haben die Therapie von Adipositas in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Ursprünglich für die Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt, stellte sich ihr gewichtsreduzierender Effekt erst später heraus, als höhere Dosierungen eingesetzt wurden. Inzwischen forschen mehrere Pharmaunternehmen an Wirkstoffen, die an mehreren molekularen Angriffspunkten gleichzeitig wirken, um die Effekte der GLP-1-Rezeptoragonisten zu übertreffen. Tirzepatide etwa setzt sowohl an GLP-1- als auch an sogenannten GIP-Rezeptoren an.
Vor einigen Wochen wurden Daten aus zwei Studien mit Survodutide präsentiert, an denen 725 adipöse Patientinnen und Patienten ohne Diabetes teilnahmen – mit einem mittleren BMI von 37,9 und einem durchschnittlichen Körpergewicht von 108,8 Kilogramm. Die randomisierten und verblindeten Untersuchungen wurden beim Jahreskongress der amerikanischen Diabetologengesellschaft ADA vorgestellt und im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht. Die Studienteilnehmer injizierten sich einmal wöchentlich entweder 3,6 Milligramm oder sechs Milligramm Survodutide beziehungsweise ein Scheinmedikament. Der Beobachtungszeitraum erstreckte sich über 76 Wochen.
Deutliche Fettwerte
Die Ergebnisse beim Gewichtsverlust waren hochsignifikant: Wer die niedrigere Dosis erhielt, nahm im Schnitt 12,2 Prozent seines Körpergewichts ab, bei der höheren Dosis waren es 13 Prozent. In der Placebogruppe betrug die Abnahme lediglich 5,4 Prozent. Bei einer Teilgruppe von je 25 Probanden aus den drei Armen wurden zusätzlich Magnetresonanzuntersuchungen zur Fettverteilung durchgeführt – mit bemerkenswerten Resultaten.
Die Wissenschaftler hielten fest: „Survodutide in einer Dosis von sechs Milligramm führte zu einer Reduktion des Gesamtkörperfetts um 27,8 Prozent, des viszeralen Fetts um 34,0 Prozent und des Fetts in der Leber um 63,1 Prozent (…).“ Zum Vergleich: In der Placebogruppe reduzierten sich das Gesamtkörperfett um 9,5 Prozent, das viszerale Fett um 11,8 Prozent und das Leberfett um 24,5 Prozent.
Im Juni gab Boehringer Ingelheim bekannt, dass eine zulassungsrelevante Phase-III-Studie bei Menschen mit Adipositas oder Übergewicht eine durchschnittliche Gewichtsreduktion von 16,6 Prozent erzielte und sowohl die primären Endpunkte zur Gewichtsreduktion als auch den wichtigsten sekundären Endpunkt zur Reduktion des Taillenumfangs erreichte.
Vergleichbare Ergebnisse lieferte eine Studie von Lee Kaplan vom Obesity and Metabolism Institute in Boston, die Probanden mit bestehender Fettlebererkrankung oder einem erhöhten Erkrankungsrisiko untersuchte. Diese Untersuchung wurde in „Nature Medicine“ publiziert. In Österreich ist die Erkrankung weit verbreitet: Rund jeder dritte Mann und jede vierte Frau sind von einer Fettleber betroffen. Zwei Prozent der Betroffenen entwickeln daraus eine chronische Leberentzündung – jene Erkrankung, die weltweit zum häufigsten Grund für eine Lebertransplantation geworden ist.