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Integrationsgeschichte

Vom Gastarbeiterkind zum Chef: Der Wandel der Balkan-Community in Österreich

Vom Gastarbeiterkind zum Chef: Der Wandel der Balkan-Community in Österreich
(FOTO: Mit KI erstellt)
5 Min. Lesezeit |

Ihre Großeltern kamen nach Österreich, um zu arbeiten und sich etwas aufzubauen. Ihre Kinder wuchsen bereits zwischen zwei Sprachen und zwei Welten auf. Heute sind deren Nachkommen Unternehmer, Ärzte, Juristen, Techniker, Führungskräfte, Kreative und Angestellte in praktisch allen Bereichen. Innerhalb weniger Generationen hat sich die Balkan-Community in Österreich grundlegend verändert.

Als am 4. April 1966 das Anwerbeabkommen zwischen Österreich und dem damaligen Jugoslawien in Kraft trat, war die Ausgangslage eine völlig andere als heute. Die österreichische Wirtschaft benötigte Arbeitskräfte und zahlreiche Menschen aus Jugoslawien kamen ins Land, um hier zu arbeiten.

Was zunächst als zeitlich begrenzte Arbeitsmigration gedacht war, entwickelte sich zu einem dauerhaften Teil Österreichs. Viele blieben, holten ihre Familien nach und bauten sich hier ein Leben auf. Die Stadt Wien bringt diese Entwicklung heute selbst auf eine einfache Formel: Aus Gästen wurden Wiener. Die Arbeitsmigration aus dem damaligen Jugoslawien habe wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen und Wien bis heute geprägt.

Aus einem Aufenthalt wurde ein Zuhause

Sechs Jahrzehnte später sprechen wir längst nicht mehr nur über die klassische Gastarbeitergeneration. Aus den Menschen, die damals nach Österreich kamen, sind Familien mit Kindern, Enkelkindern und teilweise bereits Urenkeln geworden.

Wie groß diese Geschichte inzwischen ist, zeigen auch aktuelle Zahlen. Anfang 2026 lebten allein rund 122.500 serbische Staatsangehörige in Österreich. Auch Menschen mit kroatischer sowie bosnisch-herzegowinischer Staatsangehörigkeit zählen zu den größten ausländischen Bevölkerungsgruppen des Landes. Menschen, die mittlerweile österreichische Staatsbürger sind, werden dabei noch gar nicht mitgezählt.

Insgesamt leben in Österreich rund 652.400 Menschen der sogenannten zweiten Generation: Sie selbst wurden bereits hier geboren, ihre Eltern jedoch im Ausland. Damit ist aus Zuwanderung längst österreichische Familiengeschichte geworden.

Der berufliche Wandel ist deutlich

Besonders sichtbar wird die Veränderung im Berufsleben. Während die erste Generation stark von klassischen Arbeiterberufen geprägt war, sieht die berufliche Struktur ihrer Nachkommen heute deutlich anders aus.

Nach Zahlen von Statistik Austria waren 2024 noch rund 36 Prozent der Erwerbstätigen der ersten Zuwanderungsgeneration Arbeiter. In der zweiten Generation lag dieser Anteil nur noch bei rund 18 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Angestellten, Beamten, Vertragsbediensteten und freien Dienstnehmer von rund 53 Prozent in der ersten Generation auf 67 Prozent in der zweiten Generation.

Hinter diesen nüchternen Zahlen steckt eine enorme gesellschaftliche Entwicklung. Der Sohn eines Fabrikarbeiters arbeitet heute vielleicht als IT-Spezialist. Die Tochter einer Reinigungskraft wird Ärztin oder Juristin. Andere führen Teams, eröffnen Unternehmen, übernehmen Familienbetriebe oder arbeiten in Medien, Banken, Schulen und internationalen Konzernen.

„Vom Gastarbeiterkind zum Chef“ ist deshalb weniger eine einzelne Karrieregeschichte als ein Symbol für das, was innerhalb weniger Generationen möglich geworden ist.

Bildung verändert die Möglichkeiten

Auch beim Bildungsniveau zeigt sich über längere Zeit ein Wandel. Das aktuelle Statistische Jahrbuch „Migration & Integration 2026“ hält fest, dass sich der Bildungsgrad von Menschen mit Migrationsgeschichte im langfristigen Vergleich deutlich verbessert hat.

Besonders bei der zweiten Generation zeigt sich eine Annäherung an die Bildungsstruktur der Bevölkerung ohne Migrationsgeschichte. Bei mittleren Ausbildungsabschlüssen wie Lehre oder berufsbildender mittlerer Schule erreicht die zweite Generation mittlerweile einen Anteil von 44 Prozent, gegenüber 29 Prozent in der ersten Generation.

Für viele Familien ist Bildung deshalb zu einem zentralen Teil ihrer Geschichte geworden. Die erste Generation kam nach Österreich, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Die folgenden Generationen nutzen jene Möglichkeiten, die ihre Eltern und Großeltern mit aufgebaut haben.

Zwei Heimaten müssen kein Widerspruch sein

Interessant ist auch, wie sich die Zugehörigkeit entwickelt hat. Viele Menschen aus der Balkan-Community müssen sich offenbar längst nicht mehr zwischen Österreich und dem Herkunftsland ihrer Familie entscheiden.

In der Migrationserhebung 2026 gaben 77,8 Prozent der in Bosnien und Herzegowina geborenen Befragten an, sich Österreich zugehörig zu fühlen. Bei den in Serbien Geborenen waren es 72,1 Prozent. Gleichzeitig fühlt sich rund die Hälfte weiterhin auch dem jeweiligen Herkunftsland verbunden. Für Kroatien weist diese konkrete Erhebung keinen eigenen Vergleichswert aus, da in Kroatien geborene Personen 2026 nicht zu den dafür ausgewählten Befragtengruppen gehörten.

Genau darin liegt vielleicht eine der größten Veränderungen gegenüber früher. Österreich ist für viele nicht mehr nur das Land, in dem gearbeitet wird. Es ist das Land, in dem man geboren wurde, zur Schule gegangen ist, Karriere macht, eine Familie gründet und seine Zukunft plant. Gleichzeitig bleiben Sprache, Familie, Essen, Musik und die Verbindung zum Balkan ein selbstverständlicher Teil der eigenen Identität.

Eine Generation hat den Weg bereitet

Die Entwicklung der Balkan-Community in Österreich ist deshalb auch eine Geschichte über Generationen.

Die ersten Gastarbeiter kamen, als Österreich dringend Arbeitskräfte benötigte. Sie arbeiteten, gründeten Familien und blieben. Ihre Kinder wuchsen bereits hier auf. Und deren Kinder bewegen sich heute ganz selbstverständlich in einer Gesellschaft, an deren Aufbau ihre Großeltern mitgewirkt haben.

Der berufliche und gesellschaftliche Weg ist dabei längst nicht mehr vorgegeben. Heute kann aus einer Familie, die vor 60 Jahren als Gastarbeiterfamilie nach Österreich kam, eine Ärztin, ein Unternehmer, eine Managerin, ein Lehrer oder ein Ingenieur hervorgehen.

Vielleicht ist genau das die größte Veränderung: Die Großeltern kamen nach Österreich, um hier zu arbeiten. Ihre Enkel müssen heute niemandem mehr erklären, warum sie hier sind. Österreich ist längst auch ihre Heimat.

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KO KOSMO-Redaktion
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