Vom schmächtigen Teenager zum muskelbepackten Jugendlichen – der Körperkult unter jungen Männern nimmt besorgniserregende Ausmaße an. Die Angst, als „Lauch“ zu gelten, treibt viele ins Extrem.
Der 17-jährige Max fällt durch seinen muskulösen Körperbau auf – breite Schultern und ausgeprägter Bizeps prägen seine Erscheinung. Vergleiche ich dies mit meiner eigenen Jugend, erkenne ich einen deutlichen Wandel: Damals dominierten bei Teenagern ab 15 Jahren eher schlanke, schmale Silhouetten. Heute scheint diese Körperform verpönt – oder wie Max es ausdrücken würde: niemand möchte als „Lauch“ gelten. Die Furcht vor einem schmächtigen Erscheinungsbild scheint weit verbreitet. Bei einem Kaffeegespräch berichtete eine Freundin kürzlich besorgt: „Meinen Sohn bekomme ich nicht mehr zu Gesicht, der ist nur noch in der Muckibude. Ich mache mir langsam Sorgen, alles dreht sich nur noch um seinen Körper.“
Die sozialen Medien haben in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beigetragen, dass sich nicht nur bei jungen Frauen, sondern auch bei männlichen Jugendlichen die Körperideale gewandelt haben. Professorin Silja Vocks, Forscherin für Körperbild- und Essstörungen an der Universität Osnabrück, erläutert: „Essstörungen treten zwar immer noch zu 90 Prozent bei Mädchen und Frauen auf, dafür ist bei Jungen eine körperdysmorphe Störung wahrscheinlicher.“ Menschen mit Muskeldysmorphie – umgangssprachlich auch Muskelsucht genannt – empfinden ihre eigene Muskulatur als unzureichend. Vocks betont, dass dabei das Streben nach einem möglichst muskulösen Erscheinungsbild im Mittelpunkt stehe.
Typischerweise gehe dies mit strengem Diätverhalten einher – viel Protein, wenig Fett – sowie mit Training, das die körperlichen Belastungsgrenzen überschreitet. Besonders junge Männer leiden unter diesem kaum sichtbaren Druck: Eine US-Studie belegt, dass viele männliche Personen jene Körper am attraktivsten finden, die durchschnittlich 14 Kilogramm mehr Muskelmasse aufweisen als ihr eigener. Obwohl Muskeldysmorphie vergleichsweise selten auftritt, warnt Silja Vocks davor, die klinische Bedeutung zu unterschätzen.
Gefährliche Fixierung
Laut meiner Freundin kann Max nur noch Urlaube planen, wenn ein Fitnessstudio vor Ort verfügbar ist. Zudem sage er regelmäßig Verabredungen ab, um sein Training nicht zu verpassen. Er selbst erkennt darin kein Problem – schließlich würden alle so handeln. Silja Vocks stellt klar: „Sport an sich ist erst mal etwas Gutes. Gefährlich wird es, wenn der Körper zu sehr im Fokus steht und das Leben und die Gedanken wirklich nur noch um Muskelaufbau kreisen, alles andere nebensächlich wird.“ Man kein Interesse mehr an sozialen Beziehungen hat, nicht mehr in der Schule mitkommt und beim Essen nur noch daran denkt, wie man sich jetzt am besten ernährt, dass die Muskeln wachsen oder zumindest erhalten bleiben.
Jede Form von Extremverhalten birgt Risiken. Sobald die Nahrungsaufnahme nicht mehr nach Hunger- und Sättigungsgefühl erfolgt, sondern ausschließlich nach einem rigiden Ernährungsplan, sollte man sein Verhalten kritisch hinterfragen. Drei Packungen Magerquark täglich und ein Kilogramm Hähnchenfleisch stellen keine ausgewogene Ernährung dar, sondern dienen lediglich einem bestimmten Zweck. Vocks weist darauf hin, dass Eltern aufmerksam werden sollten, wenn ihre Kinder sich ständig wiegen, ihre gesamte Ernährung mit Apps dokumentieren oder im Spiegel permanente Körperkontrollen durchführen.
Gesellschaftlicher Druck
Die Betroffenen selbst nehmen häufig nicht wahr, wenn sportliche Aktivität zum Zwang mutiert, da in unserer von Fitnesskult und Optimierungsdrang geprägten Gesellschaft die übermäßige Beschäftigung mit dem äußeren Erscheinungsbild weitgehend akzeptiert wird. Frauen sollen dem aktuellen Schönheitsideal entsprechend schlank sein, während Männer muskulös auftreten sollen. Diese Vorstellungen werden in Modemagazinen, auf Laufstegen und besonders auf Social-Media-Plattformen propagiert, wo Jugendliche täglich mehrere Stunden verbringen.
Muskulösität gilt dabei seit jeher als Inbegriff von Männlichkeit – schließlich gibt es kaum einen Action-Helden ohne beeindruckende Muskelmasse. Dass junge Menschen davon beeinflusst werden, erscheint daher kaum verwunderlich.
Zudem hat sich rund um den Fitnesstrend eine lukrative Industrie entwickelt. Influencer vermarkten Trainingsprogramme, Proteinshakes und Nahrungsergänzungsmittel mit dem Versprechen auf den vermeintlich idealen Körper.
Boom bei Fitnessstudios und Krafttraining
Die Entwicklung spiegelt sich auch in Zahlen wider: Die Zahl der Fitnessstudiomitgliedschaften in Deutschland ist 2024 auf ein Rekordniveau von 11,71 Millionen gestiegen – ein Anstieg von 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr und damit erstmals über dem Niveau vor der Pandemie. Besonders die jüngeren Generationen Z und Alpha treiben diesen Trend voran, wobei Kraft- und Fitnesstraining zu ihren bevorzugten Sportarten zählen.
Die Fixierung auf den eigenen Körper zeigt sich auch in der täglichen Zeitinvestition: Junge Menschen in Deutschland verbringen im Schnitt täglich 34 Minuten mit sportlicher Aktivität, was einen leichten Anstieg gegenüber den Vorjahren darstellt. Auffällig dabei: Digitale Medien und Fitness-Apps spielen eine immer größere Rolle bei der Trainingsgestaltung und verstärken den Optimierungsdruck durch permanenten Vergleich mit anderen.
Der Trend zum durchtrainierten Körper ist längst nicht mehr nur ein Randphänomen, sondern hat sich zu einem Massenphänomen entwickelt – mit potenziell problematischen Folgen für die psychische Gesundheit junger Menschen, wenn daraus ein zwanghaftes Verhalten erwächst.