Die größte Bedeutung erreichte Bijelo Dugme nach dem Ende Jugoslawiens
Nach dem Zerfall des Landes wurde die Band zu einem Symbol des Gemeinsamen, das es nicht mehr gibt.
Ihre Songs wurden im Nachhinein Ausdruck der Sehnsucht nach einem normalen Leben voller Liebeskummer, Kater und was eben sonst dazugehört, einem Leben jenseits von Krieg und Hass.
So betrachtet erreichte Bijelo Dugme ihre wahre Bedeutung nach dem Ende der Band.
Einen Einblick gibt etwa diese Reportage von Rüdiger Rossig für die taz vom Zagreber Konzert von Bijelo Dugme auf der ersten Revivaltour 2005.
„Vor dem Auftritt in der kroatischen Hauptstadt Zagreb hörte ich in einem Café zwei ältere Damen: „Gehst du heute Abend auch zu Brega?“ – „Nein, leider nicht, irgendwer muss schließlich auf die Urenkel aufpassen.“ Enddreißiger berichten, dass es für sie als Teenager nur drei Bands auf der Welt gab: Abba, Boney M und Bijelo Dugme. Vor der Bühne im Zagreber Maksimir-Stadion fand sich eine Gruppe von 17-Jährigen, die blaue T-Shirts und rote Halstücher trugen und sich als „Bregas Pioniere“ vorstellten – eine Anspielung auf den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Tito und die kommunistische Jugendorganisation zu Zeiten des gemeinsamen Staates von Bosniern, Kroaten und Serben.“
Auch für Josefina erlangte Bijelo Dugme nach dem Ende der Band und dem Zerfall Jugoslawiens ihre vielleicht eigentliche Bedeutung. Während des Krieges hatte sich Josefina von der Dijaspora aus dem zerfallenen Land isoliert, sprach die Sprache nicht mehr.
„Erst als in Berlin die BalkanBeats Parties gefeiert wurden und eine deutsche Freundin mit mir hinging, „Komm, so schlimm kann es nicht sein“, hab ich wieder Mut gefasst und das Erste was lief, auf der Party war ein Lied von Bijelo Dugme… Đurđevdan… Alle haben laut mitgesungen. Ich hab so geweint, singend. All der Schmerz. All die Verachtung, nur weil ein Teil meiner Selbst serbischer Abstammung war und der Krieg mir meine Identität als Jugoslawin nahm, all das brach aus mir heraus.“
Vielleicht, so könnte man formulieren, war Jugoslawien kulturell nie präsenter als nach seinem Zerfall in einer Band, die sich schon Jahre aufgelöst hatte.
Bis heute ziehen die regelmäßigen Revival-Tournees Bijelo Dugmes Abertausende im ehemaligen Jugoslawien und in der Dijaspora an.
Die Band und das untergegangene Land, das sie verkörpert, haben etwas von Untoten an sich.
Untote freilich, die Hoffnung geben auf ein Leben jenseits der Grenzen, jenseits des Hasses und jenseits des Krieges.

Das gilt nicht nur für die, die Bijelo Dugme als aktive Band miterlebt haben.
Es kommen nicht nur Menschen jenseits der 40 zu den Konzerten der Band. Die Dugmići, wie man die Fans nennt, gibt es in der mittlerweile dritten Generation. (Siehe etwa diese Reportage.)

Jugoslawien und seine erfolgreichste Band haben zumindest in der Popkultur eine Zukunft, wie es scheint.
Wenn man das nicht als Legende bezeichnen kann, kann man nichts eine Legende nennen.
Sretan ti rođendan, legendo!
Balkan Stories, Christoph Baumgarten
Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.
Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.