Mit einer neuen Öl-Pipeline zur ungarischen Grenze will Serbien seine Energieversorgung umgestalten. Das 157-Millionen-Euro-Projekt soll die Abhängigkeit von Kroatien verringern.
Strategischer Kurswechsel
Serbien leitet einen strategischen Kurswechsel in seiner Energiepolitik ein. Das Land ist derzeit vollständig auf die kroatische JANAF-Pipeline (Adria-Öl-Pipeline) angewiesen, um seinen Kraftstoffmarkt zu versorgen. Ohne diese Verbindung vom Hafen Omisalj auf der Insel Krk zur Raffinerie Pancevo stünde der serbische Kraftstoffmarkt vor massiven Problemen.
Diese Abhängigkeit hat in den vergangenen Jahren eine zusätzliche geopolitische Brisanz erhalten. Grund dafür sind die Sanktionen gegen Russland und die Tatsache, dass der Betreiber der Raffinerie Pancevo, NIS, mehrheitlich in russischem Besitz ist. Vor diesem Hintergrund gewinnt ein neues Infrastrukturprojekt besondere Bedeutung: Das staatliche Unternehmen Transnafta Pancevo hat kürzlich eine Ausschreibung für den Bau einer alternativen Pipeline von der ungarischen Grenze nach Novi Sad gestartet.
In den offiziellen Ausschreibungsunterlagen wird das Projekt als Vorhaben von nationalem Interesse bezeichnet. Es soll die Importrouten diversifizieren, die Abhängigkeit von einem einzigen Transitweg verringern und die Versorgungssicherheit des heimischen Marktes verbessern. Die geplante Pipeline würde an das ungarische System angeschlossen werden und damit Zugang zur europäischen Druschba-Route (Ölpipeline-Netzwerk) schaffen, die weite Teile des Kontinents mit Öl versorgt.
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Projekt-Dimensionen
Das Projekt hat beachtliche Dimensionen: Auf serbischem Gebiet soll die Pipeline etwa 113 Kilometer lang werden und eine jährliche Kapazität von 5,5 Millionen Tonnen aufweisen. Frühere Kostenschätzungen belaufen sich auf bis zu 157 Millionen Euro. Obwohl der Endpunkt in Novi Sad liegen soll, könnte das Öl über bestehende Leitungen weiter zur Raffinerie Pancevo transportiert werden, wodurch diese einen alternativen Versorgungsweg erhielte.
Eine zusätzliche Dynamik erhält das Projekt durch die laufenden Übernahmeverhandlungen zwischen der ungarischen MOL Group und NIS. Sollte der ungarische Energiekonzern tatsächlich Eigentümer des wichtigsten serbischen Ölunternehmens werden, würde das Interesse am Bau der neuen Pipeline über Ungarn noch deutlicher zutage treten. In diesem Szenario würde Ungarn ein direktes wirtschaftliches Interesse an der Versorgung Serbiens gewinnen, während Serbien eine Importroute erhielte, die vollständig innerhalb der EU-Infrastruktur verliefe.
Strategische Bedeutung
Die Abhängigkeit von der kroatischen JANAF-Pipeline würde zwar verringert, diese bliebe jedoch weiterhin ein wichtiger Versorgungsweg. Die neue Pipeline würde damit von einem reinen Staatsprojekt zu einer strategischen regionalen Investition aufsteigen. Trotz dieser Entwicklung wird die JANAF-Pipeline noch jahrelang eine Schlüsselrolle bei der Versorgung Serbiens spielen.
Mit dem Start des neuen Pipeline-Projekts und dem möglichen Einstieg von MOL bei NIS schafft Serbien jedoch erstmals seit Jahrzehnten eine realistische Alternative. Dies bedeutet nicht das Ende der Zusammenarbeit mit Kroatien, wohl aber eine Verringerung der energiepolitischen Verwundbarkeit und eine Stärkung der staatlichen Verhandlungsposition.
In der Energiewirtschaft gilt: Alternative bedeutet Sicherheit – und Serbien hat nun einen Prozess eingeleitet, der genau diese Sicherheit gewährleisten soll.