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REPORTAGE

Bosnisches Gebirgspferd: Wiener Ehepaar kämpft für den Rassenerhalt

Bosnisches Gebirgspferd_Bekićs (FOTO: zVg., KOSMO)

In den österreichischen Archiven und in Fachbüchern findet man viele Informationen über unser bosnisches Pferd, dessen Wert einst allgemein bekannt war. Das Ehepaar Bekić aus Wien hat in Bosnien und Herzegowina ein Gestüt gegründet, um ihm eine Überlebenschance zu bieten.

Einst diente das Bosnische Gebirgspferd auf den Bauernhöfen des Balkans als Arbeitstier. Da es nicht anspruchsvoll, aber sehr leistungsfähig ist, hielten die Menschen es gerne, bis die modernen Landmaschinen seine Kraft und Ausdauer zu ersetzen begannen. Dann wurde es seinem Schicksal und dem langsamen Aussterben überlassen. Heute gäbe es diese Rasse vermutlich schon nicht mehr, hätten sich nicht Azra und Amir Bekić, ein Wiener Ehepaar bosnisch-herzegowinischer Herkunft, seiner angenommen.

„Alles begann im Juni vor drei Jahren, als wir mit den Kindern ein paar Tage im Ethno-Dorf Vrtoče in B-H verbrachten. Wir waren begeistert. Und so habe ich meinem Mann vorgeschlagen, für die Kinder ein Nonius-Fohlen zu kaufen, damit wir einen Grund hätten, öfter dorthin zu fahren. Wir kauften die kleine Luna. Und da wir keinerlei Erfahrung mit Pferden hatten, begann mein Mann zu recherchieren, und so entstand unser Interesse an unserer einheimischen Rasse, dem Bosnischen Gebirgspferd. Besonders interessierte uns die Tatsache, dass die Rasse buchstäblich im Aussterben begriffen war. Schon bald kauften wir eine Stute und einen Hengst dieser Rasse, aber wir ahnten noch nicht, dass wir bald die weltweit größten Züchter des Bosnischen Gebirgspferdes werden sollten“, führt uns Azra Bekić, eine Soziologin, die heute auch lizenzierte Partnerin der internationalen pferdegestützten Ausbildungsorganisation HorseDream ist, in ihre Geschichte ein.

Rettung einer seltenen Rasse
Die Aktion zur Rettung des Bosnischen Gebirgspferds nahm ernsthaft Gestalt an, als die Bekićs von dem Gestüt Borike hörten, das nach 127 Betriebsjahren geschlossen werden sollte.

„Unser nationales Gestüt Borike bei Rogatica, das in seiner Blütezeit das bekannteste Zuchtzentrum Europas war, wurde 1897 gegründet und unterstand direkt der österreichisch-ungarischen Regierung. Später ging es an das Königreich Jugoslawien über und noch später, in der SFRJ, wurde in diesem Gestüt die Zucht des hochwertigen Bosnischen Gebirgspferds und des Boriker Arabers fortgesetzt. Leider war die Situation seit den neunziger Jahren sehr problematisch, weil das System sich nur unzureichend um das Gestüt und seine Pferde kümmerte. Irgendwann erreichte uns die Information, dass Pferde, dieses große Juwel unserer Gesellschaft, aus dem Gestüt verschwänden und dass die übrigen in einem sehr kritischen Zustand seien. Wir erfuhren, dass sie hungerten und dass es keine Unterstützung von der umliegenden Bevölkerung gab, sodass sie den Winter 2018/19 nur schwer überstanden hätten. Darum entschlossen wir uns 2019, die verbliebenen 22 hochwertigen, aber ausgezehrten Bosnischen Gebirgspferde zu kaufen und aus dem Gestüt Borike herauszuholen. Durch ihre Übersiedelung auf den Hof Čardaklije im Dorf Vrtoče bei Bosanski Petrovac, das dem Landwirt Zoran Radošević gehört, haben wir die Pferde mit seiner Hilfe gerettet und ihnen die weitere Reproduktion und das Überleben gesichert. Ich kann mit Stolz sagen, dass wir im Gestüt Bosnian Mountain Horse heute fast 50 Tiere haben und dass diese Zahl durch selektive Züchtung weiter steigt“, betont der bekannte Geschäftsmann Amir Bekić, Gründer und Geschäftsführer der Adriatic Group GmbH.
Mit den erworbenen Pferden kam das Ehepaar Bekić in den Besitz der umfangreichen und wertvollen Dokumentation, die die Herkunft und die Qualitäten dieser Rasse belegt.

„Im Gestüt Borike arbeiteten jahrzehntelang hochqualifizierte Pferdezüchter, es wurden Zuchtbücher geführt und die Strukturen aus österreich-ungarischer Zeit wurden gewahrt. Dank diesem sorgfältigen System hat jedes unserer Pferde seinen Stammbaum, der bis zu acht Generationen zurückreicht, was die wissenschaftliche Erforschung des Bosnischen Gebirgspferdes, über das berühmte internationale Pferdezuchtexperten bereits viele Bücher geschrieben haben, sehr erleichtert. Unsere Idee ist, dass wir die sogenannte selektive Züchtung auch weiterhin fortsetzen, das bedeutet, dass wir den Stammbaum jedes einzelnen Tieres beachten, damit es nicht zu Inzucht kommt, was das genetische Material dieser Exemplare und ihrer Nachkommen beeinträchtigen würde. Was die Exemplare betrifft, die die Fachleute als hochwertige Tiere einstufen, so versuchen wir, durch bestimmte Kreuzungen Nachkommen von höchster Qualität zu bekommen, sodass diese Rasse nicht nur überleben kann, sondern sich auch fortentwickelt und weltweit neuen Respekt erwirbt“, erzählt Frau Azra voller Enthusiasmus.

Aus der Art, wie das Ehepaar Bekić von dem Bosnischen Gebirgspferd erzählt, lässt sich unschwer schließen, dass ihnen das Projekt nicht nur aus materiellem Interesse ans Herz gewachsen ist. Denn sie retten einen Schatz, der zu unserer Region gehört, und das zu einem guten Teil aus eigenen Mitteln.

Die Bekićs haben 22 wertvolle, aber sehr erschöpfte Pferde gekauft und diese an eine sichere Pflegestelle gebracht.

„Das Bosnische Gebirgspferd ist die einzige lebende Rasse, die die Gene des Przewalski-Wildpferdes in sich trägt, was auch wissenschaftlich nachgewiesen ist. Das ist die älteste autochthone Rasse auf dem Balkan und gehört zu den Bergponys, ist ca. 140 cm groß und wiegt ca. 300 kg. Außer den Genen besteht auch in der Anatomie unseres Pferdes ein Beweis dafür. Es gibt einen Knochenteil, der bei anderen Rassen verkümmert und verwachsen ist, während er beim Bosnischen Pferd funktional ist, und ein Nackenligament, das bei dieser Rasse am siebten und bei allen anderen bereits am fünften Halswirbel endet. Aber da es sich um ein Gebirgspferd handelt, sind seine Instinkte sehr ausgeprägt, es ist stabil, ausdauernd und benötigt nicht allzu viel Pflege. Als wir uns der Rettungsaktion für diese seltene Sorte angeschlossen haben, gab es weltweit nur ca. 200 reinrassige Exemplare, während es heute bereits ca. 300 sind, wozu auch unser Gestüt seinen Beitrag geleistet hat. Ich muss erwähnen, dass Herr Anton Dolinšek aus Slowenien und Herr Enver Žiga aus Visoko bei Sarajevo die ganze Geschichte mit der Rettung der Rasse initiiert haben. Ihnen gebührt das größte Verdienst daran, dass das Bosnische Gebirgspferd nicht ganz verschwunden ist“, betont Amir Bekić.

Das Gestüt ist ein ernsthaftes Projekt
Im Gestüt des Ehepaars Bekić gibt es eine Linie von Hengsten und Stuten, bei denen vor etwa sieben Generationen das Blut von Araberpferden eingekreuzt wurde. Doch das betrifft nur eine kleinere Zahl, während bei den meisten nachgewiesen ist, dass jeder ihrer Vorfahren ein reinrassiges Bosnisches Gebirgspferd war. Diese Qualität findet man in der Welt nur selten, egal, um welche Rasse es sich handelt.

Jedes Pferd hat seinen eigenen Stammbaum.

„Heute gibt es unter den Hengsten vier lebende Linien. Zwei Linien heißen Miško und Barut. Sie sind in Borike entstanden und bestehen schon seit Jahrzehnten. Die Miško-Linie ist die älteste, sie datiert von 1932, Barut von 1934. Die Kollegen Dolinšek und Žiga haben zwei eigene Linien gezüchtet: Durmitor und Đulbeg. Das sind vier Linien Hengste, die alle bei uns leben. Was die weiblichen Stutenfamilien betrifft, so sind bei uns neun von insgesamt fünfzehn Linien vertreten, und in Zukunft werden wir es schaffen, auch alle anderen in unser Gestüt aufzunehmen. In der internationalen Nomenklatur trägt das Bosnische Gebirgspferd diesen Namen bereits seit österreichisch-ungarischer Zeit. Es wurde so genannt, obwohl es nach unserer freieren Auffassung eigentlich ein balkanisches Pferd ist, weil es nicht nur in B-H vorkam, sondern auch in Teilen Westserbiens, in der kroatischen Lika usw. Das heißt, in einer freieren Interpretation können wir es einfach UNSER Pferd nennen“, berichtet Herr Bekić inspiriert über seine Lieblinge.

Die Bekićs sehen in ihrer längerfristigen Planung vor, das bestehende Gestüt auf zwei bis drei Orte in B-H auszuweiten, denn sie erwarten, dass die Zahl der Pferde aus diesem Zuchtzentrum irgendwann dreistellig sein wird.

„Das Bosnische Gebirgspferd ist die einzige lebende Ras-se, die die Gene des Przewalski-Wildpferdes in sich trägt.” (FOTO: KOSMO)

„Unser Wunsch, an dessen Verwirklichung wir sehr engagiert arbeiten, ist auch, einen Teil der Pferde nach Österreich zu verlegen und auch hier mit diesem Projekt zu starten. Denn in der Geschichte gab es schon in der Zeit, als Bosnien noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte, viele Verbindungen zwischen dem österreichischen Staat und dem Bosnischen Gebirgspferd. Es gibt in den österreichischen Archiven auch aus der Zeit des ersten Weltkriegs umfangreiche Dokumente, in denen führende Militärexperten erklären, dass sie sich den Kriegsverlauf ohne unser Bosnisches Gebirgspferd so nicht vorstellen konnten. In dieser Zeit waren Pferde sowohl an der Ostfront wie auch an der Westfront ganz wichtige Faktoren. Bei der Logistik, dem Transport von Soldaten und Verwundeten, von Lebensmitteln und allem anderen spielte das Bosnische Pferd eine große Rolle, und an der Westfront fanden Schlachten teils auf 2.000 m Meereshöhe statt. Für die Überführung eines Teils des Gestüts nach Österreich gibt es zwei Gründe. Einer ist, dass wir auch weiterhin unter den Bedingungen eines geregelten Systems und einer genauen Prozessbeobachtung an der selektiven Züchtung des Bosnischen Gebirgspferds arbeiten wollen. Auf der anderen Seite würde sich meine Frau in ihrer beruflichen Arbeit dafür engagieren, dieses so hochwertige und gute Geschöpf nicht nur den Menschen aus unserer Region, sondern auch den Österreichern näherzubringen. Sie wird in ihren Projekten zeigen, wie viel wir alle von den Pferden lernen können, und das ist viel mehr, als die Pferde von uns lernen“, erläutert uns Amir Bekić seine Pläne.

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