Eine überraschende Reise des CIA-Direktors John Ratcliffe nach Moskau sorgt für Spekulationen. US-Medien zufolge soll der Geheimdienstchef Russland vor einer Eskalation gegenüber NATO-Staaten gewarnt haben. Der Kreml bestätigt die Gespräche – über deren genauen Inhalt schweigen beide Seiten.
CIA-Direktor John Ratcliffe ist am Dienstag zu Gesprächen nach Moskau gereist. Offiziell wurde zunächst nur wenig darüber bekannt, was bei dem Besuch besprochen wurde.
Der Kreml bestätigte inzwischen, dass Ratcliffe mit Vertretern der russischen Geheimdienste zusammenkam. Präsident Wladimir Putin selbst nahm an den Gesprächen nicht teil, wurde laut Kremlsprecher Dmitri Peskow anschließend aber über deren Ergebnisse informiert.
Warnung wegen NATO-Staaten
Nach Berichten des „Wall Street Journal“ und weiterer US-Medien soll Ratcliffe eine deutliche Botschaft überbracht haben. Demnach warnte er die russische Seite vor einer möglichen Eskalation gegenüber NATO-Mitgliedern.
Besonders im Fokus sollen die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen gestanden haben. Das „Wall Street Journal“ berichtet unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen, dass neue US-Geheimdiensterkenntnisse Sorgen über mögliche russische Schritte gegen NATO-Staaten ausgelöst hätten.
Auch eine Reduzierung der russischen militärischen und finanziellen Unterstützung für den Iran soll laut Medienberichten Thema gewesen sein. Offiziell bestätigt wurden diese konkreten Gesprächsinhalte bislang nicht. Die Vorlage selbst verweist ebenfalls darauf, dass über die Gespräche nur wenig bekannt wurde.
Trump spielt Bedeutung herunter
US-Präsident Donald Trump bestätigte Ratcliffes Aufenthalt in Russland. Die Bedeutung der Reise stellte er allerdings deutlich anders dar.
Trump bezeichnete den Besuch als eine Art „Semi-Routine“ und widersprach Darstellungen, wonach die Reise unmittelbar mit einer möglichen russischen Aktion gegen NATO-Staaten oder dem Konflikt mit dem Iran zusammenhing.
Er verwies stattdessen auf das amerikanische Ziel, den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beenden.
Experte: „Die Lage ist ernst“
Der Sicherheitsexperte Nico Lange misst der Reise wesentlich größere Bedeutung bei. Gegenüber „BILD“ sagte er: „Die Lage ist ernst.“
Seiner Einschätzung nach könnte Ratcliffe eine direkte Warnung übermittelt haben. Lange beschreibt die Reise als eine Art Gefährderansprache nach dem Muster: Die USA wüssten über mögliche russische Vorhaben Bescheid und wollten Moskau davon abhalten. Dabei handelt es sich allerdings um die Einschätzung des Experten und nicht um eine offiziell bestätigte Erklärung zum Inhalt der Gespräche.
Als möglicher Gesprächspartner Ratcliffes gilt Sergej Naryschkin, der Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR. Der Kreml bestätigte Kontakte zwischen den Geheimdiensten, nannte jedoch keine vollständige Teilnehmerliste der Gespräche.
Erinnerungen an 2021
Besondere Aufmerksamkeit erhält die Reise auch wegen eines früheren Besuchs eines CIA-Chefs in Moskau.
Im November 2021 reiste der damalige CIA-Direktor William Burns nach Russland. Im Auftrag von US-Präsident Joe Biden warnte er die russische Führung damals vor den Folgen eines Angriffs auf die Ukraine.
Nur wenige Monate später, am 24. Februar 2022, begann Russland seine groß angelegte Invasion der Ukraine. Ratcliffes Besuch ist der erste bekannte Moskau-Besuch eines CIA-Direktors seit Burns‘ Reise 2021.
Politikwissenschaftler Peter Neumann sieht auch in der Wahl des Gesprächspartners ein Signal: Dass nicht Außenminister Marco Rubio, sondern der CIA-Direktor nach Moskau geschickt wurde, könne darauf hindeuten, dass hochsensible sicherheitspolitische Informationen und Botschaften im Mittelpunkt standen. Auch das bleibt eine Experteneinschätzung.