Ein gesägter Strommast, drei Tage kein Öl, wochenlange Stille – und jetzt ermittelt die Anti-Mafia.
Ein gezielter Angriff auf die Strominfrastruktur der Transalpinen Ölleitung hat Österreich und Teile Deutschlands für mehrere Tage in Versorgungsbedrängnis gebracht. Drei Tage lang floss kein Rohöl durch die TAL-Pipeline, die rund 90 Prozent des österreichischen Ölbedarfs abdeckt. Raffinerien in Süddeutschland meldeten in der Folge Engpässe bei der Versorgung.
Besonders brisant: Der Vorfall wurde zunächst zwei Wochen lang nicht öffentlich gemacht. Bereits am 25. März hatte der Netzbetreiber Terna die Beschädigung eines Strommastes in der Gemeinde Tolmezzo in der Provinz Udine nahe der Kärntner Grenze gemeldet. Drei Tage danach knickte der Mast schließlich um. Die rund zwölf Kilometer entfernte Pumpstation der TAL bei Paluzza, die das Öl über die Alpen nach Kötschach befördert, fiel aus, weil die Leitung für Reparaturarbeiten unterbrochen werden musste.
Gezielte Sabotage
Der Öffentlichkeit gegenüber war zunächst lediglich von einer „technischen Störung“ die Rede gewesen. Medienberichten zufolge wurde anfangs ein Erdrutsch als Ursache ins Spiel gebracht. Erst am 12. April folgte die Kehrtwende: Aus Italien hieß es plötzlich, die Ermittler gingen von „Sabotage“ aus.
Die Spuren am Tatort ließen keinen Zweifel: Der Strommast war mit einem Trennschneider „angesägt“ worden, sodass er mit zeitlicher Verzögerung nachgab. Die auf organisierte Kriminalität spezialisierte Abteilung der Gruppe für Spezialoperationen der italienischen Polizei übernahm die Ermittlungen. Das österreichische Innenministerium teilte mit, die Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst stehe mit den italienischen Behörden in engem Austausch.
Auch wenn die TAL für Österreich von zentraler Bedeutung ist und nahezu den gesamten Bedarf der OMV-Raffinerie Wien-Schwechat abdeckt, dürfte Österreich nicht das eigentliche Ziel des Angriffs gewesen sein. Das Energieministerium in Wien erklärte gegenüber der APA, die OMV habe über ausreichende Ölreserven am Standort Wien-Schwechat verfügt, sodass die Produktion zu keinem Zeitpunkt eingeschränkt war. Die TAL verläuft vom Hafen Triest ausgehend über Tirol weiter nach Deutschland und Tschechien und stellt vor allem für die Raffinerien in Süddeutschland sowie in Tschechien die zentrale Versorgungsader dar.
Un traliccio dell’alta tensione semi divelto, un atto doloso compiuto da mani esperte. Per l’intelligence è un sabotaggio quello avvenuto in #Carnia. pic.twitter.com/E8flvCKj33
— Tg1 (@Tg1Rai) April 11, 2026
Laut einem Bericht der „Welt“ kam es in Bayern und Baden-Württemberg mehrere Tage lang zu Versorgungsengpässen bei Benzin, Diesel und Kerosin. Erst am 30. März um 2 Uhr früh konnte die Pipeline nach Abschluss der Reparaturarbeiten an der Stromversorgung wieder in Betrieb genommen werden.
Spur auf dem Balkan
Die Frage nach den Verantwortlichen bleibt offen. Da sich der betroffene Strommast Nr. 416 der 132-kV-Leitung Tolmezzo–Paluzza in gebirgigem und schwer zugänglichem Gelände befindet, gehen die Ermittler nach Angaben der italienischen Zeitung „Il Messaggero“ von einem gezielten Angriff auf die Ölversorgung Zentraleuropas aus. Bei früheren vergleichbaren Angriffen auf Strommasten tauchten häufig Bekennerschreiben anarchistischer Gruppen auf. Diesmal blieb ein solches aus, wie „Il Messaggero“ berichtet.
Nach Angaben der serbischen Regierung soll am 5. April eine Bombe an einer Gaspipeline in Richtung Ungarn entdeckt worden sein. Die Ermittler prüfen nun, ob zwischen den beiden Vorfällen ein Zusammenhang besteht. Italienische Medien zitieren die Ermittler mit der Einschätzung, die Vorgehensweise deute auf professionelle, international agierende Akteure hin.
Die Anti-Mafia-Direktion Triest, eine Abteilung der ROS (Gruppo Operativo Speciale, Spezialeinheit der Carabinieri), hat den Fall übernommen. Unter anderem werden Satellitenbilder ausgewertet, um den genauen Zeitpunkt des Angriffs auf den Strommast eingrenzen zu können. Ob Russland hinter dem Angriff steckt, lässt sich derzeit weder bestätigen noch ausschließen.
Die 1967 in Betrieb genommene TAL-Pipeline ist 753 Kilometer lang und transportiert Rohöl vom Triester Hafen nach Deutschland, Österreich und Tschechien. Sie versorgt die Raffinerien der OMV, Bayernoil, Unipetrol in Tschechien sowie Gunvor und MiRO in Deutschland.
Mit einem Anteil von 25 Prozent ist die österreichische OMV der größte Gesellschafter des Pipeline-Unternehmens.