Hunderttausende Akten, unzählige Schwärzungen und ein Netzwerk der Mächtigen – die teilweise Veröffentlichung der Epstein-Dokumente bringt Licht ins Dunkel und neue Fragen.
Das US-Justizministerium hat am Freitag hunderttausende Akten im Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein veröffentlicht, nachdem die Behörde durch ein entsprechendes Gesetz zu diesem Schritt verpflichtet worden war. Die Veröffentlichung erfolgte innerhalb der vorgesehenen 30-Tage-Frist, allerdings wurden bislang nur Teile der umfangreichen Dokumentation zugänglich gemacht. Für die mehr als tausend Frauen, die als Überlebende des Missbrauchsrings des verstorbenen Multimillionärs auf vollständige Aufklärung hoffen, bedeutet dies eine weitere Enttäuschung in ihrem jahrelangen Kampf um Gerechtigkeit.
Die schrittweise und teils unangekündigte Veröffentlichung der Dokumente stellt für viele Betroffene eine emotionale Belastung dar. Annie Farmer, die im Alter von 16 Jahren von Epstein missbraucht wurde, beschrieb, wie die plötzlichen Veröffentlichungen schmerzhafte Erinnerungen wecken. Dennoch fand sie in den nun zugänglichen Unterlagen auch ein Dokument von besonderer Bedeutung: einen Nachweis, dass ihre Schwester Maria bereits 1996 mit dem FBI über Epsteins Verbrechen gesprochen hatte – Jahre vor dessen erster Anklage.
Präsident Trump, der im Wahlkampf die vollständige Offenlegung der „Epstein Files“ versprochen hatte, zeigt sich in seiner Amtszeit zurückhaltender und verweist auf den notwendigen Schutz Unschuldiger. Diese Haltung erscheint in neuem Licht, seit das Wall Street Journal im August Enthüllungen zu Trumps früheren Verbindungen zu Epstein veröffentlichte – ein Thema, das der Präsident seither zu kontrollieren versucht.
⇢ Trump unter Druck: Epstein-Dokumente werden entsiegelt
Jeffrey Epstein stand vor seiner Anklage wegen der Vergewaltigung junger Frauen und Mädchen. Die Ermittlungen legten ein weitverzweigtes Netzwerk offen, in dem Minderjährige an einflussreiche Männer aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltungsbranche vermittelt worden sein sollen. Der ehemalige Investmentbanker beging 2019 in seiner Gefängniszelle Suizid, bevor es zum Prozess kommen konnte.
Prominente Verbindungen
Die nun zugänglichen Dokumente umfassen umfangreiches Material – darunter Fotografien, Passagierlisten, ein Adressbuch, Klageschriften und Verhörprotokolle. Erste Analysen zeigen, dass Donald Trumps Name in den Unterlagen vorkommt, wenn auch nur vereinzelt. Auf einem Foto ist Epstein mit einem Scheck zu sehen, auf dem Trumps Name erkennbar ist, auf einem anderen Bild ein Buch des heutigen Präsidenten.
Der frühere US-Präsident Bill Clinton ist auf zahlreichen der veröffentlichten Fotos zu sehen – etwa in einem Pool mit Ghislaine Maxwell, Epsteins inzwischen verurteilter Komplizin, oder mit dem verstorbenen Popstar Michael Jackson. Auf vielen Bildern wurden weitere Personen unkenntlich gemacht, wie etwa auf einer Aufnahme, die Clinton in einem Privatflugzeug mit einer Frau auf seinem Schoß zeigt.
Die Dokumente enthalten auch zahlreiche Aufnahmen von Epstein und Maxwell selbst – etwa von Reisen oder ihrem New Yorker Domizil mit Treppenaufgängen, einem Arbeitsplatz mit mehreren Bildschirmen, Aktenschränken, Sexspielzeug, Badezimmern, Sportgeräten und Kleiderschränken. Weitere Prominente wie Rolling Stones-Sänger Mick Jagger, Schauspieler Kevin Spacey, Sängerin Diana Ross und Virgin-Gründer Richard Branson sind ebenfalls auf Fotos zu sehen.
Umstrittene Veröffentlichung
USA-Korrespondentin Claudia Bates wies auf die umfangreichen Schwärzungen in den freigegebenen Ermittlungsakten hin. Die unvollständige Veröffentlichung wird parteiübergreifend kritisiert. Vize-Justizminister Todd Blanche kündigte in einem Schreiben an den US-Kongress an, dass in den kommenden zwei Wochen weitere Unterlagen folgen würden.
Bereits vor der Veröffentlichung hatte Blanche erklärt, nicht alle Akten könnten fristgerecht zugänglich gemacht werden. Als Begründung führte er an: „Viele Augen sind auf die Dokumente gerichtet, und wir möchten sicherstellen, dass wir bei der Veröffentlichung der Materialien alle Opfer schützen.“
US-Kongressabgeordnete haben im Zusammenhang mit der Epstein-Affäre Bilder veröffentlicht, auf denen unter anderem Donald Trump mit leicht bekleideten Frauen zu sehen ist. Daraufhin kündigten mehrere Abgeordnete rechtliche Schritte an, darunter der Demokrat Ro Khanna, der gemeinsam mit Republikanern das Epstein-Akten-Transparenz-Gesetz erarbeitet hatte.
Der Gesetzestext verpflichtet Justizministerin Pam Bondi, „nicht später als 30 Tage nach Verabschiedung“ des Gesetzes „alle nicht als geheim eingestuften Aufzeichnungen, Dokumente, Mitteilungen und Ermittlungsmaterialien, die sich im Besitz des Justizministeriums befinden“ zu veröffentlichen. Dies gilt auch für Unterlagen der Bundespolizei FBI und der Staatsanwälte.
Laut Gesetz darf Justizministerin Bondi Informationen zurückhalten, die die Privatsphäre der Missbrauchsopfer beeinträchtigen würden, sowie Bilder und Videos von Missbrauchshandlungen. Namen und andere Angaben zu den Opfern dürfen geschwärzt werden, wie es bei bisher veröffentlichten Dokumenten bereits der Fall war.
Neu veröffentlichte Aufnahmen gewähren Einblicke in Epsteins karibische Privatinsel, auf der er seine Opfer missbraucht haben soll. Das Weiße Haus bemühte sich am Freitag, die Veröffentlichung als Beweis für Transparenz und Engagement für Gerechtigkeit darzustellen.
Allerdings bleibt nicht unbemerkt, dass Präsident Trump das Epstein-Akten-Transparenz-Gesetz lange nicht unterstützt hatte.