„Es sollte nicht zählen, welchen Namen man hat“

INTERVIEW

„Es sollte nicht zählen, welchen Namen man hat“

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Christoph-Wiederkehr
FOTO: Amel Topcagic

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Der 29-jährige Kopf der Wiener NEOS wurde 2018 als Nachfolger von Beate Meinl-Reisinger als Wien-Klubchef vorgestellt. Wir trafen ihn im neuen Szene-Lokal TESLA Coffee & Concept auf der äußeren Mariahilfer Straße zum Gespräch…

KOSMO: Sie selbst stammen aus einer Zuwandererfamilie. Man könnte sagen, Sie sind ein Musterbeispiel für gelungene Integration. War Integration überhaupt ein Thema in Ihrem Leben?
Christoph Wiederkehr: Bei mir nicht so stark. Meine Mutter ist aus Frankreich, mein Vater aus Ungarn und ich habe einen deutschsprachigen Namen ,,Wiederkehr“. Man merkt es mir nicht sofort an, dass ich aus einer Migrationsfamilie stamme. Bei meinen Eltern war Integration immer ein sehr wichtiges Thema. Sie wollten sich schnell als Österreicher fühlen und haben diese Werte auch an mich weitergegeben. Aus diesen Gründen war ich mit dem Thema Integration nicht so stark konfrontiert.

Lag es hauptsächlich an Ihrem österreichischen Namen? Erleichtert ein deutschsprachiger Name die Eingliederung in die Gesellschaft?
Ich glaube, es ist ganz sicher so. Ich sehe in Österreich ganz viel Diskriminierung gegenüber Menschen, die anders aussehen oder einen ausländischen Namen haben. Es entstehen oft Nachteile, die ich selbst nicht erleben musste. Ich bin der Meinung, es sollte nicht zählen, welchen Namen man hat, sondern was man bereit ist für die Gesellschaft zu leisten und dort hin müssten wir in Österreich auch hinkommen.

Ihre Mutter ist Französin und ihr Vater Ungar. Inwieweit hat Sie Ihre persönliche Familiengeschichte politisch geprägt?
Sehr stark sogar! Mein Vater ist im kommunistischen Ungarn aufgewachsen und während der Ungarnrevolution 1956 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Österreich geflohen. Seine Eltern sind in Ungarn geblieben, denn sie haben es nicht über die Grenze geschafft. Er konnte seine Eltern über Jahre hinweg nicht besuchen, weil es damals den eisernen Vorhang zwischen Ungarn und Österreich gab. Hier kam er in ein Internat in Salzburg. Dadurch dass mein Vater als minderjähriger Flüchtling direkt in ein Internat untergekommen ist, hat die Integration von Anfang an gut funktioniert. Er war nicht abgeschottet, sondern ein Teil der aufnehmenden Gesellschaft. Diese Familiengeschichte hat mich vor allem dahingehend geprägt, dass ich das vereinigte Europa und die europäische Union sehr schätze.

Sind Sie ein religiöser Mensch?
Ich bin in einem eher katholischen Umfeld aufgewachsen. Mit den Jahren bin ich jedoch vom katholischen Glauben abgekommen und sehe mich mittlerweile als Atheist. Das hat sich bei mir stark in der Jugend über eigenes Nachdenken über Gott und die Welt ergeben, sodass ich einfach keinen festen Glauben mehr habe.

„Ich sehe in Österreich ganz viel Diskriminierung gegenüber Menschen,
die anders aussehen oder einen ausländischen Namen haben.“

– Christoph Wiederkehr

Sie verlangen Ethikunterricht für alle und nicht nur konfessionslose Schüler. Soll Ethikunterricht den Religionsunterricht komplett ersetzen?
Was ich wichtig finde, ist das jede Schülerin und jeder Schüler in den Ethikunterricht geht, unabhängig davon, ob man einer Konfession angehört oder nicht. Die Idee des Ethikunterrichtes ist es, dass man über Religionsgrenzen hinweg, sich gemeinsam über Werte verständigt und über aktuelle Fragen unterhält. Da sollte die Religion keine Rolle spielen. Ich möchte einen Ethikunterricht für alle, bin jedoch der Meinung, dass diejenigen die weiterhin in einen konfessionellen Religionsunterricht gehen wollen, eine Möglichkeit dafür haben sollten. Meiner Meinung nach, ist ein Ethikunterricht für alle vor allem wichtig, um religiösen und kulturellen Konflikten entgegenzuwirken, welche wir in unserer pluralistischen Gesellschaft einfach haben.

Christoph Wiederkehr, der neue Aufdecker der Nation – vor allem, wenn es um die Stadt Wien geht. Sind Sie der neue Peter Pilz?
Ich bin auf jeden Fall der Aufdecker in der Stadt. Wir leben in einer schönen Stadt, aber es gibt einfach unglaublich viele politische Missstände, die es zu aufdecken gilt. Geld wird verantwortungslos verschwendet, Posten werden an die eigenen Freunde vergeben etc. – im letzten Jahr ganz stark im Zusammenhang mit dem Krankenhaus Nord. Dieses kostet 500 Millionen Euro mehr als angedacht und wir sehen hier anhand dieses Beispiels, was in der Stadt falsch läuft. Vor ein paar Wochen haben wir aufgedeckt, dass ein Kaffeetester 18.000 Euro dafür bekommen hat, um im Krankenhaus Nord die Kaffeemaschinen zu testen. Eine sehr teure Melange. Es geht um das Steuergeld von allen Wienerinnen und Wienern und da sehe ich es als meine Aufgabe, hier als Anwalt der Steuerzahler auf die Missstände aufzuzeigen.

Christoph Wiederkehr
FOTO: Amel Topcagic

Apropos Krankenhaus Nord. Beschreiben Sie das KH Nord mit einem Wort.
Skandalbau! Es ist unglaublich was da alles falsch gelaufen ist und die SPÖ behauptet nachwievor, es wäre ein voller Erfolg. Die Stadträtin Wehsely, welche dafür verantwortlich und über zehn Jahre hinweg Stadträtin war, übernimmt keinerlei politische Verantwortung dafür, dass das Krankenhaus Nord 500 Millionen Euro mehr kostet. Das ist eine ordentliche Summe Geld für die niemand verantwortlich sein will.

Unlängst haben Sie eine Anzeige gegen Ex-Stadträtin Sonja Wehsely bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft eingebracht. Was wollen Sie damit erreichen?
Es geht mir beim Krankenhaus Nord darum zu eruieren, wer politisch verantwortlich ist. Das machen wir in einer Untersuchungskommission. Des Weiteren sehe ich es als meine Aufgabe Verdachtsmomente, die möglicherweise strafrechtlich sind, den Gerichten zu melden. Das habe ich gemacht und nach einer sorgfältigen Prüfung durch den ehemaligen Staatsanwalt haben wir die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Das Resultat dieser Prüfung sind die Anzeigen gegen die damaligen Generaldirektoren Wehsely, Janßen und Balazs. Die Gerichte haben jetzt die Aufgabe zu prüfen, ob es strafrechtliche Versäumnisse gab. Dies kann ich nicht beurteilen, denn das müssen die Gerichte machen. Es kann nicht sein, dass es 500 Millionen Euro Mehrkosten gibt, aber keinerlei Konsequenzen.

„Generell lebe ich sehr gerne auf der Ottakringer Straße, denn es ist ein toller Stadtteil.“

– Christoph Wiederkehr

Nun kündigte die ehemalige Stadträtin eine Klage gegen die Wiener NEOS an. Sie sehen darin eher einen Einschüchterungsversuch vonseiten von Frau Wehsely. Wollen Sie damit sagen, dass die Klage haltlos ist?
Ich sehe dem Ganzen sehr entspannt entgegen. Ich habe meine Verantwortung wahrgenommen und habe Verdachtsmomente dem Gericht, respektive der Staatsanwaltschaft, weitergegeben. Ich lasse mich sicher nicht durch eine Anzeige seitens Frau Wehsely von unserem Weg abbringen. Die Wienerinnen und Wiener haben ein Recht darauf, dass überprüft wird, ob es etwas gab was strafrechtlich relevant war. Ich lasse mich nicht einschüchtern.

Im Mai steht die EU-Wahl an. Sie haben keine KandidatInnen mit Migrationshintergrund aus dem ehemaligen Jugoslawien. Wird sich das bei der Wien Wahl 2020 ändern?
Ganz sicher sogar. Wir haben nämlich ganz hervorragende Mitglieder und Funktionsträger innerhalb von NEOS Wien, die aus dem ehemaligen Jugoslawien kommen. Wie zum Beispiel unsere Bezirksrätin und Klubvorsitzende für den zweiten Wiener Gemeindebezirk, Selma Arapovic. Wir haben generell ganz viele tolle Menschen aus dieser Region die bei uns tätig sind und die werden ganz sicher auch kandidieren. Unsere einzige Abgeordnete zum EU-Parlament, Angelika Mlinar, gehört der slowenisch-kärntnerischen Minderheit an.

Sie waren jetzt in Rumänien, wo Sie politische Vertreter getroffen haben. Werden Sie demnächst vielleicht Westbalkan besuchen?
Geplant ist von meiner Seite vorerst einmal mein Sommerurlaub in Kroatien. (lacht) Das werde ich ganz sicher machen und ich freue mich bereits darüber. Politisch kann ich es mir auch sehr gut vorstellen. Vor allem weil unsere jetzige Abgeordnete zum EU-Parlament, Angelika Mlinar, bei der kommenden Wahl für die SAB in Slowenien kandidieren wird. Man könnte sie besuchen um sich auszutauschen. Es ist mir sehr wichtig mit unseren liberalen Schwesterorganisationen auch am Westbalkan im intensiven Kontakt zu sein.

„Krankenhaus Nord ist ein absoluter Skandalbau,
welcher alle Wienerinnen und Wiener 500 Millionen Euro mehr kostet.“

– Christoph Wiederkehr

Sie wohnen auf der Ottakringer Straße. Wo essen Sie Ihre Ćevapčići am liebsten?
Direkt ums Eck bei mir gibt es den Balkanika-Grill mit hervorragenden Ćevapčići. Die Portionen sind immer sehr groß und es schmeckt wirklich gut. Generell lebe ich sehr gerne auf der Ottakringer Straße, denn es ist ein toller Stadtteil. Man merkt wie multikulturell die Gegend ist. Menschen aus unterschiedlichen Nationen kommen hier zusammen und es ist immer buntgemischtes Leben dort.

Mehr über Christoph Wiederkehr

1990 in Salzburg geboren und inzwischen Chef der Wiener NEOS. Wiederkehr ist seit November 2015 Abgeordneter zum Wiener Gemeinderat und Landtag. Im Juli 2018 wurde er als Nachfolger von Beate Meinl-Reisinger als NEOS-Wien-Klubchef vorgestellt.

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