Eine Wiener Lehrerin schlägt Alarm und zeichnet ein Bild vom Schulalltag, das viele so nicht kennen.
Unterrichten drohe zur Randerscheinung zu werden – dieses beunruhigende Bild entwirft die Wiener Volksschullehrerin Susanne Wiesinger von ihrem beruflichen Alltag. In ihrem neuen, 192 Seiten umfassenden Buch mit dem Titel „Gebt unseren Kindern eine Chance! Was Österreichs Schulen jetzt brauchen“ schildert sie ihre Einschätzung der Lage. Das Buch ist im Ecowing-Verlag erschienen und seit August 2026 im Handel erhältlich. Gegenüber der „Kleinen Zeitung“ begründet Wiesinger ihr neuerliches öffentliches Auftreten mit Blick auf die Zukunft: „Wenn viele Schulen bereits jetzt mit dem Rücken zur Wand stehen, ahnt man, wie die Situation in zehn Jahren aussehen könnte.“
Die Pädagogin ist an einer Volksschule in der Nähe des Wiener Reumannplatzes tätig. Von rund 250 Schülerinnen und Schülern haben nach ihren eigenen Angaben lediglich acht keinen Migrationshintergrund. Inzwischen entfalle rund 70 Prozent ihrer Arbeitszeit auf das Schlichten von Konflikten, was dem eigentlichen Unterricht erheblich schade.
Als einen wesentlichen Grund für die Verschärfung dieser Verhältnisse nennt Wiesinger den derzeit ausgesetzten Familiennachzug. Dadurch sei die „Zahl jener Menschen, die sich in Österreich überhaupt nicht integrieren wollen, erheblich gestiegen“, erklärt die Lehrerin gegenüber der Tageszeitung.
Gewalt und Strukturen
Auch die Zusammenarbeit mit einem Teil der Elternschaft stoße zunehmend an Grenzen und sei teilweise „schier unmöglich geworden“. Als Ursache nennt Wiesinger unter anderem, dass „etliche Väter und noch mehr Mütter“ nicht alphabetisiert seien. Darüber hinaus beschreibt sie patriarchalische Strukturen innerhalb mancher Familien: Söhne würden „schon im Volksschulalter“ lernen, dass sie „über allen weiblichen Familienmitgliedern“ stehen.
Ältere Töchter müssten mitunter als „Ersatzmütter“ Verantwortung für jüngere Brüder übernehmen, berichtet die „Kleine Zeitung“. Wiesinger thematisiert zudem Familienkonstellationen mit mehreren Frauen. „Wer leugnet, dass es auch bei Familien, die nach Österreich geflohen sind, Männer mit mehreren Frauen gibt, will es entweder vertuschen oder ist grenzenlos naiv“, stellt die Lehrerin klar.
Besonders alarmiert zeigt sich Wiesinger angesichts der Gewaltbereitschaft unter Kindern. Sie spricht von einer „enormen Gewaltbereitschaft“ bereits bei sehr jungen Schülerinnen und Schülern. Buben würden schon im Volksschulalter mit „ungehemmter Gewalt aufeinander einschlagen“, berichtet Wiesinger in der „Kleinen Zeitung“.
Einen Faktor sieht sie in körperlicher Gewalt als „Erziehungsmittel“ in bestimmten Familien. Bestehende Angebote zur Gewalt- und Suchtprävention seien zwar „gut gemeint“, aus ihrer Sicht jedoch teilweise „völlig unbrauchbar“, weil Schülerinnen und Schüler „sprachlich wie inhaltlich überfordert“ seien. Auch Spannungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nimmt die Pädagogin wahr: „Immer mehr türkische und osteuropäische Einwanderer wollen ihre Kinder nicht mehr an die öffentlichen Schulen in ihrer Wohnnähe geben.“
Ein weiteres Problem ortet Wiesinger im Umgang mit Smartphones. „Beim Entlassen nach Unterrichtsschluss beobachte ich, wie vor allem Buben zu ihrer Mutter laufen und sofort nach deren Handy greifen“, schreibt sie in ihrem Buch. Ihrer Einschätzung nach verbringen manche Kinder zu Hause stundenlang Zeit mit dem Mobiltelefon. Wiesinger schildert dazu eine Beobachtung aus einer ersten Klasse: Einige Schüler hätten nicht gewusst, wie sie mit Bauklötzen spielen sollen, und stattdessen mit dem Finger darüber gewischt.
Auch in den Fächern Deutsch und Mathematik beobachtet Wiesinger wachsende Schwierigkeiten. Die Erfolge der Deutschförderung seien überschaubar. „Wie fühlt sich ein Dreizehnjähriger, den man in eine vierte Klasse mit Volksschülern steckt, die auch noch bessere Leistungen liefern? Diese Frage stellt man in unserem Bildungssystem nur selten“, so Wiesinger zur „Kleinen Zeitung“.
Forderungen und Lösungen
Wiesinger beschränkt sich jedoch nicht auf Kritik. Als mögliches Vorbild verweist sie auf Dänemark, wo besser bezahlte Pädagoginnen und Pädagogen in kleineren Gruppen arbeiten und Kinder bereits ab dem dritten Lebensjahr gezielt gefördert werden. In Österreich hingegen sieht sie Defizite bei der Sprachförderung im Kindergartenbereich und äußert sich kritisch zur steigenden Zahl an „verhüllten Pädagoginnen und Helferinnen in Wiener Kindergärten“.
Positiv bewertet Wiesinger die Lerncafés der Caritas und spricht sich für deren flächendeckende Ausweitung aus. Für besonders auffällige Jugendliche fordert sie sogenannte „Timeout-Klassen„, in denen sie in „speziellen Kleingruppen“ betreut werden sollen, „so lange, bis sich Systemsprenger wieder in die Klassengemeinschaft eingliedern können“. Entsprechende Klassen sind derzeit ab dem Schuljahr 2028/29 geplant.
Darüber hinaus bringt Wiesinger in ihrem Buch finanzielle Konsequenzen für nicht kooperierende Eltern ins Gespräch. Von einer stärkeren „Durchmischung“ der Schulen als Lösungsansatz hält sie inzwischen wenig – das wäre ihrer Meinung nach vor 15 Jahren noch realisierbar gewesen.