Die Grünen streben einen Imagewandel an und wollen sich künftig stärker als soziale und volksnahe Kraft positionieren, statt als reine Klimaschutz- und Verbotspartei wahrgenommen zu werden. Dies machte die neue Parteivorsitzende Leonore Gewessler am Montag im Ö1-„Morgenjournal“ deutlich.
„Wir müssen uns ganz fest verankern als Partei an der Seite aller Menschen – auch jener, die auf ein Auto angewiesen sind oder sich im Supermarkt bücken müssen, weil Biosiegel-Produkte zu teuer sind„, erklärte Gewessler.
In ihrer Selbstreflexion räumte Gewessler Versäumnisse ein. Die Partei habe es offenbar nicht immer geschafft, Menschen jenseits urbaner Milieus zu erreichen. „Wenn der Eindruck entstanden ist – wie mir ein Ehepaar aus Vorarlberg erzählt hat – dass man die Grünen nicht wählen kann, wenn man ein Auto besitzt, dann haben wir etwas falsch gemacht.“
Thematische Neuausrichtung
Ungeachtet dieser Selbstkritik bleibt die Verkehrswende für Gewessler ein zentrales Anliegen. Der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel müsse möglichst unkompliziert gestaltet werden. Allerdings plant die Partei, künftig auch Themen wie Wirtschaft, Sicherheit, Bildung und Gleichberechtigung stärker zu betonen – und dort ebenso verlässlich zu agieren „so wie beim Klimaschutz“, betonte Gewessler.
Diese Neuausrichtung spiegelt sich auch im neuen Kampagnenmotto „Grün hält“ wider, mit dem die Partei gezielt um Vertrauen werben will. Gewessler kündigte an, künftig mehr zuhören zu wollen und weniger fertige Konzepte „von oben“ zu präsentieren, um das Vertrauen in die Partei zu stärken.
In der laufenden Budgetdebatte stehen besonders kostenintensive Klimamaßnahmen wie das ÖBB-Klimaticket, dessen Preis steigen soll, in der Kritik. Gewessler weist jedoch jede Verantwortung dafür zurück: „Die Grünen haben viel gemacht, aber ich war keine Minute Finanzministerin“, stellte sie klar. Stattdessen kritisierte sie „Privilegien“ für internationale Digitalkonzerne und ausländische Frächterlobbys, für die offenbar finanzielle Mittel vorhanden seien.
Soziale Staffelung
Der von Gewessler eingeführte Klimabonus war in die Kritik geraten, weil er unabhängig vom Einkommen ausgezahlt wurde – auch an Personen, die keine finanzielle Unterstützung wegen gestiegener Sprit- und Energiepreise benötigt hätten. Bei künftigen Anpassungen dieser Förderung befürwortet Gewessler eine soziale Staffelung. Eine ähnliche Herangehensweise schlägt sie bei der „kalten Progression“ (automatische Steuererhöhung durch Inflation) vor, deren Abschaffung erhebliche Steuerausfälle verursacht habe. „Ich kann mir vorstellen, bei den oberen Einkommen regulierend einzugreifen“, sagte sie im Interview.
In ihrer Rolle als neue Parteivorsitzende betonte Gewessler, dass die Grünen zwar Opposition betreiben werden – aber nicht um jeden Preis: „Wir Grünen können Opposition, darauf können sich alle verlassen.“
Aber wenn es gute Vorschläge gibt, werden wir diese auch unterstützen“ – etwa bei erforderlichen Zwei-Drittel-Mehrheiten.
Gewessler steht dabei mit der vollen Rückendeckung ihrer Partei an der Spitze der Grünen. Bei ihrer Wahl zur Bundessprecherin am 29. Juni 2025 erhielt sie 96,7 Prozent der Delegiertenstimmen, ohne dass Gegenkandidaten angetreten wären. Die Partei präsentiert sich damit nach außen geschlossen hinter ihrem neuen Kurs, der die Grünen als Kraft positionieren soll, die konkrete Alltagssorgen der Menschen in Politik übersetzt.