Keine Artikel gefunden
Versuche einen anderen Suchbegriff
Familienkultur

„Jesi se udebljala?“ – warum bei uns jeder dein Gewicht kommentiert

„Jesi se udebljala?“ – warum bei uns jeder dein Gewicht kommentiert
(FOTO: Mit KI erstellt)
4 Min. Lesezeit |

Du hast die Familie seit sechs Monaten nicht gesehen. Du kommst durch die Tür, freust dich auf die Begrüßung – und noch bevor du richtig sitzt, fällt der erste Satz: „Jesi se udebljao?“ Oder das genaue Gegenteil: „Smršao si, šta ti je?“ Willkommen bei einer Form von Smalltalk, die auf dem Balkan erstaunlich direkt sein kann.

Manchmal braucht es dafür nicht einmal sechs Monate. Zwei Wochen Urlaub reichen völlig. Irgendeine Tante, Oma oder Nachbarin schaut dich drei Sekunden lang an und kommt zu einem medizinisch nicht überprüften, aber sehr selbstbewusst vorgetragenen Ergebnis: Du hast zugenommen. Du hast abgenommen. Du siehst müde aus. Du bist blass. Oder du musst unbedingt mehr essen. Das Faszinierende daran: Egal wie du aussiehst – irgendjemand findet immer etwas.

„Smršao si!“ ist nicht immer ein Kompliment

Wer in Österreich aufgewachsen ist, erlebt solche Kommentare häufig anders als ältere Familienmitglieder. Gewicht, Körper und Aussehen gelten für viele als persönliche Themen. In manchen Balkan-Familien wird dagegen erstaunlich direkt darüber gesprochen. Nicht zwingend böse, oft nicht einmal kritisch – sondern eher wie über das Wetter: Man stellt fest, was man glaubt zu sehen.

„Smršao si.“ Du hast abgenommen. „Jesi bolestan?“ Bist du krank? Zwei Sekunden später steht bereits ein Teller vor dir. Denn wenn Oma der Meinung ist, dass du zu dünn bist, wird das Problem selbstverständlich sofort praktisch gelöst.

Und wenn du zugenommen hast?

Dann wird es ebenfalls nicht unbedingt subtiler. „Malo si se popravio.“ Du hast dich ein bisschen „verbessert“ – eine dieser Formulierungen, bei denen man kurz überlegen muss, ob man gerade gelobt oder analysiert wurde. Manchmal kommt es liebevoll, manchmal ungeschickt, manchmal schlicht zu direkt. Was für die ältere Generation als harmlose Beobachtung gemeint ist, kann für die jüngere ziemlich unangenehm sein.

Familie kennt keine Presseabteilung

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied: In engen Familien wird häufig weniger gefiltert. Fremden würde man manche Dinge niemals sagen. Der eigenen Tochter, dem Neffen oder Cousin dagegen schon – weil man sich nahe ist und glaubt, offen reden zu können. Das kann schön sein, wenn Ehrlichkeit gefragt ist. Es kann aber auch Grenzen überschreiten. Nicht jede Bemerkung über Gewicht, Haut, Haare oder Kleidung muss ausgesprochen werden, nur weil man Familie ist.

„Jedi!“ – fünf Minuten nach dem Gewichtskommentar

Besonders widersprüchlich wird es am Esstisch. Erst heißt es: „Udebljao si se.“ Fünf Minuten später: „Uzmi još.“ Nimm noch. Du sagst, dass du satt bist. „Ma šta si jeo?“ Was hast du denn gegessen? Man soll also offenbar gleichzeitig nicht zunehmen und trotzdem noch eine zweite Portion essen. Wie genau dieses System funktionieren soll, wurde bis heute nicht abschließend geklärt.

Die jüngere Generation setzt häufiger Grenzen

Viele reagieren heute anders auf solche Kommentare. Manche lachen darüber, andere sagen direkt: „Bitte kommentiere mein Gewicht nicht.“ Das ist kein Angriff auf die Familie, sondern oft einfach ein Zeichen dafür, dass sich gesellschaftliche Grenzen verändern. Was früher als normaler Gesprächseinstieg galt, wird heute bewusster hinterfragt. Und vielleicht ist das auch gut so. Nähe bedeutet schließlich nicht, dass jedes persönliche Thema automatisch öffentliches Familiengut ist.

Trotzdem steckt oft Sorge dahinter

Gerade bei Eltern und Großeltern ist die Absicht häufig weniger oberflächlich, als der Satz klingt. „Du bist dünner geworden“ kann auch bedeuten: Geht es dir gut? Isst du genug? Arbeitest du zu viel? „Du siehst müde aus“ kann heißen: Pass auf dich auf. Die Formulierung ist manchmal ziemlich direkt – die Botschaft dahinter aber oft Fürsorge.

Vielleicht braucht es deshalb beides: ein bisschen mehr Feingefühl von der Familie und ein bisschen Verständnis dafür, dass nicht jeder Satz böse gemeint ist. Was hört ihr häufiger: „Smršao si“ oder „Jesi se udebljao?“

Unabhängiger Journalismus braucht Unterstützung

Guter Journalismus entsteht nicht nebenbei. Gründliche Recherche, sorgfältige Faktenprüfung und eine kritische Einordnung brauchen Zeit, Erfahrung und Ressourcen. Damit wir weiterhin unabhängig berichten können – frei von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss – sind wir auf deine Unterstützung angewiesen.

Hilf mit, unabhängigen Journalismus zu sichern.
KO KOSMO-Redaktion
Teilen