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Generationenkonflikt

„Šta će ljudi reći?“ – Warum uns die Meinung der anderen so wichtig ist

„Šta će ljudi reći?“ – Warum uns die Meinung der anderen so wichtig ist
(FOTO: Mit KI erstellt)
5 Min. Lesezeit |

Du willst den Job kündigen? „Was werden die Leute sagen?“ Mit 30 noch nicht verheiratet? „Was werden die Leute sagen?“ Scheidung, Tattoo, neuer Partner oder einfach ein Leben, das nicht in den Familienplan passt? Irgendwo sitzt offenbar immer jemand, dessen Meinung zuerst geklärt werden muss.

„Šta će ljudi reći?“

Vier Wörter, für die es im Balkan eigentlich keine weitere Erklärung braucht.

Wer in einer Familie aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien oder Montenegro aufgewachsen ist, hat diesen Satz vielleicht selbst schon einmal gehört.

Oder zumindest seine zahlreichen Verwandten:

„Šta će komšije misliti?“

„Šta će familija reći?“

Und der Klassiker: „Nemoj da nas brukaš.“

Dabei bleibt häufig eine entscheidende Frage unbeantwortet: Wer genau sind eigentlich diese „Leute“?

Die geheimnisvollen „Leute“

Niemand kennt sie persönlich.

Aber sie sind offenbar überall.

Sie wissen, wann du nach Hause kommst. Sie wissen, welches Auto du gekauft hast. Sie wissen, dass deine Tochter einen neuen Freund hat. Und selbstverständlich wissen sie auch, dass jemand aus der Familie nach acht Jahren Studium plötzlich beschlossen hat, doch etwas ganz anderes zu machen.

Zumindest fühlt es sich manchmal so an.

Die „Leute“ sind eine Art unsichtbares Familiengericht – ohne Adresse, ohne Öffnungszeiten, aber erstaunlich viel Einfluss.

Familie bedeutet auch Gemeinschaft

Ganz aus der Luft gegriffen ist dieses Gefühl nicht.

In Teilen des westlichen Balkans spielen Familie, Verwandtschaft und Gemeinschaft traditionell eine starke Rolle. Forschung zur Region beschreibt unter anderem kollektivistische Strukturen, in denen die erweiterte Familie stärker in Alltag und Erziehung eingebunden sein kann als in stärker individualistisch geprägten Gesellschaften. Eine serbische Untersuchung spricht zudem ausdrücklich von einem weiterhin einflussreichen „Familismus“.

Das hat viele positive Seiten.

Man hilft einander. Oma springt ein. Onkel kennt jemanden. Cousin fährt dich mitten in der Nacht zum Flughafen. Wenn etwas passiert, steht häufig innerhalb weniger Stunden die halbe Familie vor der Tür.

Doch dieselbe Nähe kann auch bedeuten, dass Entscheidungen selten nur als deine Entscheidungen betrachtet werden.

„Du kannst doch nicht einfach …“

Besonders interessant wird es bei großen Lebensentscheidungen.

Der Sohn möchte sein Studium abbrechen.

Die Tochter will mit einem Mann zusammenziehen, ohne vorher zu heiraten.

Jemand möchte sich scheiden lassen.

Ein anderer hat mit 35 weder Ehepartner noch Kinder und findet sein Leben trotzdem ziemlich in Ordnung.

Und plötzlich steht nicht nur die Frage im Raum, ob die Entscheidung für diese Person richtig ist.

Sondern auch:

„Wie sieht das für die Familie aus?“

Die neue Generation sieht vieles anders

Genau hier treffen in vielen Diaspora-Familien zwei Lebensmodelle aufeinander.

Eltern oder Großeltern wuchsen vielleicht in kleineren Orten auf, in denen Familie, Nachbarschaft und gesellschaftlicher Ruf einen viel größeren Teil des täglichen Lebens ausmachten.

Ihre Kinder wachsen dagegen in Wien, Graz oder Linz auf.

Sie lernen früh: Du entscheidest selbst, was du studierst, wen du liebst, ob du heiratest und wie du dein Leben führst.

Interessanterweise zeigen auch aktuelle Daten aus Bosnien und Herzegowina dieses Nebeneinander. Eine Untersuchung von 305 jungen Menschen stellte fest, dass jüngere Menschen stärker individuelle Freiheit und Wahlmöglichkeiten befürworten, während gleichzeitig traditionelle Familienvorstellungen weiter eine bedeutende Rolle spielen.

Vielleicht entsteht genau daraus einer der typischsten Generationenkonflikte der Diaspora.

„Mama, die Leute zahlen meine Rechnungen nicht“

Irgendwann kommt für viele der Moment, an dem die berühmten „Leute“ etwas von ihrer Macht verlieren.

Denn wer eine Beziehung führen, einen Beruf ausüben oder jeden Morgen in seinem eigenen Leben aufstehen muss, merkt schnell:

Die Nachbarin trägt nicht die Konsequenzen deiner Entscheidungen.

Der entfernte Cousin auch nicht.

Und die Tante, die beim Kaffee eine sehr klare Meinung über dein Leben hat, bezahlt am Monatsende ebenfalls nicht deine Miete.

Warum sollte sie also entscheiden, wie du leben musst?

Nicht jede Sorge ist Kontrolle

Trotzdem wäre es zu einfach, hinter jedem „Šta će ljudi reći?“ nur Engstirnigkeit zu sehen.

Für viele Eltern kommt diese Haltung aus einer Welt, in der der Ruf einer Familie tatsächlich wichtig sein konnte. Gemeinschaft bedeutete Sicherheit, Unterstützung und soziale Zugehörigkeit.

Und manches, was bei Kindern wie Einmischung ankommt, beginnt bei Eltern schlicht als Sorge.

Das Problem entsteht dort, wo die Meinung anderer wichtiger wird als das Leben des eigenen Kindes.

Und was werden die Leute sagen?

Vielleicht gar nichts.

Vielleicht reden sie zwei Tage darüber.

Vielleicht reden sie zwei Wochen darüber.

Und danach beschäftigt sie schon die nächste Hochzeit, Scheidung, Wohnung oder der neue Mercedes von jemand anderem.

Denn die wahrscheinlich größte Wahrheit hinter „Šta će ljudi reći?“ lautet: Die Leute denken viel weniger über unser Leben nach, als wir glauben.

Und selbst wenn sie reden?

Wie Mama ebenfalls gerne sagt:

„Neka pričaju.“

Wie oft habt ihr den Satz „Šta će ljudi reći?“ gehört – und bei welcher Entscheidung? Schreibt es uns in die Kommentare!

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KO KOSMO-Redaktion
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