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Notlösung

Pflegenotstand: MA11-Mitarbeiter nehmen Babys mit nach Hause

Pflegenotstand: MA11-Mitarbeiter nehmen Babys mit nach Hause
(Symbolbild FOTO: iStock)
4 Min. Lesezeit |

Babys in Mitarbeiterhaushalten, fehlende Kontrollen, sinkende Bewerberzahlen – bei der MA 11 häufen sich die Alarmsignale.

Der Stadtrechnungshof hat die Wiener Kinder- und Jugendhilfe, die MA 11, erneut unter die Lupe genommen – und dabei Befunde zutage gefördert, die erheblichen Erklärungsbedarf aufwerfen. Bereits im Jänner 2024 hatte die Kontrollbehörde einen Prüfbericht vorgelegt, in dem insgesamt 31 Empfehlungen ausgesprochen worden waren. Seither wurden davon lediglich elf tatsächlich umgesetzt, 14 befinden sich noch in Bearbeitung, fünf weitere sind zwar geplant, aber noch nicht angegangen – und eine Empfehlung soll nach aktuellem Stand überhaupt nicht realisiert werden.

Der neue Bericht aus dem Jahr 2025 dokumentiert darüber hinaus, dass die MA 11 angesichts massiver Engpässe bei Krisenpflegeplätzen ab Ende Juli 2025 zu einer außergewöhnlichen Maßnahme griff: Eigene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nahmen Babys und Kleinkinder in ihren privaten Haushalten auf. Konkret übernahmen laut Bericht fünf Beschäftigte aus den Bereichen Sozialarbeit und Sozialpädagogik Krisenpflegekinder im Alter von bis zu zwei Jahren.

Als Begründung wurde angeführt, dass sowohl externe Krisenpflegepersonen als auch institutionelle Krisenplätze für Säuglinge und Kleinkinder vollständig ausgelastet gewesen seien – die Maßnahme sei daher als Notlösung eingeführt worden. Die betroffenen Mitarbeitenden hätten sich laut MA 11 freiwillig gemeldet. Für die Übernahme der Betreuung erhielten sie Sonderurlaub im Ausmaß von drei Wochen bis knapp drei Monaten bei fortlaufendem Gehalt sowie Krisenpflegekindergeld inklusive Zuschlägen. Zusätzlich war die Beantragung von Familienbeihilfe möglich.

Fehlende Rechtsgrundlage

Der Stadtrechnungshof übt an dieser Vorgehensweise deutliche Kritik. Sowohl für die Unterbringung der Kinder in Privathaushalten von Mitarbeitenden als auch für die damit verbundenen Zusatzzahlungen habe es „keine Rechtsgrundlage“ gegeben. Zudem seien die betroffenen Beschäftigten gegenüber regulären Krisenpflegepersonen finanziell bevorzugt worden.

Besonders schwer wiegt aus Sicht der Prüfer, dass die betroffenen Mitarbeitenden keiner regulären Eignungsprüfung unterzogen wurden: Behördliche Abfragen wie Strafregisterauszüge oder Kontrollen durch Bezirkskommissariate unterblieben ebenso wie Hausbesuche zur Überprüfung der Wohnsituation. Auch wenn es sich um ausgebildete Fachkräfte handle, hätte die MA 11 dennoch „für die Gewährleistung des Kindeswohles Sorge tragen müssen“, hält der Bericht fest.

Den strukturellen Hintergrund der Maßnahme sehen die Prüfer in einem anhaltenden Mangel an Langzeitpflegeplätzen, insbesondere für Kinder unter drei Jahren. Dieser Engpass führe zu überlangen Aufenthalten in der Krisenpflege und damit zu einem Rückstau im gesamten System. Die MA 11 selbst verwies auf mehrere Ursachen: offene Obsorgeverfahren, fehlende Dokumente sowie eine unzureichende Zahl an Langzeitpflegeplätzen. Als Gegenmaßnahme wurden laut Bericht drei neue Langzeit-Wohngemeinschaften für Kleinkinder mit insgesamt 19 Plätzen eingerichtet.

Politische Reaktionen

Politische Reaktionen auf den Prüfbericht ließen nicht lange auf sich warten. ÖVP-Familiensprecherin Sabine Keri erklärte: „Wenn grundlegende Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden, gleichzeitig keine Kontrolle besteht und Mitarbeiter finanziell gegenüber Krisenpflegeeltern und Pflegeltern bevorzugt werden, dann brauchen wir uns nicht wundern, dass das System nicht funktioniert. Hier geht es um den Schutz von Kindern, und genau dieser Schutz wird derzeit nicht ausreichend gewährleistet.“

Auch die Familiensprecherin der Wiener Grünen, Ursula Berner, meldete sich zu Wort: „Das aufopferungsvolle Engagement der Mitarbeiter:innen ist beeindruckend, doch so weit dürften es die zuständige Stadträtin Emmerling und die MA 11 niemals kommen lassen. Es ist seit Jahren bekannt, dass die Krisenzentren unter enormen Engpässen leiden. Es braucht einen raschen Ausbau sowohl bei den Krisenpflegeeltern als auch in den Krisenzentren.“

Weiteren dringenden Handlungsbedarf ortet der Stadtrechnungshof bei der Gewinnung neuer Pflegepersonen. Zwar habe die MA 11 Informationsbroschüren erstellt, Fernsehauftritte organisiert und Informationsveranstaltungen angeboten – die Zahl der Bewerbungen potenzieller Pflegepersonen ist dennoch deutlich zurückgegangen.

Während 2022 noch 127 Bewerbungen verzeichnet wurden, waren es 2024 nur noch 78.

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KO KOSMO-Redaktion
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