Der Nuklearexperte Dusko Corak spricht sich dafür aus, dass Kroatien ein eigenes Atomkraftwerk auf seinem Staatsgebiet bauen sollte.
In einem Interview mit dem Sender N1 machte Čorak deutlich, dass der geplante zweite Block des slowenischen Kernkraftwerks Krško zwar für Slowenien von strategischer Bedeutung sei, für Kroatien jedoch kein Ersatz für ein eigenständiges Nuklearprogramm darstelle. Eine kroatische Beteiligung an Krško 2 könne zwar Gegenstand bilateraler Gespräche werden, müsse aber in erster Linie nach kommerziellen Gesichtspunkten bewertet werden. Das eigentliche strategische Ziel Kroatiens müsse laut Čorak der Bau einer Nuklearanlage im eigenen Land sein.
Der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenković hatte bereits erklärt, Kroatien sei als 50-prozentiger Miteigentümer des Kernkraftwerks Krško grundsätzlich bereit, eine mögliche Erweiterung mitzuverfolgen, sollte Slowenien diesen Weg einschlagen. Im April 2026 bekräftigte Plenković zudem, Kroatien sei für eine Beteiligung am Projekt Krško 2 offen, prüfe aber auch andere nukleare Optionen. Dies zeigt, dass die kroatische Regierung – trotz Čoraks Forderung nach einem eigenständigen Projekt – die Option einer Beteiligung am slowenischen Vorhaben weiterhin offenhält.
Strategische Energiepolitik
Aus Sicht des Experten ist eine funktionierende Energiepolitik eine unverzichtbare Grundlage für die Handlungsfähigkeit eines Staates. Zwar habe Kroatien bei der Versorgung mit Gas und Öl bereits wesentliche Fortschritte in Richtung Selbständigkeit erzielt, doch im Bereich der Stromversorgung sei die Lage besonders sensibel. Da elektrische Energie nicht beliebig, dauerhaft und wirtschaftlich in großem Maßstab gespeichert werden könne, seien verlässliche Produktionskapazitäten von entscheidender Bedeutung.
Čorak verweist in diesem Zusammenhang auf das Ziel, wonach Kroatien bis zum Jahr 2040 mindestens 30 Prozent seines jährlichen Stromverbrauchs aus nuklearen Quellen abdecken soll. Erneuerbare Energien hält er zwar für einen wichtigen Baustein, jedoch nicht für ausreichend, um dauerhaft eine stabile Grundlastversorgung zu gewährleisten. Wind- und Solarkraft müssten seiner Einschätzung nach zwingend mit gesicherten Energiequellen kombiniert werden.
Darüber hinaus erinnerte der Experte daran, dass es bereits in der Vergangenheit konkrete Pläne für ein Kernkraftwerk auf kroatischem Boden gegeben habe. Ursprünglich sei zwischen Kroatien und Slowenien der Bau von zwei Anlagen vereinbart gewesen – eine in Slowenien, eine in Kroatien. Kroatien habe sich mit einem Anteil von 50 Prozent am Bau von Krško beteiligt, während die Vorbereitungen für einen zweiten Standort in Kroatien Mitte der 1980er-Jahre bereits weit fortgeschritten gewesen seien. Die Katastrophe von Tschernobyl sowie die politischen Entwicklungen im damaligen Jugoslawien hätten das Projekt schließlich zum Erliegen gebracht.
Mögliche Standorte
Besondere Aufmerksamkeit verdient Čoraks Hinweis auf zwei mögliche Standorte für ein künftiges kroatisches Kernkraftwerk: einen an der Donau und einen weiteren in der Nähe von Zagreb. Vor allem der Donau-Standort berge laut Čorak ein erhebliches natürliches Energiepotenzial für Kroatien. Langfristig könnte das Land damit nicht nur seine eigene Versorgung besser absichern, sondern auch zu einem stabilisierenden Faktor in der gesamten Region werden.
Was die Kosten betrifft, zieht Čorak internationale Vergleiche heran. In Südkorea und China würden Atomkraftwerke heute deutlich schneller und mitunter kostengünstiger errichtet als in vielen westeuropäischen Ländern. Čorak verweist zudem auf Kroatiens historische Erfahrung beim Bau von Krško und sieht im Land ausreichend fachliches Potenzial, um ein eigenes Nuklearprojekt vorzubereiten.
Auch die Entwicklungen in der Region sprechen aus Čoraks Sicht für eine neue nukleare Strategie. Mehrere Staaten in Südosteuropa beschäftigen sich zunehmend mit der Option Atomenergie – neben Slowenien denke demnach auch Serbien über den Aufbau nuklearer Kapazitäten nach. Für Kroatien bedeute das: Kooperation mit den Nachbarländern sei durchaus sinnvoll, dürfe aber nicht dazu führen, dass das Land auf ein eigenständiges strategisches Projekt verzichte.