Der Messerangriff eines 17-jährigen Schülers auf eine Lehrerin am Essener Berufskolleg im Bildungspark könnte eine unerwartete Wendung nehmen. Der Jugendliche hatte am vergangenen Freitagmorgen gegen Ende der Pause eine 45-jährige Lehrerin mit einem Messer in den Bauch gestochen und schwer verletzt, bevor er vom Tatort flüchtete. Die Polizei leitete umgehend eine Großfahndung ein, bei der auch Drohnen und ein Hubschrauber zum Einsatz kamen. Hunderte Schüler mussten währenddessen im Schulgebäude verbleiben.
📍 Ort des Geschehens
Etwa zwei Stunden nach der Tat gelang es den Einsatzkräften, den Verdächtigen in einer Parkanlage nahe dem Essener Hauptbahnhof zu stellen. Als der 17-Jährige die Beamten mit seinem Messer attackierte, wurde er durch Schüsse niedergestreckt und lebensgefährlich verwundet. Aufgrund seines kritischen Gesundheitszustands konnte ihm der Haftbefehl wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung erst am Sonntag im Krankenhaus eröffnet werden.
Religiöses Tatmotiv
Im Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags teilte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag mit, dass inzwischen ein religiöses Tatmotiv in Betracht gezogen wird. „Der Staatsschutz ist in die Mordkommission eingebunden“, erklärte Reul. Die Essener Staatsanwaltschaft habe sowohl die Zentralstelle für Terrorismusbekämpfung bei der Düsseldorfer Generalstaatsanwaltschaft als auch den Generalbundesanwalt informiert.
Diese Neubewertung basiere auf ersten Auswertungen beschlagnahmter Datenträger, die nach Reuls Worten „Hinweise auf eine religiös motivierte Tat erkennen“ ließen. Besonders relevant seien dabei Videos, die der Tatverdächtige selbst angefertigt habe.
Der aus dem Kosovo stammende Jugendliche steht möglicherweise auch mit einer weiteren Gewalttat in Verbindung: Auf seinem Schulweg soll er einen Obdachlosen an einer Bushaltestelle im Essener Ostviertel mit einem Messerstich in den Rücken lebensgefährlich verletzt haben. Das Opfer verblieb noch mehrere Stunden an der Haltestelle, bevor es in einen Bus nach Gelsenkirchen stieg. Dort klagte der 44-Jährige über so heftige Schmerzen, dass der Busfahrer einen Notarzt alarmierte. Der Schwerverletzte musste anschließend operiert werden.
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Polizeiliche Vorgeschichte
Vor dem Angriff war der 17-Jährige dem Staatsschutz offenbar nicht als potenzieller Terrorist bekannt. Allerdings weist er eine polizeiliche Vorgeschichte auf, die Bedrohung, Verstöße gegen das Waffengesetz, gefährliche Körperverletzung und den Besitz kinderpornografischer Inhalte umfasst. Nach Verhaltensauffälligkeiten an seiner damaligen Schule wurde der Jugendliche im Frühjahr 2023 sogar im Rahmen des polizeilichen Früherkennungsprogramms „PeRiskoP“ erfasst.
Die Essener Polizei führte damals eine Fallkonferenz mit seiner Schule und dem städtischen Jugendamt durch und stufte ihn als „Person mit Risikopotential“ ein. Nachdem er jedoch vier Monate lang polizeilich nicht auffällig geworden war und seine Familie mit dem Jugendamt kooperierte, wurde das Risiko einer zielgerichteten Gewalttat als unwahrscheinlich eingeschätzt. Im August 2023 erfolgte die Rücknahme seiner Einstufung als Risikoperson.
War dies eine folgenschwere Fehleinschätzung? Innenminister Reul kündigte an, dass das Landeskriminalamt diese Entscheidung der Essener Polizei „nun noch einmal überprüfen“ werde. Dies erscheint besonders relevant, da gegen den heute 17-Jährigen 2024 erneut eine Bedrohung und im April sogar eine gefährliche Körperverletzung aktenkundig wurden.
NRW-Schulministerin Dorothee Feller hatte bereits am Mittwoch bestätigt, dass der 17-Jährige kosovare erst seit zwei Wochen das Essener Berufskolleg besuchte. „Der Täter hat zunächst eine Hauptschule besucht. Dann wechselte er an ein anderes Berufskolleg, verließ dort die Schule ohne Abschluss und war nicht mehr schulpflichtig“, erläuterte die Ministerin im Schulausschuss des Landtags.
Positive Entwicklung bei den Opfern
Die 45-jährige Lehrerin befindet sich mittlerweile in einem stabilen Gesundheitszustand, wie Schulministerin Feller mitteilte. Entscheidend für ihr Überleben war die schnelle Rettungskette und das beherzte Eingreifen von Schülern als Ersthelfer. Das Berufskolleg hat nach dem Angriff die vorgesehenen Notfallpläne umgesetzt, und Schulpsychologen stehen weiterhin zur Betreuung der Betroffenen bereit.
Als Reaktion auf den Vorfall hat Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen angekündigt, „dem Messer den Kampf anzusagen“. Es sei notwendig, „die Spirale durchbrechen“, dass junge Männer mit Messern als Statussymbolen prahlten.
Kufen fordert, dass sämtliche Schulen konsequent ein Verbot gefährlicher Gegenstände in ihren Hausordnungen verankern, um Kontrollen der Schultaschen zu ermöglichen.