Ein Pizzabote, eine Haustür, ein Schuss – und eine Vorgeschichte, die zeigt, wie viel das System über Kristijan Aleksic wusste.
Kristijan Aleksic ist 50 Jahre alt, und er soll wieder getötet haben. Am Samstagabend des 16. Mai soll er Luka Milovac erschossen haben – einen 19-jährigen Maturanten, der am Wochenende als Pizzabote arbeitete und an jenem Abend zu Aleksic kam, um eine Bestellung abzuliefern. Was kaum jemand in Drnis wusste – oder vielleicht doch wusste und schwieg: Aleksic hatte bereits einmal getötet. Dreißig Jahre zuvor. Und er war dafür verurteilt worden.
Der erste Mord
Es war der 27. Mai 1994, ein Freitag. Marijana Sucevic, 22 Jahre alt, beendete ihre Schicht als Wäscherin im Klinischen Krankenhauszentrum Split, zog die Krankenhausuniform aus und stempelte sich aus. Sie lebte unter der Woche bei ihrem Freund in der Stadt, aber am Wochenende fuhr sie nach Prgomet oberhalb von Kastela zu ihrer Großmutter. Seit sie 16 war, lebte sie dort – nachdem sich ihre Eltern getrennt hatten.
Sie kannte die Nachbarschaft, die Nachbarn, die kleinen Wege zwischen den Häusern. Sie kannte auch die Familie Aleksic, deren Mutter Ljuba sie regelmäßig auf einen Kaffee besuchte. Wie das Portal Express berichtet, war sie mit all ihren Geheimnissen vertraut.
Ljubas älterer Sohn Kristijan war damals 18. Wenn Marijana zu Besuch kam, hielt er sich im Hintergrund, schaute auf den Boden, sagte kaum ein Wort. Ein seltsamer junger Mann, hieß es. Er schnitzte Holz, stickte Gobelins – die Mutter schickte ihn abends zum Laufen, weil er Übergewicht hatte.
An jenem Freitagabend saß Marijana im Bus zurück nach Prgomet, neben ihr ihre Schwester Dunja, die eine Station früher ausstieg. An der Haupthaltestelle stiegen Marijana und die Brüder Veraj aus – noch rund eineinhalb Kilometer vom Haus entfernt. Sie trennten sich. Kurz nach 21 Uhr machte sich Marijana zu Fuß auf den Weg, ein Einheimischer hielt an und bot ihr eine Mitfahrt an. Er brachte sie bis in den Weiler Dzolici, keine fünfzig Meter vom Haus ihrer Großmutter entfernt. Marijana stieg aus. Sie würde nie ankommen.
Auf dem unbeleuchteten Weg, in einem Ort mit einigen Dutzend Häusern, näherte sich ihr jemand von hinten. Die Klinge eines Messers blitzte auf. Viermal stach er zu – von hinten, in den Rücken. Die Obduktion ergab insgesamt 17 Stiche, verteilt über Brust und Brustkorb. Zum Schluss zerschmetterte der Täter ihren Schädel mit vier Schlägen einer Eisenstange aus Bewehrungsstahl. Siebzehn Stiche. Vier Schläge. Ein 22-jähriges Mädchen.
Die Großmutter wartete. Als Marijana weder um 22 noch um 23 Uhr erschien, machte sie sich keine großen Sorgen – sie dachte, ihre Enkelin sei beim Freund geblieben. Erst am nächsten Morgen, als ein Bauer mit dem Traktor durch Dzolici fuhr, um Lämmer zum Markt zu bringen, wurde die Leiche entdeckt.
Die Ermittlungen liefen von Anfang an in die falsche Richtung. Die Behörden konzentrierten sich auf das Krankenhaus, vermuteten einen Täter aus dem Arbeitsumfeld und glaubten zunächst, die Tatwaffe könnte eine medizinische Schere gewesen sein, weil die Einstichstellen eine ungewöhnliche Form aufwiesen. Erst der Einsatz des weltbekannten Forensikers Henry S. Lee – bekannt durch seine Arbeit im Fall O. J. Simpson – brachte Klarheit: Die metallischen Rückstände auf der Kleidung des Opfers stimmten mit keiner medizinischen Schere überein. Monatelang hatte man auf eine völlig falsche Spur gesetzt. Die nächsten sieben Jahre blieb der Mörder auf freiem Fuß.
Sieben Jahre nach dem Mord klingelte in der Polizeistation Kastela das Telefon. Eine unbekannte männliche Stimme berichtete, ein Mann aus seinem Fitnessstudio in Drnis habe damit geprahlt, Marijana Sucevic getötet zu haben. Er nannte acht weitere Zeugen, die dasselbe gehört hatten. Die Polizei fuhr nach Prgomet.
Kristijan Aleksic öffnete die Tür. Die Beamten fragten ihn, ob er etwas über den Fall wisse. „Ja, ich weiß alles. Ich habe nur darauf gewartet, dass ihr kommt.“
Es war das Jahr 2001. Gegenüber den Inspektoren und dem Untersuchungsrichter Petar Ojdanic gestand er alles. Er beschrieb, wie er ein Küchenmesser eigens präpariert hatte – den Griff befestigt, die Klinge geschärft. Er hatte Lederhandschuhe getragen. Er schilderte detailliert, wie er Marijana getötet hatte, inspiriert von amerikanischen Filmen, von denen er besessen gewesen sei. Auf dem Schornstein des Familienhauses hatte er das Datum des Mordes eingeritzt – die Ermittler fanden die Markierung tatsächlich dort. Er habe getötet, sagte er, weil er wissen wollte, ob er dazu in der Lage sei.
Er sei von satanistischen Ritualen und entsprechender Literatur besessen gewesen. Zu Hause fanden sich Bücher dazu, auf eine Schranktür hatte er „666″ geschrieben, Pentagramme gezeichnet. Auf einem psychiatrischen Befund – mit 19 Jahren war er wegen psychischer Störungen in Behandlung gewesen – hatte er die Diagnosenummer durchgestrichen und durch „F-666″ ersetzt, den abschließenden Punkt durch ein Pentagramm. Seine Mutter, sagte er, habe ihn verdächtigt.
Bei der Verhandlung im darauffolgenden Jahr widerrief er alles. Er rülpste. Als er aufgefordert wurde, sich zur Schuldfrage zu äußern, gab er an, nicht zu verstehen, worum es überhaupt gehe. Marijanas Schwester Dunja sagte aus, Marijana habe ihr einmal erzählt, sie fürchte nur Gott – und eine Person, deren Name oder Spitzname mit dem Buchstaben K beginne. Dann berichtete Dunja von den Drohungen, die danach folgten: Jemand rief ihren Vater an und sagte, was einer Tochter passiert sei, könne auch der anderen passieren. Die Anrufe kamen täglich, manchmal zweimal – außer am Wochenende.
„Du lügst!“, rief Aleksic in den Saal. „An derselben Haltestelle, wo du sagst, dass Marijana ausgestiegen ist, ist an jenem Abend auch mein Bruder ausgestiegen.“ Ein durchsichtiger Versuch, die Schuld auf seinen Bruder zu schieben, mit dem er seit Jahren im Streit lag.
Richterin Spomenka Tonkovic glaubte ihm nicht – obwohl die DNA unter Marijanas Fingernägeln und Blutspuren auf ihrer Kleidung nicht von Aleksic stammten. Das Blut gehörte einer weiblichen Person. Die Tatwaffe wurde nie gefunden; Aleksic hatte beim Geständnis angegeben, sie in drei Teile zerbrochen und weggeworfen zu haben. Er wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, der Oberste Gerichtshof erhöhte das Strafmaß später auf vierzehn Jahre.
Als die Richterin das Urteil verkündete, wandte sich Aleksic an den Justizwachebeamten neben ihm und fragte, wie spät es sei. Kurz vor Mittag, lautete die Antwort. „Ausgezeichnet“, sagte der Verurteilte. „Wir kommen gerade rechtzeitig zum Mittagessen.“
Nach der Entlassung
Im selben Jahr wurde auch sein zwei Jahre jüngerer Bruder Goran festgenommen – von den eigenen Eltern angezeigt. Er hatte sie telefonisch bedroht, angekündigt, sie umzubringen, und war tatsächlich eine halbe Stunde später in Prgomet aufgetaucht. Mit einem Stuhl ging er auf sie los. Als Polizisten eintrafen, zog er ein in der Socke verstecktes Messer und schwang es in Richtung der Mutter, die sich ins Haus flüchtete und die Tür verriegelte. Goran schlug dagegen, schnitt sich an zerbrochenem Glas die Hand auf, sprang dann wieder auf den Vater los – und beruhigte sich erst, als die Beamten mit dem Einsatz von Gewalt drohten. Vecernji list berichtete damals über den Vorfall.
Nach seiner Entlassung arbeitete Kristijan Aleksic nicht mehr. Er und seine inzwischen verstorbene Mutter lebten von ihrer Rente und einer Pflegegeldbeihilfe, die er als ihr Betreuer bezog. Mehrere Anrainerinnen und Anrainer in Drnis beschreiben ihn als jemanden, der Frauen gegenüber aggressiv und frech aufgetreten sei, Männern gegenüber hingegen eher feige. Vor drei Jahren soll er eine Krankenschwester, die seine Mutter zu Hause betreute, in der Wohnung eingesperrt haben. „Er wollte sie nicht rauslassen – die Frau hat durch ihn eine posttraumatische Belastungsstörung bekommen“, berichtete eine Bekannte gegenüber dem Portal 24sata.
Dass er die Pizzeria terrorisiert hatte, war offenbar bekannt genug, dass die Mitarbeiter Angst hatten, allein zu ihm zu fahren. Allem Anschein nach fuhren deshalb zwei Personen zur Lieferung. Der 19-Jährige wurde erschossen, der zweite Lieferant floh und rief die Polizei. Das Auto der Pizzeria stand mit offenen Türen auf der Straße.
„Sobald wir den Schuss hörten, sind mein Mann und ich sofort nach draußen gelaufen. Wir eilten zu Hilfe und fanden den Jungen verletzt auf der Terrasse“, schilderte eine Nachbarin, die sowohl Aleksic als auch den getöteten Jugendlichen kannte, gegenüber 24sata. „Ich hörte Atmen auf der Terrasse und sagte meinem Mann, dass er sicher jemanden erschossen hat. Wir riefen sofort Rettung und Polizei. Leider hat der Junge nicht überlebt. Das Kind war ein richtiger Engel – vor einem Monat wurde er 19 Jahre alt. Ich verstehe nicht, wie man ein 19-jähriges Kind erschießen und einfach weglaufen kann.“
Aleksic floh mit der Waffe – einer selbst gebauten Schusswaffe – und einem Rucksack. Bis Montagmorgen blieb er verschwunden.
Gegen 3.30 Uhr wurde er von Spezialeinheiten der Polizei aufgespürt und festgenommen.