Ein jahrzehntelanger militärischer Standard fällt – und die Begründung aus dem Pentagon sorgt für scharfe Kritik.
Das US-Verteidigungsministerium hat die verpflichtende Grippeschutzimpfung für Soldaten abgeschafft – und beruft sich dabei unter anderem auf religiöse Überzeugungen. „Dein Körper, dein Glaube und deine Überzeugungen sind nicht verhandelbar“, erklärte Pentagon-Chef Peter Hegseth am Dienstag (Ortszeit) in einer Videobotschaft an die Truppe. Die Impfung gegen Grippe werde für Soldaten künftig zur freiwilligen Entscheidung.
Damit bricht das Ministerium mit einer Praxis, die seit dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte hinweg aufrechterhalten worden war.
Impfskepsis im Kabinett
Seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump stellt die US-Regierung wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse zur Impfprävention wiederholt in Frage. Allen voran Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. zweifelt grundsätzlich am Nutzen von Impfungen. Er konstruierte einen von der Forschung widerlegten Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus und riet über längere Zeit von der Masernimpfung ab.
Als die Infektionszahlen auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten stiegen, bezeichnete er Impfungen dann doch als wirksamste Maßnahme zur Eindämmung der Epidemie.
„Unsere neue Linie ist einfach: Wenn Du – als amerikanischer Krieger, dem die Verteidigung dieses Landes anvertraut wurde – glaubst, dass die Grippe-Impfung in deinem Interesse ist, kannst du sie bekommen; solltest du auch. Aber wir werden dich nicht zwingen“, sagt Hegseth in dem Video. Die Vorgängerregierung habe während der Corona-Pandemie „Männer und Frauen in Uniform gezwungen, sich zwischen ihren Überzeugungen und ihrem Land zu entscheiden, auch wenn diese Entscheidungen keine Bedrohung für unsere militärische Einsatzbereitschaft hatten“. Diese „Ära des Verrats“ sei nun vorbei.
Über 8.000 Angehörige der US-Streitkräfte wurden zwischen dem 24. August 2021 und dem 10. Januar 2023 wegen Verweigerung der COVID-19-Impfung unfreiwillig aus dem Militär entlassen. Hegseth erklärte, dass die Regierung bereits rückwirkend Gehaltszahlungen an diese entlassenen Soldaten angeboten hat und sie ermutigt, in den Dienst zurückzukehren.
Kritik der Experten
Kritiker werten den Kurswechsel des Ministers, dem viele eine ausgeprägt religiöse Weltsicht attestieren, als gravierenden Fehler. „Hegseths Entscheidung ist fahrlässig und setzt unsere militärische Einsatzbereitschaft aufs Spiel“, warnte der demokratische Abgeordnete Jason Crow, der selbst im Irak und in Afghanistan im Einsatz war.
Der Army-Veteran Richard Ricciardi, der heute als Uni-Professor Gesundheitskurse gibt, sagte dem US-Sender CNN: „Im Militär sind Impfungen kein politisches Theater, sondern dienen dem Schutz der Truppe. Soldaten leben und arbeiten eng beieinander, da können sich Grippeviren rasant ausbreiten und ansonsten gesunde Einsatzkräfte kampfunfähig machen.“