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Chronik

Zu jung für den Knast: Banden rekrutieren Kinder übers Internet für Morde

Zu jung für den Knast: Banden rekrutieren Kinder übers Internet für Morde
FOTO: iStock/Evgen_Prozhyrko
5 Min. Lesezeit |

Kriminelle Netzwerke rekrutieren Kinder als Auftragsmörder – ein 11-Jähriger bekommt 14.000 Dollar für einen Mord angeboten. Das Geschäftsmodell „Violence-as-a-Service“ breitet sich in Europa aus.

Ein 11-jähriger Junge schreibt auf Instagram: „Ich kann es kaum erwarten, meine erste Leiche zu sehen.“ Auf der anderen Seite des Bildschirms ermutigt ihn ein 19-Jähriger: „Bleib motiviert, der Moment wird kommen.“ Dann bietet er dem Kind 14.000 Dollar für einen Mord an, organisiert Transport, Kleidung und Werkzeuge. Der Bub ist bereit – doch die Polizei greift rechtzeitig ein.

Dies ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines beunruhigenden Phänomens, das sich in Europa ausbreitet: „Violence-as-a-Service“ – Gewalt als Dienstleistung. Ein kriminelles Geschäftsmodell, das gezielt Minderjährige als anonyme Täter für Auftragsmorde rekrutiert, über soziale Netzwerke, Messenger-Dienste und Gaming-Plattformen.

Im April vergangenen Jahres startete Europol die Operation Grimm, die zur Festnahme von fast 200 Personen in neun europäischen Ländern führte. Die Bilanz zeigt das erschreckende Ausmaß: 63 Täter in Gewahrsam, 40 verhaftete Koordinatoren, 84 identifizierte Rekrutierer und 6 gefasste Auftraggeber, davon fünf als „hochrangig“ eingestuft. Vor allem aber wurden Dutzende Morde verhindert, Leben gerettet und Jugendliche vor einem gewalttätigen Schicksal bewahrt.

Das kriminelle Netzwerk funktioniert wie ein durchorganisiertes Unternehmen mit klar definierten Rollen und einer Arbeitsteilung, die die Identifizierung der Verantwortlichen nahezu unmöglich macht.

Der Auftraggeber bestellt und finanziert das Verbrechen. Er lebt im Ausland, weit entfernt vom geplanten Tatort. Er verdient bis zu 20.000 Euro pro Mordauftrag und macht sich nie selbst die Hände schmutzig.

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Der Rekrutierer ist der wichtigste Vermittler. Er operiert auf Telegram, Instagram, Discord und in Gaming-Chats, ist ständig erreichbar und kontaktiert potenzielle Täter. Mit Marketing-Techniken wie Gamification und Storytelling verwandelt er Verbrechen in „Spielmissionen“ wie in Fortnite oder Counter-Strike und lockt mit schnellem Geld und sozialem Status.

Der Koordinator bereitet alles vor: Er beschafft Waffen, organisiert die Logistik, verwaltet Kontakte und regelt die Finanzen. Er sorgt dafür, dass alles bereitsteht, wenn der Täter am Tatort eintrifft.

Der Täter ist fast immer ein Minderjähriger ohne Vorstrafen – und genau deshalb für die Behörden „unsichtbar“. Er ist das eigentliche Opfer dieses Systems, derjenige, der alle Risiken eingeht, während andere aus sicherer Entfernung profitieren.

Wie Europol erklärt: „Die Auftraggeber zahlen, die Rekrutierer stellen die Arbeitskräfte, die Koordinatoren bereiten den Boden vor und die Täter gehen das Risiko ein.“ Ein ausgelagertes, effizientes Verbrechensmodell, das schwer zu zerschlagen ist.

Perfide Rekrutierungsmethoden

Die Methoden der Anwerbung sind ausgeklügelt und zielen gezielt auf die Schwachstellen von Teenagern ab. Die Rekrutierer präsentieren sich nicht als Kriminelle, sondern als charismatische Figuren, die Gewinnmöglichkeiten, Abenteuer und Zugehörigkeit versprechen.

Stefan Sinteus, Polizeichef in Malmö, beschreibt die Dynamik: „Elf- oder zwölfjährige Buben werden rekrutiert, während sie Fortnite oder Counter-Strike spielen. Sie stimmen zu, eine Tasche zu transportieren im Tausch gegen 10.000 In-Game-Punkte.“ Die Mädchen hingegen „kümmern sich um die Logistik: Sie buchen Hotelzimmer, sie rufen Taxis.“

Verbrechen wird als Weg zu Reichtum und Macht glorifiziert. Die Jugendlichen werden schrittweise an Gewaltinhalte herangeführt, um brutale Handlungen zu „normalisieren“. Dann folgen die ersten „Missionen“: einfach, gut bezahlt. Eine Eskalation, die von Einschüchterung bis zum Mord führt.

Auf Telegram hatte ein Kanal zur Rekrutierung jugendlicher Killer vor seiner Schließung 11.000 Mitglieder, von denen viele bereit waren, für kriminelle Aktivitäten ins Ausland zu reisen. Die operative Kapazität war beeindruckend: detaillierte Planung, gesicherte Waffen, organisierte Fluchtwege, garantierte Zahlungen.

Das Phänomen entstand in Schweden, bevor es sich in ganz Europa ausbreitete – nach Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Island, Deutschland, Spanien, Norwegen und in die Niederlande.

Die Zahlen aus Schweden sind alarmierend: Die Polizei schätzt, dass 2024 rund 1.700 Minderjährige unter 18 Jahren aktive Mitglieder krimineller Netzwerke waren. Mordfälle mit Verdächtigen unter 15 Jahren stiegen von 31 in den ersten acht Monaten 2023 auf 102 im gleichen Zeitraum 2024. Im Jahr 2023 gab es in Schweden 53 Schussopfer, einige davon an öffentlichen Orten ohne Bezug zur organisierten Kriminalität.

Europas Gegenmaßnahmen

Viele der beteiligten Jugendlichen gehören zur zweiten Einwanderergeneration, leben in Familienhäusern (aus denen jährlich 3.000 Minderjährige fliehen), oft unter Kontrolle krimineller Netzwerke. Es sind meist Burschen mit schulischen Schwierigkeiten, Suchtproblemen, Aufmerksamkeitsstörungen, manchmal mit geringfügigen Vorstrafen – perfekte Opfer für skrupellose Rekrutierer.

Die Lage ist so ernst, dass das schwedische Parlament im September letzten Jahres erwog, das Alter der Strafmündigkeit von 15 auf 13 Jahre zu senken. Ab Juli nächsten Jahres werden Gefängnisse junge Menschen zwischen 15 und 17 Jahren aufnehmen können, wobei eine Verdreifachung der Kapazität bis 2033 erwartet wird. Andere skandinavische Länder erwägen ähnliche Maßnahmen.

Die Operation Grimm hat zahlreiche Gewaltverbrechen in ganz Europa verhindert. Am 12. Mai wurden nach einem versuchten Mord in Tamm zwei Verdächtige im Alter von 26 und 27 Jahren am 1. Oktober in den Niederlanden festgenommen. Ein dreifacher Mord in Oosterhout führte zur Verhaftung von drei Personen zwischen Schweden und Deutschland.

In Spanien wurden im Juli sechs Personen, darunter ein Minderjähriger, wegen der Planung eines Mordes verhaftet. In Dänemark wurden zwei schwedische Minderjährige verhaftet, nachdem sie für einen Mord rekrutiert worden waren. Sie waren mit zwei Pistolen bewaffnet, die von den Behörden beschlagnahmt wurden.

Europol hat Warnsignale veröffentlicht, die auf eine Beteiligung von Minderjährigen an kriminellen Netzwerken hindeuten können: Verhaltensänderungen wie die Nutzung verschlüsselter Messaging-Apps, Lügen, veränderte Werte und Interessen, neue Freunde, darunter unbekannte Erwachsene. Dazu kommen bestehende Probleme wie Schulprobleme, Süchte, Aufmerksamkeitsstörungen oder geringfügige Vorstrafen. Materielle Anzeichen sind teure neue Kleidung, plötzlich erworbene hochpreisige Technik und große Geldbeträge ohne erkennbare Herkunft.

Dieses alarmierende Phänomen verdeutlicht das enorme Risiko des Einsatzes von Kindern in der organisierten Kriminalität und die dringende Notwendigkeit verstärkter Überwachung und raschen Eingreifens.

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KO KOSMO-Redaktion
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