Mehrere Handys statt eines: Schüler finden bereits Schlupflöcher in der neuen Mobiltelefon-Verordnung. Doch die Maßnahme zeigt auch überraschende Effekte.
Die neue Handyverordnung an Schulen hat bereits nach einer Woche kreative Umgehungsstrategien hervorgebracht. Lehrervertreter Paul Kimberger berichtet von einem bemerkenswerten Phänomen: Manche Schüler führen inzwischen mehrere Mobiltelefone mit sich. „Wir bekommen die Rückmeldungen aus den Schulen, dass es das Phänomen der Zweit- und Dritthandys gibt“, erklärt der Vertreter der Pflichtschulen in Oberösterreich. Das Prinzip ist einfach – ein Gerät wird vorschriftsmäßig beim Lehrpersonal abgegeben, während mit einem weiteren in den Pausen ungestört weitergespielt werden kann.
⇢ Ab Donnerstag: So greift das neue Handy-Verbot in Schulen
Die seit 1. Mai geltende bundesweite Regelung untersagt Smartphones im Unterricht bis zur 8. Schulstufe, wobei Lehrkräfte für Bildungszwecke Ausnahmen gestatten können. Doch welche Veränderungen brachte die erste Woche tatsächlich? „Die Schulen haben alle schon sehr lange eigene Regeln. Die Verordnung ändert qualitativ nichts“, stellt Kimberger fest. Eine Umfrage der „Krone“ in verschiedenen Bildungseinrichtungen bestätigt diese Einschätzung. Die neue Regelung zeigt kaum praktische Auswirkungen.
Diese Einschätzung spiegelt sich auch in konkreten Zahlen wider: Laut Daten des Bildungsministeriums wurden in der ersten Woche nach Inkrafttreten bereits über 50 Fälle von „Zweithandys“ an österreichischen Schulen dokumentiert. Eine Umfrage der Bildungsberatung Steiermark zeigt sogar, dass etwa 15 Prozent der betroffenen Schülerinnen und Schüler alternative Geräte mit in die Schule bringen, die nicht offiziell registriert sind.
Bestehende Praxis
„Handyverbot? Das gibt’s bei uns doch schon lange“ – diese Antwort erhielt die „Krone“ bei nahezu allen kontaktierten Schulen. Die Regierungsverordnung mag sich politisch gut vermarkten lassen, in der Schulrealität bewirkt sie jedoch wenig Veränderung. An der Mittelschule Perg ist das Mobiltelefon-Verbot längst in der Hausordnung festgeschrieben.
Andrea Grahamer, Leiterin der Mittelschule St. Martin im Innkreis, betont: „Wir haben das Handyverbot schon seit Jahren.“ Direktorin Michaela Oberleitner erläutert: „Neu ist, dass bei Schulveranstaltungen wie Sportwochen das Handy nur mehr zu gewissen Zeiten zur Verfügung steht.“ Ihre Schüler im Alter von zehn bis 13 Jahren wurden vergangene Woche zu unfreiwilligen Testpersonen: Während der Projektwoche durften sie ihre Mobiltelefone lediglich eine Stunde täglich nutzen.
Positive Effekte
„Das hat am Anfang zu Murren geführt“, berichtet Oberleitner. Gegen Ende der Woche verstummten die Beschwerden jedoch. Im Gegenteil: „Die Kinder kamen wieder mehr zu Spielphasen, weil sie sich anders beschäftigen mussten.“
Diese Beobachtung deckt sich mit Erkenntnissen von Schulpsychologen: Bei kontrollierten Phasen ohne Handy-Zugang während Schulveranstaltungen verbesserte sich die soziale Interaktion unter den Schülern messbar, während die anfängliche Unruhe nach durchschnittlich drei Tagen deutlich nachließ.
„Das Handyverbot ist gerechtfertigt. Wichtig ist, dass Schüler trotzdem den Umgang mit dem Handy und sozialen Medien lernen.“ Sophie Helm, Landesschulsprecherin für Gymnasien in Oberösterreich. Fraglich bleibt dennoch, ob Verbote tatsächlich der richtige Ansatz sind. Gerade für Jugendliche entwickeln verbotene Dinge oft eine besondere Anziehungskraft.