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Machtpolitik

Erdogans Minarett-Offensive: Ankara kauft Balkan-Einfluss mit Moscheen

Erdogans Minarett-Offensive: Ankara kauft Balkan-Einfluss mit Moscheen
(Foto: EPA-EFE/ANGELO CARCONI)
5 Min. Lesezeit |

Mit Minaretten und Millionen erobert Ankara den Balkan: Die Türkei hat Saudi-Arabien als größten Moscheebauer der Region abgelöst und verfolgt dabei klare geopolitische Ziele.

Die Türkei baut ihren Einfluss auf dem Westbalkan durch Moscheen systematisch aus. Mit religiösen Bauprojekten verfolgt die Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan eine breitere geopolitische Agenda, die weit über den religiösen Aspekt hinausgeht.

Mittlerweile hat die Türkei Saudi-Arabien als wichtigsten Finanzier von Moscheebauten in der Region abgelöst. Diese Entwicklung begann nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und verstärkte sich mit Erdogans Machtübernahme im Jahr 2002. Während des Bosnienkriegs (1992-1995) wurden etwa 600 Moscheen vollständig zerstört und Hunderte weitere beschädigt, wie der Experte Robin Cognié in seiner Studie dokumentiert. Nach Kriegsende übernahm zunächst Saudi-Arabien die Hauptrolle beim Wiederaufbau.

Unter Kronprinz Mohammed bin Salman hat Saudi-Arabien seine Prioritäten jedoch verschoben. Laufende Moscheeprojekte wurden lokalen Gemeinschaften überlassen, während das Königreich in seiner „Vision 2030“ den Fokus auf die Restaurierung historischer Moscheen im eigenen Land und die Bewahrung des saudischen Kulturerbes legt. „In Saudi-Arabien steht heute weniger der wahhabitische Islam im Vordergrund als vielmehr der Nationalismus“, erklärt Kristin Smith Diwan vom Institut für Golfstaaten in Washington. Bin Salman selbst distanzierte sich 2021 in einer Fernsehansprache vom Wahhabismus, der lange als saudisches Exportprodukt galt.

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Türkische Prestigeprojekte

Die Namazgah-Moschee in Tirana ist ein Paradebeispiel für die türkische Einflussnahme. Mit ihren 50 Meter hohen Minaretten und Platz für rund 8.000 Gläubige zählt sie zu den imposantesten islamischen Gotteshäusern auf dem Balkan. Die türkische Religionsbehörde Diyanet investierte etwa 30 Millionen Euro in den Bau, der sich an der berühmten Blauen Moschee in Istanbul orientiert. Nach rund zehnjähriger Bauzeit reiste Erdogan im Oktober 2024 persönlich zur Eröffnung in die albanische Hauptstadt an.

Der Besuch diente nicht nur religiösen Zwecken: Erdogan unterzeichnete ein Kooperationsabkommen mit Albanien in den Bereichen Landwirtschaft und Bildung und übergab dem Land mehrere in der Türkei produzierte Drohnen. Zudem sicherte sich die Diyanet Einfluss im Verwaltungsrat der neuen Moschee und setzte einen türkischen Imam ein – was in der albanischen Gesellschaft für Unmut sorgte. Die Moschee ergänzt das religiöse Stadtbild Tiranas, wo nach dem Ende des Kommunismus 1990 bereits repräsentative katholische und orthodoxe Kirchen errichtet wurden.

„Das Beispiel der Namazgah-Moschee zeigt, wie die Türkei als Regionalmacht auf dem Balkan agiert und versucht, ihren Einfluss durch den Bau von Moscheen zu erweitern“, erläutert Nathalie Clayer, Soziologin an der Pariser Hochschule für Sozialwissenschaften. Der Moscheebau als Instrument der „Soft Power“ ist eng mit wirtschaftlichen, politischen und militärischen Interessen verknüpft. „Allerdings haben lokale Akteure einen gewissen Handlungsspielraum und nutzen diesen“, fügt Clayer hinzu.

Die Türkei verfolgt ihre Interessen dabei konsequent: Von 2017 bis 2019 wurden die Arbeiten an der Namazgah-Moschee ausgesetzt, weil Ankara von Albanien die Auslieferung mehrerer mutmaßlicher Anhänger der Gülen-Bewegung forderte. Nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 hatte Erdogan die Bewegung des inzwischen verstorbenen Predigers Fethullah Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich gemacht. Erst nach der Auslieferung dieser Personen wurden die Bauarbeiten fortgesetzt.

Die Ernennung eines türkischen Imams und der direkte Einfluss der Diyanet im Verwaltungsrat der Moschee haben in der albanischen Gesellschaft deutliche Kritik ausgelöst. Viele sehen darin einen zu starken Eingriff in die religiöse Autonomie des Landes und befürchten eine Verbreitung des konservativen türkischen Islams. Dieser politische Druck zeigt, wie die Türkei religiöse Projekte als Hebel für ihre außenpolitischen Ziele einsetzt.

Infrastruktureller Imperialismus

Die Türkei versteht sich als Nachfolgerin des Osmanischen Reiches auf dem Balkan und betont ihre Rolle als Regionalmacht. Der Bau von Moscheen ist dabei nur ein Element einer umfassenderen türkischen Infrastrukturpolitik, die weit über den Westbalkan hinausreicht und auch den Kaukasus, Zentralasien, Nordafrika und Teile Subsahara-Afrikas umfasst, wie Rebecca Bryant, Professorin für Kulturanthropologie an der Universität Utrecht, erklärt.

Von Eisenbahnlinien über Häfen bis hin zu Hotels und Einkaufszentren – türkische Investoren sind in zahlreichen Ländern von Bosnien und Herzegowina über Georgien und Kasachstan bis nach Nordzypern und in den Senegal präsent. Bei vielen Ausschreibungen erhielten Erdogan nahestehende Unternehmen den Zuschlag. Bryant bezeichnet diese Form der politischen Einflussnahme als „infrastrukturellen Imperialismus“.

Prestigeprojekte wie der Komplex im türkischen Teil Nikosias in Nordzypern, den Erdogan im Mai 2024 nach fünfjähriger Bauzeit eröffnete – mit Präsidentenpalast, Parlamentsgebäude, großen Hotels und einer noch nicht fertiggestellten Moschee – repräsentieren laut Bryant „geopolitische Räume, in denen die Türkei ihre Zukunftsvision zum Ausdruck bringt“. Erdogan setzt dabei auf ethnische, religiöse oder historische Verbindungen und bedient sich einer Rhetorik der „Brüderlichkeit“ und des „gemeinsamen Schicksals“.

Die Projekte sollen die Botschaft vermitteln: „Wir sind die Zukunft. Wir sind moderner als der Westen“, erläutert Bryant.

Der Bau von Moscheen und anderen Infrastrukturprojekten ist somit Teil einer türkischen Zukunftsvision.

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KO KOSMO-Redaktion
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