Ein Schwergewicht verlässt die Gruppe – und trifft die OPEC in einem Moment, in dem die Energiemärkte ohnehin unter Hochspannung stehen.
Mit einem unerwarteten Schritt haben die Vereinigten Arabischen Emirate am Dienstag ihren Rückzug aus der Organisation erdölexportierender Länder sowie aus dem erweiterten Verbund OPEC+ bekanntgegeben. Der Austritt soll bereits zum 1. Mai wirksam werden. Als Begründung wurde angeführt, dass die Emirate außerhalb der Gruppe über größere Spielräume bei der Ausweitung ihrer Ölförderung verfügten.
Der Schritt könnte die Organisation ausgerechnet in einer Phase erheblicher Energieturbulenzen infolge des Iran-Krieges empfindlich treffen. Die zwölf OPEC-Mitgliedstaaten verantworten derzeit rund 40 Prozent der globalen Erdölförderung und halten drei Viertel der weltweiten Reserven. Die in Wien ansässige Organisation legt die Förderquoten ihrer Mitglieder fest und verfolgt damit das Ziel, den Ölmarkt zu stabilisieren.
Strategische Abwägung
Den Rückzug aus beiden Verbünden – der OPEC selbst sowie dem erweiterten Format OPEC+, dem unter anderem Russland, Mexiko und Oman angehören – begründeten die Emirate in einer Erklärung der staatlichen Nachrichtenagentur WAM auch mit den anhaltenden „Störungen im Persischen Golf und der Straße von Hormus„. Die Entscheidung sei das Ergebnis einer eingehenden strategischen Abwägung.
„Diese Entscheidung spiegelt die langfristige strategische und wirtschaftliche Vision der VAE wider sowie das sich wandelnde Energieprofil“, so die Mitteilung weiter. „In unserer Zeit in der Organisation haben wir zum Wohle aller bedeutende Beiträge geleistet und noch größere Opfer gebracht. Es ist jedoch an der Zeit, unsere Anstrengungen auf das zu konzentrieren, was unser nationales Interesse gebietet.“
Dem formellen Rückzug war eine Phase wachsender Spannungen zwischen den Emiraten und anderen arabischen Staaten vorausgegangen. Abu Dhabi, das als wirtschaftliches Schwergewicht der Region und enger Verbündeter Washingtons gilt, warf den Nachbarstaaten vor, die VAE im Verlauf des Krieges nicht hinreichend vor iranischen Angriffen geschützt zu haben. Bereits zuvor hatten die Golfstaaten unter den Drohungen und Attacken des Iran auf den Schiffsverkehr in der Meerenge gelitten, durch die unter normalen Umständen rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls und Flüssiggases transportiert wird.
Trumps politischer Erfolg
Für die Exportstaaten und ihren faktischen Anführer Saudi-Arabien kommt der Abgang zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Der Iran-Krieg hat bereits einen historischen Energieschock ausgelöst und die Weltwirtschaft in Unruhe versetzt. Der unerwartete Verlust eines langjährigen Mitglieds gefährdet nun den Zusammenhalt einer Organisation, die trotz wiederkehrender interner Differenzen über Fördermengen und geopolitische Fragen stets um ein einheitliches Auftreten bemüht war.
Es wäre nicht der erste Austritt aus der OPEC: Das Emirat Katar ist zum 1. Januar 2019 aus der OPEC ausgetreten – ebenfalls vor dem Hintergrund regionaler Spannungen mit Saudi-Arabien.
Für US-Präsident Donald Trump hingegen stellt der Austritt der Emirate einen politischen Erfolg dar. Trump hatte der OPEC wiederholt vorgeworfen, durch künstlich hochgehaltene Ölpreise auf Kosten der übrigen Welt zu wirtschaften. Darüber hinaus hatte er die amerikanische Militärpräsenz zum Schutz der Golfstaaten offen mit der Frage der Ölpreise verknüpft – und damit den Widerspruch benannt, dass die USA die OPEC-Mitglieder militärisch absicherten, während diese die Lage durch überhöhte Preise für sich nutzten.