Eigene Geiseln, weiße Fahnen, tödliche Schüsse – und ein Militär, das die Wahrheit darüber kennt, aber schweigt.
Ein Soldat berichtet von einem Befehl, den er erhalten hatte: „Ein Mann, egal welchen Alters – damit gibt es kein Spiel; sofort töten.“ Diese Aussage wurde Iris Haim, der Mutter eines israelischen Gefangenen, der von israelischen Streitkräften in Gaza getötet worden war, übermittelt und am Donnerstag in der Investigativsendung von Channel 13 ausgestrahlt.
Im Dezember 2023 erschossen israelische Soldaten im Gazaer Stadtteil Shujaiya drei israelische Gefangene – oberkörperfrei, eine weiße Fahne schwenkend, erkennbar keine Bedrohung. Einer der Soldaten, der anonym blieb, gab an, selbst auf einen der Männer geschossen zu haben. „Ich feuere 500 Schuss pro Minute ab. Ich jage Dinge in die Luft. Es ist mir egal. Ich bin hier, um Terroristen zu töten“, sagte er.
Tödlicher Befehl
Erst später erkannte er, dass einer der Getöteten Yotam Haim war. Laut den Untersuchungsergebnissen hatte ein Kommandant Yotam angewiesen, sich dem Gebäude zu nähern – woraufhin das Feuer eröffnet wurde. Der Soldat schilderte: „Ich habe einen Schuss abgegeben, und er starb nicht.“ Dann habe sich seine Waffe verklemmt, bevor ein anderer Soldat sagte: „Lass mich das zu Ende bringen.“
Iris Haim erklärte gegenüber Channel 13, die Soldaten hätten de facto den Befehl gehabt, „jede Person zu töten, die auf zwei Beinen geht“. Ein Brigadekommandant äußerte sich dazu unverblümt: „Wenn sich ein Terrorist auf mich zubewegt, versuche ich, ihn zu töten. Ich versuche nicht, ihn festzunehmen.“ Auf die Frage, ob auch auf unbewaffnete Personen geschossen worden sei, antwortete er: „Natürlich, wir müssen ihn töten – ja, selbst wenn er völlig unbewaffnet ist.“
Ein weiterer Soldat berichtete, Angehörige seiner Einheit seien darauf trainiert worden, jede Person als potenzielle Bedrohung einzustufen. Die geltende Vorgehensweise habe gelautet: schießen – denn auch ein alter Mann könne ein Sprenggerät auslösen. Er ergänzte: „Es gab eine Situation, in der eine Person mit einer weißen Fahne herauskam und sofort erschossen wurde.“
Vorwurf der Vertuschung
Diese Schilderungen stehen in direktem Widerspruch zu den Ergebnissen der offiziellen Militäruntersuchung. Die Armee behauptete, alle Soldaten hätten zum Zeitpunkt der Schüsse das Kommando zum Feuereinstellen gehört – die befragten Soldaten bestreiten dies. Journalist Raviv Drucker hielt fest, die Familien der Gefangenen hätten eine echte Aufklärung gefordert und erlebten das Verfahren stattdessen als Vertuschung und Beschönigung.
Die Untersuchung ergab zudem, dass israelische Streitkräfte fünf Tage vor der Tötung der Gefangenen ein Gebäude in Nord-Gaza mit einem Projektil getroffen hatten, in dem sich diese nach einem Feuergefecht mit Hamas-Kämpfern versteckt hielten. Von den 251 Personen, die beim Angriff der Hamas auf Süd-Israel im Jänner 2023 entführt worden waren, wurden 85 entweder bereits tot verschleppt oder starben später unter teils umstrittenen Umständen in der Gefangenschaft. Israelische Streitkräfte haben in Gaza nach vorliegenden Angaben mehr als 72.700 Palästinenser getötet – darunter 850 seit der Ausrufung des Waffenstillstands im Oktober 2025.