Falsche Gerüchte, Zehntausende Menschen in Bewegung – hinter dem Massenansturm auf Ceuta spielten offenbar auch Falschinformationen in sozialen Netzwerken eine entscheidende Rolle.
Der massive Migrationsansturm auf die spanische Exklave Ceuta ist inzwischen weitgehend abgeebbt. Ende Juli hatten innerhalb weniger Tage Zehntausende Menschen die Grenze von Marokko in das spanische Gebiet überquert. Der Großteil kehrte anschließend nach Marokko zurück. Allein mehr als 1.300 unbegleitete Minderjährige befinden sich jedoch weiterhin in Ceuta, weshalb die spanischen Behörden inzwischen ihre schrittweise Verlegung auf das Festland vorbereiten.
Was genau den außergewöhnlichen Ansturm ausgelöst hat, wird weiterhin untersucht. Fest steht jedoch, dass sich zuvor in sozialen Netzwerken falsche beziehungsweise irreführende Meldungen verbreitet hatten. Unter anderem wurde der Eindruck erweckt, die Grenze nach Spanien stehe praktisch offen und Migranten müssten nicht mehr mit einer unmittelbaren Rückführung rechnen. Tatsächlich war die Rechtslage deutlich komplizierter.
Auch Hinweise auf Aktivitäten von Schleusern spielen bei der Aufarbeitung eine Rolle. Spanische Behörden gehen davon aus, dass Entscheidungen spanischer Gerichte in sozialen Netzwerken teilweise gezielt verzerrt dargestellt wurden. Ob hinter sämtlichen verbreiteten Falschinformationen eine koordinierte Kampagne stand oder sich Gerüchte und Fehlinterpretationen teilweise selbstständig weiterverbreiteten, ist bislang allerdings nicht abschließend geklärt.
Markus Schwinghammer, Experte für die Analyse und Bekämpfung von Desinformation, warnt deshalb vor voreiligen Schlussfolgerungen. Entscheidend sei zunächst die Frage, ob falsche Informationen bewusst verbreitet wurden. „Wir haben noch kein vollständiges Lagebild. Wenn man den Menschen bewusst und mit Absicht falsche Informationen gegeben hat, dann könnte man von Desinformation sprechen. Unter großen Menschenmengen wird aber oft auch inhaltlich Falsches im guten Glauben weitergegeben, nach dem Motto: Hey, hast du das gesehen, hast du das schon gehört?“
Desinformation als geopolitisches Instrument
Für eine abschließende Bewertung der Vorgänge in Ceuta fehlen laut Schwinghammer weiterhin ausreichende Daten. Dass Migration gezielt als politisches Druckmittel eingesetzt und dabei mit manipulierten Informationen gearbeitet werden kann, ist allerdings kein neues Phänomen.
Ein besonders bekanntes Beispiel ereignete sich 2021 an der Grenze zwischen Belarus und Polen. Das Regime des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko erleichterte damals Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern die Einreise nach Belarus und brachte zahlreiche Migranten anschließend in Richtung der EU-Außengrenze. Dabei wurden teilweise falsche Erwartungen über die Möglichkeit einer problemlosen Weiterreise in die Europäische Union geweckt. Die EU bezeichnete das Vorgehen als gezielte Instrumentalisierung von Migration.
Davon zu unterscheiden sind russische Informations- und Einflussoperationen, die seit Jahren von europäischen Behörden dokumentiert werden. Der Europäische Auswärtige Dienst zählt Russland zu den zentralen staatlichen Akteuren hinter sogenannter Foreign Information Manipulation and Interference, kurz FIMI. Russische und kremlnahe Akteure versuchen dabei unter anderem, gesellschaftliche Konflikte zu verschärfen, Vertrauen in Institutionen zu schwächen und politische Polarisierung zu fördern.
Besonders geeignet dafür seien sogenannte Wedge-Issues – gesellschaftlich stark polarisierende Themen wie Migration, Geschlechterfragen, ethnische oder religiöse Konflikte und teilweise auch die Klimapolitik. Solche Themen würden nicht zwangsläufig erfunden, sondern bestehende gesellschaftliche Spannungen gezielt aufgegriffen, verstärkt und emotionalisiert.
Wie Desinformation konkret nachgewiesen wird, erklärt Schwinghammer anhand der methodischen Vorgehensweise: Zunächst werden Daten gesammelt und der Ursprung einer Information rekonstruiert. Welche Akteure standen am Anfang? Was berichten Personen vor Ort? Welche Texte, Videos, Bilder oder Accounts lassen sich analysieren?
Dabei gehe es im Kern um zwei Fragen: Ist die verbreitete Information falsch oder irreführend – und wurde sie bewusst mit einer bestimmten Absicht verbreitet? Zusätzlich müsse untersucht werden, welche Auswirkungen die Information hatte und ob Hinweise auf eine koordinierte Kampagne existieren. Dahinter können Einzelpersonen, organisierte Gruppen, wirtschaftliche Akteure oder auch staatliche Stellen stehen.
Den Begriff „Fake News“ verwendet Schwinghammer in seiner Arbeit bewusst nur eingeschränkt. Der Ausdruck sei mittlerweile politisch und gesellschaftlich so stark aufgeladen, dass er häufig auch zur pauschalen Abwertung unliebsamer Berichterstattung oder anderer Meinungen verwendet werde. Stattdessen werde in der Forschung unter anderem zwischen Desinformation, Misinformation und Malinformation unterschieden.
Desinformation bezeichnet demnach falsche oder irreführende Inhalte, die bewusst mit einer bestimmten Absicht verbreitet werden. Ein Beispiel dafür sind wiederkehrende Kampagnen gegen die Ukraine und ihre politische Führung. So wurde etwa international die erfundene Geschichte verbreitet, die ukrainische Präsidentengattin Olena Selenska habe während eines Aufenthalts in Paris einen mehrere Millionen Euro teuren Bugatti gekauft. Als vermeintliche Belege kursierten manipulierte Inhalte und gefälschte Dokumente. Die Geschichte konnte widerlegt werden und wurde mit einem russlandnahen Desinformationsnetzwerk in Verbindung gebracht.
Misinformation ist dagegen ebenfalls falsch oder irreführend, wird jedoch ohne bewusste Täuschungsabsicht weitergegeben – beispielsweise wenn Menschen eine vermeintlich glaubwürdige Meldung teilen, ohne zu wissen, dass sie falsch ist. Malinformation wiederum basiert auf grundsätzlich authentischen oder wahren Informationen, die gezielt in einen irreführenden Zusammenhang gestellt oder mit schädigender Absicht verbreitet werden.
Gegenmaßnahmen & Prävention
Als wichtigste Gegenmaßnahme auf individueller Ebene nennt Schwinghammer ein grundlegendes Verständnis dafür, wie Desinformation funktioniert. Wer im eigenen Umfeld den Eindruck habe, dass jemand auf falsche Informationen hereingefallen ist, sollte das Gespräch suchen – allerdings möglichst sachlich und auf Augenhöhe. Eine konfrontative Haltung, bei der dem Gegenüber pauschal mangelnde Informiertheit oder Leichtgläubigkeit vorgeworfen wird, kann dazu führen, dass sich die betreffende Person noch stärker zurückzieht.
Die Verantwortung könne jedoch nicht allein beim Einzelnen liegen. Schwinghammer verweist auf den sogenannten Whole-of-Society-Ansatz: Zivilgesellschaft, Medien, Bildungseinrichtungen und staatliche Institutionen müssten gemeinsam dazu beitragen, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Informationsmanipulation zu erhöhen.
Dazu gehören auch gezielte Aufklärungs- und Präventionsangebote für Bevölkerungsgruppen, die über klassische Medien oder politische Kommunikationskanäle oftmals nur schwer erreicht werden. Das könne beispielsweise Diaspora-Gemeinschaften, aber auch Menschen in ländlichen Regionen oder bestimmten sozialen Milieus betreffen. Entscheidend sei, Informationen dort anzubieten, wo diese Gruppen tatsächlich erreicht werden.
Wie schnell eine unbelegte Behauptung eine enorme politische Wirkung entfalten kann, zeigte sich auch im US-Präsidentschaftswahlkampf rund um die Stadt Springfield im Bundesstaat Ohio. Donald Trump griff damals die Behauptung auf, haitianische Migranten würden Haustiere von Einwohnern essen. Die örtlichen Behörden erklärten jedoch, dass es keinerlei glaubwürdige Hinweise auf derartige Vorfälle gebe.
Ob eine Person, die eine falsche Behauptung weiterverbreitet, selbst davon überzeugt ist oder wissentlich eine Unwahrheit verbreitet, lässt sich von außen nicht immer eindeutig feststellen. Genau diese Unterscheidung ist jedoch entscheidend, wenn zwischen Misinformation und bewusster Desinformation unterschieden werden soll.
Darin zeigt sich für Schwinghammer zugleich ein grundlegendes Problem der heutigen Informationslandschaft. Menschen sind täglich mit einer enormen Menge an Nachrichten, Videos, Postings und Behauptungen konfrontiert, während traditionelle Medien ihre frühere Gatekeeper-Funktion teilweise verloren haben. Die Fähigkeit, zwischen glaubwürdigen Informationen, unbelegten Behauptungen und gezielter Manipulation zu unterscheiden, wird dadurch immer wichtiger.
Falsche Informationen können schließlich reale Entscheidungen beeinflussen – auf persönlicher ebenso wie auf politischer Ebene. Gleichzeitig ist der Erfolg von Desinformation häufig selbst Ausdruck tiefer liegender gesellschaftlicher Probleme: Verunsicherung, Angst, wirtschaftlicher Druck und mangelndes Vertrauen in Politik, Medien oder staatliche Institutionen schaffen ein Umfeld, in dem manipulative Botschaften besonders gut greifen können.
Doch auch vollständiges Misstrauen gegenüber sämtlichen Informationen sei keine Lösung, betont Schwinghammer. Wer grundsätzlich nichts mehr glaube, treffe Entscheidungen ebenfalls auf einer mangelhaften Informationsbasis. Das bedeute auch nicht, sozialen Netzwerken pauschal zu misstrauen. Vielmehr müsse verstanden werden, nach welchen Mechanismen Plattformen funktionieren, welche Interessen hinter bestimmten Inhalten stehen können und warum bestimmte Beiträge besonders stark verbreitet werden.
Wie professionell staatlich unterstützte Informationsmanipulation inzwischen funktionieren kann, zeigt die sogenannte Doppelgänger-Kampagne russischen Ursprungs. Dabei wurden Internetseiten bekannter europäischer Medien täuschend echt imitiert. Unter anderem wurden Erscheinungsbilder renommierter Zeitungen wie „Le Parisien“ oder „La Stampa“ nachgebaut und mit manipulierten beziehungsweise erfundenen Artikeln versehen. Die Inhalte sollten unter anderem Zweifel an der Unterstützung der Ukraine säen, westliche Staaten gegeneinander ausspielen und die Wahrnehmung des russischen Angriffskrieges beeinflussen.
Der Fall Ceuta zeigt damit vor allem eines: Schon falsche oder missverständlich verbreitete Informationen können innerhalb kürzester Zeit erhebliche reale Konsequenzen haben. Ob dahinter eine gezielte Desinformationskampagne, organisierte Schleuserkommunikation oder eine Eigendynamik aus Gerüchten und Fehlinterpretationen stand, muss allerdings anhand von Belegen geklärt werden – und nicht aufgrund vorschneller Vermutungen.