Neo-Ustaša haben in Mostar anscheinend Narrenfreiheit
Es ist die gleiche Mostarerer Polizei, die seit beinahe zwei Jahren beteuert, sie suche ja die Neofaschisten, die im Juni 2022 den Friedhof schändeten.
Mit der gleichen Polizei hat auch Štefica viele Erfahrungen. Gegenüber Balkan Stories erinnert sie sich an frühere Gedenkmärsche am Mostarer Befreiungstag. „Da standen Neo-Ustaša am Rand des Aufmarsches und zeigten den Ustaša-Gruß. Ich hab sie selbst fotografiert und bei der Polizei angezeigt. Nichts ist passiert.“
Der Ustaša-Gruß ist der gehobene rechte Arm – die gleiche Geste wie der Hitlergruß, den ihrerseits die Nazis von den italienischen Faschisten übernahmen.
In Kroatien und in Serbien ist die Geste verboten. Ob das auch in Bosnien der Fall ist, nicht ganz klar.
Wenig passierte auch nach den etlichen Malen, wo sie auf offener Straße angepöbelt oder bedroht wurde. Manche der Übergriffe fanden vor laufenden Überwachungskameras statt. „Die Polizei verfolgt die Anzeigen kaum noch.“
Die Unterstützer der Neofaschisten sitzen auf allen Verwaltungsebenen
Als ethnische Kroatin und bekennende Antifaschistin ist sie den kroatischen Nationalisten in ihrer Heimatstadt in besonderem Maße ein Dorn im Auge. „Sie sind vielleicht nicht selbst Ustaša, aber sie verstehen Aktivismus gegen die historischen und die neuen Ustaša als Angriff auf die kroatische Nation“.
Im Westen der Stadt lässt die dort seit jeher regierende klerikal-nationalistische HDZ seit Jahren mit dem Ultras-Club des Fußballvereins West Mostar eine sehr offene und eindeutige Sammel- und Rekrutierungsstelle für Neo-Ustaša und Neonazis zu. Siehe etwa diese Reportage von Balkan Stories.
Auch der bosnjakischen klerikal-nationalistischen SDA ist Antifaschismus gelinde gesagt kein Anliegen, schildert Sead. Zumal sie hier in Mostar seit den vergangenen Gemeinderatswahlen in einer Koalition mit ihrem kroatischen Pendant HDZ ist.
Selbige stellt seit damals den Bürgermeister – den ersten gesamtmostarer Bürgermeister seit beinahe 20 Jahren. Der heißt Mario Kordić – und mit ihm hat sich das Faschismusproblem in der Stadt weiter verschärft, zeigen sich Štefica und Sead überzeugt.
„Die HDZ hat sich mittlerweile auf allen Ebenen in den öffentlichen Einrichtungen der Stadt und des Kantons festgesetzt“, schildert Štefica.
Es ist vor allem Kordić zu verdanken, dass öffentliche antifaschistische Aktivitäten wie der Gedenkmarsch für die Befreiung Mostars im Zweiten Weltkrieg behindert oder verboten werden.
Für die Partisanennekropole bedeutet das nichts Gutes: Sie liegt westlich des Bulevar. Die Straße trennt Mostar in einen normalen Stadtteil im Osten – und den kroatisch-nationalistisch dominierten Westen. Dort bekommt man in Supermärkten nach Möglichkeit nur kroatische Biere, keine einheimischen. Und so manches Cafe serviert lieber serbische Biere als bosnische.
Das macht das nationale Denkmal umso verwundbarer. Bewacht wird es bezeichnenderweise nicht, schildert Štefica: „Es gab einmal eine Videoüberwachung. Aber für die war kurzfristig kein Geld mehr da, und seitdem ist sie nicht wieder aufgestellt worden.“
Das kann man auch als Einladung an Neofaschisten verstehen. Zumindest sehen die das offenkundig als Einladung.
Dass die Polizei gelinde gesagt wenig Glück hat bei der Suche nach den Verantwortlichen für die Schändung des Denkmals wird sie wohl auch nicht vor weiteren Übergriffen abschrecken.

Der neue Frieden nach Art der Ustaša
Die HDZ hat in Mostar und Umgebung offenbar eine bessere Verwendung für öffentliches Geld gefunden als ein nationales Monument bewachen oder – Gott bewahre – gar renovieren zu lassen – so wie es gesetzlich vorgesehen wäre.
300.000 Mark wurden in den vergangenen Jahren für den Groblje mira ausgegeben, den Friedhof des Friedens.
Der steht etwa 15 Kilometer entfernt von Mostar in der Gemeinde Bile. Ihn als Herzensangelegenheit der HDZ und der katholischen Kirche zu beschreiben, wäre eine gewisse Untertreibung.
100.000 Kreuze sollen dort aufgestellt werden – für Kroaten, die im Zweiten Weltkrieg „Opfer“ wurden und für bosnische Kroaten, die im „Heimatverteidigungskrieg“ in den 1990-ern gefallen sind. In jenem „Heimatverteidigungskrieg“, in dem die bosnisch-kroatische Armee HVO versuchte, die bosnische Hercegovina und Teile Mittelbosniens zu erobern und zum Staat Herceg Bosna zu machen.
Und die „Opfer“ des Zweiten Weltkriegs? Namen gefallener kroatischer Partisanen wird man dort wenige finden. Gemeint sind gefallene Ustaša und angebliche Opfer angeblicher kommunistischer Massenmorde – zu denen nach Meinung von Historiker einfach alle unbekannten Toten deklariert werden, die man aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs in der Gegend findet.
Das dürften wohl zu einem Gutteil nicht identifizierte gefallene Partisanen sei, wie die Wortmeldungen des Historikers Dragan Markovina nahelegen. „Die Gegend von Mostar wurde von den Ustaša-Soldaten heftig verteidigt, das Achte Dalmatinische Korps der Volksbefreiungsarmee (gemeint sind die Partisanen, Anm.) hat dort schwere Opfer erlitten“, sagt er und ergänzt: „Man darf auch nicht vergessen, dass viele dieser gefallenen Soldaten selbst Kroaten waren. Aber über Nationalität hat man damals nicht geredet.“
11.000 der geplanten 100.000 Kreuze stehen auf „Friedhof des Friedens“, wie Dragan Čović, Vorsitzender der bosnischen HDZ ausgerechnet am Europäischen Gedenktag der „Opfer totalitärer Diktaturen in Europa“ am 23. August des Vorjahres frohlockte.
Für die gut halbe Million Opfer des Völkermords der Ustaša an Serben, Juden und Roma im Zweiten Weltkrieg hatte der bosnisch-kroatische Obernationalist bezeichnenderweise kein Wort übrig. Auch nicht für die tausenden Bosnjaken, die bosnisch-kroatische Soldaten in den 1990-ern in Zentralbosnien und der Hercegovina vertrieben oder ermordeten.
Der in Mostar geborene Čović war damals Leiter in einer Mostarer Fabrik. In der wurden bosnjakische Zwangsarbeiter eingesetzt.
Heute wohnt er in Bare bei Mostar. In einem stattlichen Anwesen, wie man hört.
Der Frieden, dem der Groblje Mira bei Bile dienen soll, ist offenkundig der Frieden Čovićs und der Neo-Ustaša von West-Mostar.
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