Perspektivenlosigkeit und Emigration halten den Nationalismus am Leben
Der Sumpf, in dem dieser offene Nationalismus gedeihen kann, ist die wirtschaftliche Perspektivenlosigkeit der Region.
„Früher hatten wir eine Tabakfabrik, eine Flugzeugfabrik, eine Ausbildungsstätte für Piloten, eine Minibusfabrik, das waren 43.000 Arbeitsplätze bei 120.000 Einwohnern“, schildert Sead Đulić. „Geblieben sind uns eine Möbelfabrik und die Minibusfabrik – aber die ist deutlich kleiner als früher“.
Die Menschen wandern in Scharen ab – überproportional sind es gut ausgebildete, junge Kroaten. Das sind die, die mit der klerikal-nationalistischen HDZ ohnehin wenig anfangen können. Als ethnische Kroaten haben sie einfach Zugang zur kroatischen Staatsbürgerschaft – und damit zum offenen Arbeitsmarkt der EU.
Bei den Zurückgebliebenen stärkt das die Ängste, dass katholisches Leben in Bosnien bald verschwinden könnte. Viele halten umso verbissener an der nationalistischen Politik fest, die den Massenexodus erst ausgelöst hat.
Wenn die Kirche ihr Land zurückwill…
Was im Fall der Partisanennekropole die Situation zusätzlich verschärft, ist, dass die alten Eliten nach Grundstücken greifen, die im sozialistischen Jugoslawien enteignet wurden. „Der Partisanenfriedhof liegt auf Grundstücken, die vor 1945 der katholischen Kirche gehörten“, schildert Štefica Galić. „Die Kirche fordert diese Grundstücke jetzt zurück“.

Das wird die Bereitschaft der äußerst kirchenhörigen HDZ nicht steigern, den Partisanenfriedhof erhalten zu lassen. Oder gegen die grassierenden neofaschistischen Umtriebe vorzugehen, die vor allem diese Gedenkstätte als Symbol des jugoslawischen Antifaschismus zum Ziel haben.
Hat der Neofaschismus dank aktiver Unterstützung der HDZ und dank Duldung durch die SDA in Mostar gewonnen?
So weit will Sead nicht gehen. „Es war schon einmal viel schlimmer“, sagt er. Und: „Das Problem sind nicht die Menschen insgesamt. Es sind einige wenige, die gut organisiert sind.“
Kleine Fortschritte und große Kämpfe
Er sieht auch kleine Fortschritte, die man dem regierenden klerikal-nationalistischen Konsens abgetrotzt hat: „Bis vor wenigen Monaten war im Westen eine Straße nach dem Autor der Rassengesetze des (Ustaša-Staates, Anm.) NDH benannt. Die wurde mittlerweile umbenannt.“
Allerdings tragen immer noch etliche Straßen dort die Namen prominenter Ustaša oder prominenter Ustaša-Kollaborateure, wie etwa des Zagreber Erzbischofs in den 1940-ern, Alojzije Stepinac.
Und auch wenn in vielen kroatischen Mehrheitsgemeinden Bosniens die HDZ die stärkste Fraktion ist – sie vertritt beileibe nicht alle Kroaten. In allen bosnischen Bevölkerungsgruppen gibt es eine etablierte antifaschistische Tradition, schildert Sead. „Ich komme etwa gerade von einer Befreiungsfeier in Bugojno, an der ich teilgenommen habe“.
In der politischen Klasse des Landes gebe es keinen politischen Willen zur Lösung – aber vielleicht durch anhaltenden Druck von unten.
Der könnte auch darin bestehen, dass man den Verantwortlichen etwa die Vorteile einer lebendigen antifaschistischen Gedenkkultur verdeutlicht – gerade, wenn es um den Partisanenfriedhof geht.
„Der ist ja nicht nur ein Ort des Gedenkens“, sagt Sead, „er ist auch ein Ort des Lebens. Das ist auch die Symbolik, die damals Bogdan Bogdanović geschaffen hat: Die Stadt der Toten blickt auf die Stadt der Lebenden, und die Stadt der Lebenden auf die Stadt der Toten.“

Die Gedenkstätte habe touristisches Potential. „Aktuell kommen nur ein paar Schulexkursionen dorthin, und ein paar Touristen“, sagt Sead. „Wenn die Stätte renoviert und generalsaniert wird, könnte sie mit ihrer Geschichte auch eine größere touristische Attraktion Mostars neben der berühmten Alten Brücke werden.“
Das, so könnte man meinen, wäre vielleicht ein Argument für den Bürgermeister der Stadt. Vielleicht ist es stärker als seine ausgesprochene und öffentliche Abneigung gegen alles, was mit Antifaschismus zu tun hat.
Und wenn das nicht nützt, gibt es ja noch die Anzeigen, die Sead und andere erstattet haben, als die Polizei den heurigen Gedenkmarsch im Februar erneut untersagte – unter anderem wegen Amtsmissbrauchs durch die Polizei, die Stadt- und die Kantonalbehörden.
Bosniens Antifaschisten mögen im Kampf um Normalität zuerst auf Argumente und das Gespräch setzen. Mit Schwäche verwechseln sollte man das nicht. Sie können sich wehren, wenn sie müssen.
In Mostar, so scheint es, müssen sie.
Balkan Stories, Christoph Baumgarten
Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.
Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.