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Chinas kultureller Coup: Warum Gen Z plötzlich „chinesisch“ werden will

Chinas kultureller Coup: Warum Gen Z plötzlich „chinesisch“ werden will
FOTO: iStock/AP Tolang
5 Min. Lesezeit |

Von Congee bis Tai Chi: Während Asien das chinesische Neujahr feiert, erobert ein neuer Trend namens „Chinamaxxing“ die westlichen sozialen Medien – mit überraschenden geopolitischen Dimensionen.

Während in Teilen Asiens die mehrtägigen Feierlichkeiten zum chinesischen Neujahr auf Hochtouren laufen, erobert im Westen ein bemerkenswerter Trend die sozialen Medien: „Chinamaxxing“. Auf TikTok dokumentieren Nutzer ihre Versuche, „chinesisch“ zu werden – sei es durch das Trinken von warmem Wasser, den Verzehr von Congee oder das Üben von Tai Chi. Beobachter sehen darin ein Zeichen für Chinas zunehmenden kulturellen Einfluss.

@lightinhollow

Die Idee, chinesische Lebensart zu adaptieren, verbreitet sich rasant im digitalen Raum. Auf TikTok zeigen Menschen nicht-chinesischer Herkunft, wie sie vermeintlich chinesische Gewohnheiten in ihren Alltag integrieren – von kulinarischen Vorlieben über regelmäßige Spaziergänge bis hin zu Modeentscheidungen. Die Videos tragen Hashtags wie „#BecomingChinese“ oder „#NewlyChinese“. Manche Clips enthalten eine Anspielung auf den Kultfilm „Fight Club“: „Du hast mich in einer sehr chinesischen Phase meines Lebens kennengelernt“ – wobei die Originalfigur von Edward Norton statt „chinesisch“ das Wort „seltsam“ verwendet.

Auf dem Höhepunkt dieser China-Begeisterung finden sich erwartungsgemäß zahlreiche Videos mit Ratschlägen zum chinesischen Neujahr. Die Tipps reichen vom Tragen der Glücksfarben Rot und Gold über den Verzehr von Nudeln bis zum Vermeiden von Haarschnitten am Neujahrsabend. Zusätzlich werden Empfehlungen ausgesprochen, wann die Wohnung gereinigt und wann Wäsche gewaschen werden sollte.

@abcnewsaus Have you noticed that a lot of people online are feeling "Chinese"? Videos captioned "You met me at a very Chinese time in my life" have gone viral on Instagram and TikTok. It's being seen as major shift from how Chinese culture has been perceived in the past. By Madeline Lo-Booth, Asia News Week #ABCNews #Chinamaxxing #China #InternetCulture #ABCAsiaNewsWeek ♬ original sound – ABC News Australia

Die Reaktionen chinesischer und chinesischstämmiger TikTok-Nutzer fallen unterschiedlich aus – von scharfer Ablehnung und Befremden über Gleichgültigkeit bis hin zu amüsierter Belustigung. Die chinesisch-amerikanische Content-Erstellerin Sherry Zhu kommentierte den Trend in einem inzwischen millionenfach aufgerufenen Video ironisch: „Morgen werdet ihr Chinesen und es wird so Spaß machen.“

Paradoxer Wandel

Der aktuelle Trend erscheint zunächst paradox. Wie die BBC anmerkt, löste die Covid-Pandemie noch vor kurzem eine Welle der Sinophobie aus, bei der Angehörige der chinesischen Diaspora von rassistischen Anfeindungen berichteten und ihre Geschäfte gemieden wurden. Diese Beobachtung bestätigt auch der in Shanghai lebende deutsche Influencer Thomas Derksen gegenüber dem „Handelsblatt“: „Früher hast du Hass bekommen, wenn du einfach nur Food- oder Travel-Videos über China gemacht hast. Heute bringt es Traffic, gut über China zu reden.“

Analysten betrachten den „Chinamaxxing“-Trend als jüngstes Beispiel für Pekings moderne Charmeoffensive. Bereits im Vorjahr gelang China mit den bunten Labubu-Elfenpuppen des Herstellers Pop Mart nicht nur ein kommerzieller Erfolg, sondern auch ein Imagegewinn. Die „New York Times“ stellte kürzlich fest: „Im Laufe seines jahrzehntelangen Aufstiegs war China in vielen Dingen gut (und wird immer besser): Technologieentwicklung, Beherrschung von Lieferketten, Aufbau militärischer Macht. Worin es jedoch nicht großartig war, ist das Gewinnen von Herzen und Köpfen, insbesondere im Westen – bis scheinbar jetzt.“

Die Entwicklung von „Soft Power“ – also Einflussnahme durch kulturelle Faktoren – galt bislang nicht als Chinas Stärke. Dies hängt mit dem autoritären Regierungsstil zusammen. Zensur, Überwachung und die Repression der uigurischen Minderheit prägen nach wie vor den politischen Alltag und schaden Chinas Reputation. Laut „New York Times“ sei die Regierung jedoch im öffentlichen Auftreten „geschickter“ geworden. So wurde etwa die Einreise für ausländische Touristen vereinfacht. Vor Ort bekommen Besucher vom politischen Druck kaum etwas mit. Stattdessen vermitteln Reiseziele wie die aufstrebende Cyberpunk-Metropole Chongqing das Bild eines innovativen, fortschrittlichen Landes. Das „Handelsblatt“ kommentiert: „Vieles davon mag nicht falsch sein – es ist nur sträflich einseitig. Es ist das Image, das Chinas Staatsführung bewusst in die Welt tragen möchte: eine aufstrebende Supermacht, die auch sympathisch wirken kann.“

Amerikas Schwäche

Der Hauptgrund für Chinas „plötzliche Attraktivität“ könnte laut „New York Times“ „wenig mit China selbst zu tun“ haben. Umfragen zeigen, dass die Meinung zu China im Westen nach wie vor überwiegend negativ ist. Eine Erhebung der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik von 2025 ergab, dass nur 17 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher China als vertrauenswürdigen Partner betrachten – ein leichter Anstieg gegenüber den zwölf Prozent von 2023. 57 Prozent teilten diese Einschätzung nicht (2023: 72 Prozent).

Gleichzeitig haben die USA unter Präsident Donald Trump international und besonders bei europäischen Verbündeten an Ansehen verloren. In Österreich verschlechterten sich die Werte der USA mit dem Machtwechsel in Washington deutlich: Laut ÖGfE-Befragung betrachteten nur noch 15 Prozent der Befragten die USA als vertrauenswürdigen Partner – ein Rückgang von 34 Prozent im Jahr 2023. Der Anteil der Skeptiker stieg von 47 auf 69 Prozent. Die Filmwissenschaftlerin und China-Expertin Ying Zhu erklärte gegenüber der „New York Times“, die politische und kulturelle Polarisierung Amerikas habe „die Attraktivität der USA deutlich geschwächt“.

Der inzwischen verstorbene US-Politologe Joseph Nye, Begründer des „Soft Power“-Konzepts, kritisierte im Vorjahr Donald Trumps zweite Amtszeit und deren Auswirkungen: „Trump versteht Macht nicht wirklich. Er denkt lediglich in Begriffen wie Zwang und Bezahlung“, sagte Nye der AFP. „Harte Zwangsgewalt mag kurzfristig funktionieren, schafft aber langfristig Anreize für andere, ihre Abhängigkeit von den USA zu verringern.“

Diese Entwicklung zeigte sich jüngst auf der Münchner Sicherheitskonferenz, wo europäische Politiker wie der deutsche Kanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron rhetorisch auf Distanz zu den USA gingen. China hingegen präsentierte sich als verlässlicher Partner.

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KO KOSMO-Redaktion
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