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Demenz als berufliche Herausforderung

FOTO: Radule Bozinovic

HUMAN. Diese keineswegs harmlose Erkrankung lässt sich mithilfe von Experten besser unter Kontrolle halten. Alma Beširević (46), Demenzexpertin, hilft mit ihrem Team den Erkrankten, aber auch ihren Familien.

Als sie 1995 aus Tešanj (B-H) nach Wien kam, war ihr Ziel, ihr Diplom aus der Medizinschule nostrifizieren zu lassen und in irgendeinem Wiener Krankenhaus Arbeit zu suchen. Das schaffte sie mühelos und erreichte ihr gestecktes Ziel leicht. Aber… „Das Wissen, das ich in B-H erworben hatte, und die langjährige Arbeit im Operationssaal haben mir auf jeden Fall geholfen, in Wien weiterzumachen, wo ich schnell meine Ausbildung zur Oberschwester abgeschlossen und dann noch eine Fortbildung in Pflegemanagement gemacht habe. Durch diese Arbeit bin ich mit Patienten in Kontakt gekommen, die unter Demenz leiden, und habe meine Fähigkeit entdeckt, mit ihnen eine Kommunikation aufzubauen.

Alma Besirevic (FOTO: Radule Bozinovic)

Diesen Teil meiner Arbeit mache ich ohne Probleme. Das hat mich dazu bewogen, mich an der Fakultät in Krems für ein Studium über die Demenz einzuschreiben bzw. meine Kenntnisse über diese Krankheit zu vervollständigen. Die Prüfungen habe ich leicht bestanden und jetzt habe ich einen Mastertitel“, erzählt Alma über ihren professionellen Weg. Den Schritt in die berufliche Selbständigkeit machte unsere Gesprächspartnerin im Glauben, sie würde etwa zehn Menschen finden, mit denen sie sich beruflich beschäftigen würde, aber ihr Ruf verbreitete sich schnell.

„Die Angehörigen meiner Klienten empfahlen mich weiter und die Arbeit begann sich auszuweiten. Darum habe ich vor drei Jahren die Gesellschaft „Demenz-Kompetenz-Liebe“ (DKL) gegründet, die so funktioniert, dass unsere Mitglieder Mitgliedsbeitrag zahlen und dafür eine komplette und kontinuierliche theoretische Fortbildung und praktische Schulungen im Bereich der Begleitung und Pflege von Menschen erhalten, die unter irgendeiner Form von Demenz leiden. Aus den Mitgliedsbeiträgen werden unser Büroraum und die ganze dazugehörige Infrastruktur bezahlt, sodass wir derzeit ca. 90 Klienten und etwa 120 Mitglieder bzw. Mitarbeiter haben“, erzählt Frau Beširević über die außerordentlich schnelle Verbreitung ihrer humanitären Idee.

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Für humane Menschen gibt es Arbeit
Alle Mitglieder der Gesellschaft DKL sind als selbständige Unternehmer mit Gewerbeschein für die Personenbetreuung registriert. Die ursprüngliche Ausbildung ist für die Ausübung dieser Tätigkeit nicht ausschlaggebend. „Egal, mit welchem Diplom jemand zu uns kommt, müssen alle Mitglieder der Gesellschaft eine Schulung durchlaufen, die nach den vorgeschriebenen gesetzlichen Standards durchgeführt wird. Sie müssen lernen, wie man mit Menschen, die unter dieser Krankheit leiden, und mit ihren Angehörigen spricht und wie man sich ihnen gegenüber verhält, wie sie in verschiedenen Situationen reagieren und dass sie den Klienten ihre ganze Aufmerksamkeit widmen und sie pflegen.

Wir besuchen die Menschen mit Demenz in Krankenhäusern, Altenheimen und zu Hause, und die Tatsache, dass wir ständig neue Klienten dazubekommen, zeugt davon, dass sich ein guter Ruf weit herumspricht“, betont Alma. Wenn sich bei ihnen eine Familie meldet, die einen Verwandten, meist einen Elternteil, mit Demenzproblemen hat, ist der Besuch unseres Büros der erste Schritt, bei dem ein Gespräch geführt wird und die Daten über den Ausbruch und den Verlauf der Erkrankung aufgenommen werden. Alma macht gemeinsam mit ihren Kolleginnen einen individuellen Arbeitsplan und bestimmt die Struktur des Teams, das mit dem Klienten arbeiten wird.

Wichtig:
Wenn es in einer Familie Fälle von Demenz gibt, sollte man präventiv zum Arzt gehen.
Die jüngste registrierte Patientin war erst 27 Jahre alt, und eine Klientin der Gesellschaft DKL hat eine sekundäre Demenz im Alter von 36 Jahren.
Demenz tritt bei Frauen häufiger auf als bei Männern, weil Frauen länger leben.
Das Demenzrisiko erhöht sich durch Übergewicht, hohen Blutdruck, Rauchen und einen unregelmäßigen Lebensstil.
Man sollte sich gesund ernähren, viel Bewegung an der frischen Luft betreiben, genügend schlafen und sich ausruhen und abends einen Achtelliter Rotwein trinken.

„Das erste Gespräch mit dem Erkrankten führen wir in seinem Lebensumfeld, ohne dass die Familie anwesend ist. Da bekommen wir die wichtigsten Informationen und beginnen mit dem Training und der Pflege. Nach zwei Wochen sprechen wir wieder mit der Familie, schildern ihr unsere Eindrücke und hören ihre. Wir setzen die Arbeit für zwei weitere Wochen fort, und wenn die Familie zufrieden ist, dann unterschreiben wir einen Vertrag“, ist der Beginn der Arbeit des fleißigen DKL-Teams, das für seine Informationsgespräche kein Geld verlangt und oft auch die ersten Trainings und Pflegemaßnahmen kostenlos durchführt.

Und der Preis ist…
Die Fachleute für die Arbeit mit den Demenzkranken werden von den nächsten Verwandten engagiert, die auch den Vertrag unterzeichnen. Die Intensität der Arbeit wird leider zu einem hohen Maße von deren finanzieller Situation bestimmt. Aber das DKL-Team unter der Leitung von Frau Beširević ist bemüht zu zeigen, dass ihre Humanität so weit reicht wie nur irgend möglich. „Für bis zu fünf Stunden wöchentlich beträgt der Preis 17.70 € pro Stunde. Für eine intensivere Betreuung vereinbaren wir einen Pauschalpreis, aber der Stundensatz übersteigt niemals 10.70 € brutto. Ich betone, dass wir oft auch unentgeltlich arbeiten, denn wir wissen, wie schwer die Situation für die Familien und die Betroffenen ist. Wir sind nicht reich und mit dieser Arbeit werden wir das auch nicht, aber der finanzielle Gewinn ist nicht unsere Priorität. Wichtig ist uns, den Menschen zu helfen, Kompetenz zu zeigen und uns über positive Resultate zu freuen“, unterstreicht Alma und fügt hinzu, dass die Gesellschaft von den sozialen Diensten der Stadt Wien bisher keine Unterstützung erhält.

Der Klient ist zufrieden, da man mit ihm kocht, ihm vorliest, spaziert und vieles mehr. (FOTO: Radule Bozinovic)

Über Demenz
Es gibt zwei Formen von Demenz: die primäre, die sich direkt im Hirn entwickelt und unheilbar ist, und die sekundäre, die infolge anderer Primärerkrankungen auftritt (Alzheimer, Parkinson…) Die sekundäre Form kann, wenn sie rechtzeitig entdeckt wird, erfolgreich unter Kontrolle gehalten werden. „In der ersten Zeit, wenn die Menschen anfangen zu vergessen, wo sie ihre Schlüssel gelassen haben, was sie im Geschäft einkaufen wollten oder warum sie aus dem Haus gegangen sind, denkt man leicht, dass es sich um eine gutartige, altersbedingte Vergesslichkeit handelt. Aber wenn sich das innerhalb von sechs Monaten wiederholt und es dann noch passiert, dass die Menschen, die sich aufgrund dieser Veränderung ängstigen, anfangen, ihre Familienmitglieder wegen einer verschwundenen Geldbörse oder anderer Wertgegenstände zu beschuldigen, oder wenn sie den Tisch nicht mehr für sechs Personen decken können, weil sie verwirrt sind, dann muss man fachkundige Hilfe suchen. Die erste Adresse ist der Hausarzt, dann ein Neurologe und ein Psychologe. Aufgrund von Blut- und Testbefunden kann eine Diagnose schnell und fehlerfrei gestellt werden“, erklärt die Demenzexpertin. Die Diagnose ist immer ein Schock für den Erkrankten und für die Familie, denn damit ändert sich vieles, es kommt zu sozialen Schwierigkeiten. Depressionen sind eine Begleiterscheinung bei den Betroffenen, was die Situation zusätzlich erschwert.

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