Nataša Katalina (45), Malerin
Nataša ist Mutter von zwei Teenagern, die sie betreut, und sie ist sich bewusst, in welcher Zeit wir leben. Sie übersetzt ihre Eindrücke in Kunst.

KOSMO: Wie ist es, Mutter von zwei Teenagern zu sein?
Nataša Katalina: Sehr anstrengend! Das ist überhaupt nicht vergleichbar mit der Zeit, als wir Teenager waren, und es ist nicht fair, da Vergleiche anzustellen. Ich glaube, dass sich die Zivilisation in den letzten 30 Jahren schneller verändert hat als in den zweieinhalbtausend Jahren davor. Der technologische Fortschritt hat uns alle vor ungeheure Herausforderungen gestellt und wir sind nicht bereit, darauf zu reagieren. Wir suchen noch immer nach Wegen, damit zurechtzukommen und irgendwie die Kontrolle zu behalten.
Ich bin sehr besorgt über all die unangemessenen Inhalte, die dem Alter der Kinder nicht entsprechen, die ihnen aber über ihre elektronischen Geräte, d.h. über die sozialen Netzwerke, zugespielt werden. Ich glaube, dass sie von der Menge der erhaltenen Informationen völlig überfordert sind, und an meinen Kindern und ihren Freunden bemerke ich, dass sie ihre Zeit nicht mehr mit hochwertigen Inhalten füllen können, selbst wenn sie gerade nicht am Handy Spiele spielen, kommunizieren oder Videos schauen. Sie scheinen keine Ideen mehr zu haben, in welche Richtung sie sich, ihre Stärken und Talente orientieren sollen. Ich bemühe mich täglich, Einfluss auf meine Kinder zu nehmen, ihnen neue Ideen zu geben, ihnen zu erklären, wie wir gelebt haben, und die Zeit zu beschreiben, als noch keine Telefone gab.
KOSMO: Was sehen Sie als besonders gefährlich?
Sie suchen sich falsche Idole und erobern ihre Freiheit auf falsche Weise. Sie glauben, dass die Freiheit in der Änderung des Geschlechts, in der Schaffung neutraler Geschlechter, in Tätowierungen und Drogen liegt. In den Apotheken kaufen sie Medikamente, die sie auf bestimmte Arten kombinieren, und über all das informieren sie sich auf TikTok und über bestimmte Blogger. Sie glauben, dass das cool ist und dass sie so jemand sind, dass sie frei und selbstbestimmt sind, wenn sie zeigen, dass sie alles können und dürfen, dass sie anders sind. Teenager wollten schon immer neue Freiheiten erobern und offensichtlich brauchen sie einen legitimen Grund, um rebellisch zu sein und gegen irgendetwas zu kämpfen.
KOSMO: Wie sehr hat sich das während der Pandemie und der Lockdowns verstärkt?
Das hat im schlechten Sinne fürchterlich dazu beigetragen, den Weg in die falsche Richtung zu beschleunigen. In einer Lebensphase, in der jedes Kind seine Peergruppe braucht, gemeinsam ausgehen und die Stadt erobern möchte, sich verlieben will, waren sie gezwungen, zu Hause zu sitzen. Die Folgen davon können wir noch immer nicht genau abschätzen. Einigen Eltern ist es gelungen, ihre Kinder zu Hause zu halten, aber ich habe das mit meinem älteren Kind nicht geschafft. Sie war nicht aufzuhalten, hat mit anderen Kindern Parks aufgesucht, ist spazieren gegangen und hat Gesellschaft gesucht. Als das alles verboten war, hat uns ihr Verhalten die Situation noch weiter erschwert, denn wir hatten keine Ahnung, wo sie war und wem sie unterwegs war.
KOSMO: Welche Mängel hat das System hinsichtlich dieser Kinder?
Ich glaube, die Schule sollte beim Aufwachsen und bei der Erziehung der Kinder der wichtigste Partner der Eltern sein. Das ist nicht nur in Österreich ein Problem, sondern weltweit. Die Professoren und Direktoren sind nur Menschen mit ihren eigenen Problemen, aber den Schulen verüble ich, dass es ihnen nicht in erster Linie um das Wohlergehen und die Perspektiven der Kinder geht und dass sie sich nicht wirklich mit ihrem Innenleben beschäftigen. Sie bemühen sich nicht zu verstehen, dass das Leben eines Kindes aus viel mehr besteht als aus Mathematik, Bildnerischer Erziehung und Englisch, sondern sie beharren noch immer auf den althergebrachten schulischen Pflichten, auf Haus- und Schulübungen. Ich habe nicht erlebt, dass jemand sich mit meinen Kindern hingesetzt und geredet hätte, um zu sehen, wie ihr Leben außerhalb der Schule aussieht und mit welchem Rucksack an Problemen jedes Kind täglich das Klassenzimmer betritt.
Das ist sicherlich sehr anspruchsvoll und man bräuchte dafür viele Pädagogen und Psychologen. Wenn wir uns mit der Zukunft beschäftigen und wenn wir darüber nachdenken, wer das alles einmal erben wird, wissen wir, dass das eben diese Jugend ist, die wir jetzt haben. Ich glaube, dass es nichts Wichtigeres gibt als sie, und darum müssen wir uns anschauen, was für sie der Sinn des Lebens ist, wohin sie gehen wollen und wie wir ihnen helfen können, kompetente und bewusste Menschen zu werden, die diese Zivilisation weiter anführen werden.
KOSMO: Ihre Kinder und deren Freunde sind Ihre Inspiration fürs Malen…
Ich habe eine Serie von zwölf Bildern unter dem Titel ‘Adolescence’ gemacht, in der ich mich genau mit ihren Themen beschäftige: emotionales Erleben, Wahrnehmung des eigenen Körpers, (Un-)Zufriedenheit. Das sind alles Themen, die für sie in diesem Alter im Mittelpunkt stehen. Ihnen ist wichtig, wie schön, hässlich, begehrt, unattraktiv, interessant und besonders sie sind. Stimmungsschwankungen von Depressionen bis zu Exaltationen, die Suche nach ihrer Sexualität, wo sie sind, wer sie sind–all das ist heute sehr kompliziert, bunt und divers und die Grenzen sind porös geworden. Ich habe versucht, mit meinen Bildern wiederzugeben, wie sie fühlen, wie sie ihre Freizeit verbringen, wie ihre Beziehung zur Welt, zu Freundschaft und Partnerschaft, zu den Eltern und zu sich selber ist.