Die Natur hält eine überraschende Entdeckung bereit: Das Alter der Mutter könnte entscheidend dafür sein, ob in einer Familie nur Mädchen oder nur Jungen zur Welt kommen.
Mütter über 28
Dass Spermien mit ihren X- oder Y-Chromosomen das Geschlecht eines Kindes bestimmen, gilt als gesicherte Erkenntnis. Doch nun zeigt eine Studie der Harvard-Universität überraschende Zusammenhänge zwischen dem Alter der Mutter und der Geschlechterverteilung ihrer Kinder.
Frauen, die bei der Geburt ihres ersten Kindes älter als 28 Jahre waren, haben mit 43 Prozent eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, später ausschließlich Kinder eines Geschlechts zu bekommen. Bei jüngeren Erstgebärenden liegt diese Wahrscheinlichkeit nur bei 34 Prozent. „Wir haben festgestellt, dass ein höheres Alter der Mutter bei der ersten Geburt mit einem höheren Prozentsatz verbunden war, nur Mädchen oder nur Jungen zu bekommen“, erklärt Studienleiterin Siven Wang. Bei allen anderen untersuchten Eigenschaften fanden die Forscher keine Zusammenhänge mit dem Geschlecht der Nachkommen.
Rein statistisch betrachtet liegt die Chance für ein Kind männlichen oder weiblichen Geschlechts bei 50:50 – vergleichbar mit einem Münzwurf. Dennoch kennt fast jeder aus seinem Umfeld Familien, in denen ausschließlich Töchter oder Söhne geboren wurden. Dieses Phänomen veranlasste Wang und ihr Forschungsteam zu untersuchen, ob hier tatsächlich der Zufall regiert oder ob physiologische Faktoren eine Rolle spielen könnten.
Umfangreiche Datenanalyse
Für ihre Untersuchung werteten die Wissenschaftler Daten von mehr als 58.000 amerikanischen Müttern aus, die zuvor an zwei umfangreichen Studien zu Verhütung und Frauengesundheit teilgenommen hatten. Von diesen Frauen hatten 61 Prozent zwei Kinder, 30 Prozent drei Kinder, acht Prozent vier Kinder und die übrigen fünf oder mehr Kinder.
Die Forscher verglichen das Geschlecht der Kinder mit acht mütterlichen Eigenschaften: Körpergröße, Body-Mass-Index, ethnische Zugehörigkeit, Haarfarbe, Blutgruppe, bevorzugte Aktivitätszeit (Chronotyp), Alter bei der ersten Menstruation und Alter bei der Geburt der Kinder, das zwischen 13 und 48 Jahren variierte.
Besonders interessant: Die Studie zeigt, dass der Effekt bei Familien mit mehreren Kindern besonders deutlich erkennbar ist. Neben dem Alter spielt dabei offenbar auch die genetische Ausstattung der Mutter eine wichtige Rolle. Für besonders aussagekräftige Ergebnisse wären jedoch internationale Vergleichsstudien notwendig, da die aktuellen Erkenntnisse ausschließlich auf US-amerikanischen Daten basieren.
Mögliche Erklärungen
Warum das Alter der Mutter diesen Effekt haben könnte, ist noch nicht vollständig geklärt. Wang vermutet biologische Veränderungen im weiblichen Körper, die individuell unterschiedlich ausgeprägt sein können. Frühere Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass Menstruationszyklen, die heute bei Frauen immer früher einsetzen, die Geburt von Jungen begünstigen könnten.
Andererseits könnte ein mit zunehmendem Alter sinkender vaginaler pH-Wert das Überleben von Spermien mit X-Chromosomen fördern und damit die Wahrscheinlichkeit für weiblichen Nachwuchs erhöhen.
Joshua Wild von der Universität Oxford gibt jedoch zu bedenken, dass auch sozioökonomische Faktoren eine Rolle spielen könnten. „Es ist denkbar, dass Frauen, die nach dem 28. Lebensjahr Mutter werden, ihre Familienplanung bewusster gestalten“, erklärt der Wissenschaftler. Wenn solche Frauen beispielsweise zwei Kinder unterschiedlichen Geschlechts wünschen, aber zwei gleichgeschlechtliche bekommen, verzichten sie möglicherweise auf weitere Geburten.
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Fachleute betonen allerdings, dass die Studienergebnisse primär für die untersuchte US-amerikanische Bevölkerungsgruppe gelten. Kulturelle und gesellschaftliche Faktoren wurden bisher nicht ausreichend berücksichtigt, ebenso wie der mögliche Einfluss der Väter. Um die globale Gültigkeit der Erkenntnisse zu überprüfen, sind daher weitere internationale Untersuchungen erforderlich.
Um die genauen Zusammenhänge zu verstehen, sind weitere Studien notwendig. Diese müssten sozioökonomische Einflüsse, Umweltfaktoren und physiologische Aspekte berücksichtigen, die potenziell das Geschlecht eines Babys beeinflussen können.