Keine Artikel gefunden
Versuche einen anderen Suchbegriff
Identität

Hier sind wir einfach Jugos: Was die Diaspora aus Ex-Yu verbindet

Hier sind wir einfach Jugos: Was die Diaspora aus Ex-Yu verbindet
(Symbolbild FOTO: iStock)
5 Min. Lesezeit |

Woher genau unsere Eltern kommen? Natürlich wissen wir das. Aber hier in Österreich spielt es manchmal erstaunlich wenig Rolle. Sarajevo, Zagreb, Belgrad, Banja Luka, Split oder Mostar: Wenn wir uns begegnen, reicht oft ein Satz, ein Name oder ein Lied und wir wissen sofort: naš je. Einer von uns. Hier sind wir einfach Jugos.

Es passiert ständig. Man hört irgendwo einen Nachnamen auf „-ić“, am Nebentisch fällt ein „brate“, im Auto läuft ein Lied, das man seit seiner Kindheit kennt, oder jemand erzählt, dass er am Wochenende wieder „unten“ war. Vielleicht kommt seine Familie aus einem völlig anderen Teil des ehemaligen Jugoslawiens als die eigene. Trotzdem entsteht innerhalb weniger Minuten dieses vertraute Gefühl, als würde man sich schon ein bisschen länger kennen. Naši. Unsere Leute. Und vielleicht ist genau das eines der schönsten Dinge, die unsere Diaspora hervorgebracht hat.

Woher bist du? Eigentlich egal.

Natürlich haben wir unsere Herkunft. Der eine sagt mit Stolz, dass seine Familie aus Bosnien kommt, die andere fährt jeden Sommer nach Kroatien, der nächste hat seine Familie in Serbien oder Montenegro. Niemand muss das vergessen und niemandem wird etwas davon genommen. Aber hier in Österreich kommt noch eine zweite Ebene dazu. Wenn wir zusammensitzen, feiern, arbeiten oder uns zufällig kennenlernen, ist die genaue Antwort auf die Frage „Odakle si?“ oft gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist das Gefühl, dass der andere bestimmte Dinge versteht, ohne dass man sie groß erklären muss.

Er weiß, warum aus einem Kaffee schnell drei Stunden werden können, warum Mama fragt, ob man gegessen hat, obwohl man gerade erst durch die Tür gekommen ist, und warum eine Hochzeit mit 80 Gästen beinahe als klein durchgeht. Er versteht auch, warum wir während eines deutschen Satzes plötzlich drei BKS-Wörter verwenden und es für uns vollkommen normal klingt. Und vielleicht versteht er auch dieses schwer erklärbare „unten“. Dieses eine Wort kann Bosnien, Kroatien, Serbien oder Montenegro bedeuten. Der Ort ist ein anderer, das Gefühl dahinter erstaunlich ähnlich.

Jugo reicht manchmal völlig

Vielleicht verwenden deshalb so viele von uns ein einziges Wort für diese Gemeinsamkeit: Jugo. „Bist du auch Jugo?“ Mehr braucht es manchmal gar nicht. Es geht in diesem Moment nicht darum, welchen Pass jemand besitzt, aus welcher Stadt seine Eltern stammen oder welche Geschichte seine Familie mitgebracht hat. Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Kennst du diese Welt auch? Und wenn die Antwort Ja lautet, ist plötzlich etwas da: Vertrautheit.

Auch wissenschaftliche Arbeiten über die postjugoslawische Community in Wien beschreiben dieses Phänomen. Eine Untersuchung der Universität Wien beschäftigt sich ausdrücklich mit „Naši“, also „unseren Leuten“, und der Frage, wie dieses gemeinsame Zugehörigkeitsgefühl in der Diaspora funktioniert. Eine Untersuchung der TU Wien zeigt zudem, wie selbstverständlich dafür das Wort „Jugo“ verwendet wird. Befragte erklärten, dass sie sich selbst so nennen, gerade weil damit nicht hervorgehoben werden muss, aus welchem einzelnen Nachfolgestaat man stammt. Für sie stellt der Begriff vielmehr das Gemeinsame in den Vordergrund.

Eine Kultur, die nur hier so entstehen konnte

Vielleicht haben unsere Eltern diese Form von Gemeinschaft gar nicht geplant. Sie kamen nach Österreich, um zu arbeiten, um Sicherheit zu finden, wegen des Krieges, wegen der Liebe oder einfach auf der Suche nach einem anderen Leben. Dann wuchsen ihre Kinder hier auf: mit Deutsch in der Schule und BKS zu Hause, mit Schnitzel und Sarma, mit österreichischen Freunden und Familienurlaub „unten“, mit Ö3 im Radio und Liedern aus Ex-Yu auf jeder zweiten Familienfeier. Dazu kommen Wiener Schmäh und Sprüche unserer Eltern, die sich manchmal einfach nicht sinnvoll ins Deutsche übersetzen lassen.

Aus all dem ist etwas Eigenes entstanden. Eine Generation, die nicht ständig darüber nachdenken muss, in welche Schublade sie gehört. Wir können Österreicher und Jugos sein. Wiener mit bosnischen Wurzeln. Kroatinnen, Serben, Montenegrinerinnen oder Mazedonier und trotzdem Teil derselben Community. Wir müssen davon nichts abgeben, damit das andere Platz hat.

Gerade in Wien sieht man diese gemeinsame Welt überall: in Cafés und Restaurants, in Fußball- und Handballvereinen, bei Konzerten, auf Hochzeiten, auf TikTok, in Memes und in Freundeskreisen, in denen Menschen aus fünf verschiedenen Städten des ehemaligen Jugoslawiens zusammensitzen und niemand darüber nachdenkt, ob das eigentlich ungewöhnlich sein sollte. Es ist längst normal.

Naš je

Vielleicht merkt man erst außerhalb des Balkans, wie viel uns tatsächlich verbindet. Nicht weil wir alle gleich sind, sondern weil wir bei vielen Dingen keine Erklärung brauchen. Du hörst jemanden sprechen und drehst dich automatisch um. Du erkennst einen Nachnamen, hörst ein Lied oder lachst über einen Witz, den man wahrscheinlich nur versteht, wenn man mit genau dieser Mischung aus Österreich und Balkan aufgewachsen ist.

Und für einen kurzen Moment ist völlig egal, ob die Familie aus Sarajevo, Split, Belgrad, Zagreb, Banja Luka, Mostar oder Podgorica kommt. Du denkst einfach: Naš je. Einer von uns. Hier sind wir einfach Jugos.

Unabhängiger Journalismus braucht Unterstützung

Guter Journalismus entsteht nicht nebenbei. Gründliche Recherche, sorgfältige Faktenprüfung und eine kritische Einordnung brauchen Zeit, Erfahrung und Ressourcen. Damit wir weiterhin unabhängig berichten können – frei von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss – sind wir auf deine Unterstützung angewiesen.

Hilf mit, unabhängigen Journalismus zu sichern.
KO KOSMO-Redaktion
Teilen