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FALSCHES JUSTIZSYSTEM

Hinter Gittern mit zehn Jahren: In diesem Land werden bis heute Kinder eingesperrt

Symbolbild (FOTO: iStockphoto)

In den Jahren 2018/19 wurden 773 Kinder unter 14 Jahren unter juristische Aufsicht gestellt und 570 von ihnen in Haft genommen.

Die Arme und Beine auf einen Stuhl geschnallt, ein Beutel über dem Kopf und eine Schlinge um den Hals – Ein solches Bild lässt vermuten, dass es hier um höchstgefährliche Schwerverbrecher in Guantanamo Bay geht. Tatsächlich passierte das jedoch einem jungen Aborigine aus Australien. Dylan Voller (17) war 2014 in einem Gefängnis im australischen Northern Territory so „ruhiggestellt worden“, wie „derStandard“ berichtet. Zuvor hatte der Jugendliche gedroht, sich selbst zu verletzen, um sich in die Sicherheit eines Krankenhauses retten zu können. Am selben Tag war der Minderjährige in ein Gefängnis für Erwachsene verlegt worden.

Mit zehn Jahren ins Gefängnis
Doch der Fall des 17-Jährigen ist dort keine Seltenheit. Hunderte Minderjährige werden jährlich in Australien inhaftiert. Viele betroffene Kinder sind dabei australische Ureinwohner. Laut dem australischen Institut für Gesundheit und Wohlfahrt wurden 2018/19 landesweit 773 Kinder unter 14 Jahren unter juristische Aufsicht gestellt und 570 von ihnen in Haft genommen.

Für die Justiz sind die jeweiligen Bundesstaaten zuständig. Dadurch variiert die Behandlung von Kindern recht stark innerhalb Australiens. Doch was landesweit gleich ist, ist das Mindestalter für Strafmündigkeit: zehn Jahre. Zu jung, sagen Experten: Das Justizsystem ist schon für Erwachsene wenig effektiv. Das trifft noch viel mehr zu beim Umgang mit Kindern“, sagt Chris Cunneen, Professor für Kriminologie in Sydney gegenüber dem Standard. Trotzdem werden jedes Jahr hunderte Kinder und Jugendliche festgenommen und hinter Gitter gesperrt.

Erhöhung des Mindestalters gefordert
Zahlreiche Organisationen kämpfen deshalb dafür, das Mindestalter für Strafmündigkeit auf 14 zu erhöhen. Mit einer Anpassung nach oben würde Australien der Praxis der meisten Länder Europas folgen. Nur in Großbritannien und der Schweiz gilt nach wie vor zehn als Mindestalter. In Österreich liegt die Strafmündigkeit bei 14 Jahren, was laut Cunneen auch von den Vereinten Nationen als empfohlenes Alter gilt.

Gründe, die für eine Erhöhung sprechen, gäbe es genügend, sagt Chris Cunneen: „Es ist erwiesen, dass es Kindern unter 14 Jahren an Impulskontrolle mangelt und sie eine schlecht entwickelte Fähigkeit haben, zu planen und Konsequenzen vorauszusehen“, so der Experte. Viele Kinder im Justizsystem hätten psychische Probleme und kognitive Beeinträchtigungen.

„Das Justizsystem ist schon für Erwachsene wenig effektiv. Das trifft noch viel mehr zu beim Umgang mit Kindern“

Chris Cunneen, Professor für Kriminologie in Sydney

Rassismus: Haft für kleinste Vergehen
Neben dem Mindestalter, haben Kinder in Australien jedoch noch mit einem weiteren Problem zu kämpfen: Die überdurchschnittlich hohe Inhaftierungsrate von minderjährigen Indigenen. Bis zu 70 Prozent aller Kinder zwischen zehn und 14 in Haft seien Aborigines, obwohl Ureinwohner nur drei Prozent der Bevölkerung stellen, meint Cunneen: „Ein zehnjähriges weißes Kind hat eine größere Chance, mit einer Warnung davonzukommen“, meint der Kriminologe.

Stattdessen werden in australischen Medien immer wieder Fälle bekannt, in denen indigene Kinder für Vergehen wie den Diebstahl eines Schokoriegels hinter Gitter kommen. Die meisten werden wegen einfacher Vergehen wie Sachbeschädigung, Autodiebstahl oder gelegentlich Einbruch verhaftet. Oder einfach deshalb, weil sie sich nachts auf der Straße herumtreiben.

Quellen und Links: