Christian Schmidt hat im Interview klargestellt, dass sein Abgang als Hoher Repräsentant in Bosnien-Herzegowina auf einer selbständigen Entscheidung beruhte. Am 11. Mai 2026 erklärte Schmidt im Rahmen seines Berichts vor dem UN-Sicherheitsrat in New York seinen Rücktritt und kündigte an, das Amt weiterzuführen, bis der Friedensimplementierungsrat eine Nachfolge geregelt hat. Den Vorwurf, unter amerikanischem Druck gehandelt zu haben, weist er entschieden zurück: Alle Gespräche seien in ruhiger Atmosphäre und ohne jeden Zwang verlaufen. Schmidt betonte gegenüber der FAZ, er habe divergierende Positionen verhindern wollen, die das Amt des Hohen Repräsentanten in seiner Funktionsfähigkeit gefährden könnten.
Die eigentlichen Probleme des Landes, so seine Überzeugung, ließen sich durch einen bloßen Personalwechsel ohnehin nicht lösen.
Europas Versäumnisse
Mit scharfen Worten wandte sich Schmidt gegen die europäische Herangehensweise an Bosnien-Herzegowina. Er stellte die Frage, was Europa konkret unternommen habe, um eine selbständige Strategie für die Region zu entwickeln. Als besonders gravierendes Versäumnis nannte er den Rückzug der EU aus der Finanzierung der Südlichen Gasinterkonnektion – ein Schritt, der Bosnien-Herzegowina in anhaltender Abhängigkeit von russischem Gas belässt.
Darin sieht Schmidt ein symptomatisches Scheitern europäischer Außenpolitik.
Gegenüber den USA zeigte sich Schmidt anerkennend: Washington halte klar an der territorialen Integrität Bosnien-Herzegowinas im Sinne des Dayton-Abkommens, das 1995 den Bosnien-Krieg beendete, fest. Gleichzeitig verwies er auf einen Lobbyvertrag der Republika Srpska, der explizit auf die Unabhängigkeit der Republika Srpska und die Auflösung des Büros des Hohen Repräsentanten abziele. Schmidt wertet dies als koordinierten Versuch, die staatliche Einheit Bosnien-Herzegowinas zu untergraben, und warnte eindringlich vor den Folgen solcher Sezessionsbestrebungen.
Stabilität und Integration
Zur Rolle des Hohen Repräsentanten im Falle einer gewaltsamen Eskalation betonte Schmidt die Unabdingbarkeit internationaler Zusammenarbeit. Die bisherigen Inhaber des Amtes hätten wesentlich dazu beigetragen, die Staatsfunktionen aufrechtzuerhalten – eine dauerhafte Stabilisierung sei jedoch nur über den Weg der europäischen Integration zu erreichen.
Zum Abschluss des Interviews sprach Schmidt die wachsende Islamophobie in Bosnien-Herzegowina an. Er zeigte sich beunruhigt darüber, dass Hassrede zunehmend folgenlos bleibt und gesellschaftliche Akzeptanz gewinnt.
Auf seine persönliche Situation angesprochen, wies Schmidt jede Opferrolle von sich: Er sei ein freier Mensch, der seine Entscheidungen in voller Unabhängigkeit treffe.