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Volksmedizin

„Imam ja nešto!“ – die Hausapotheke jeder Balkan-Familie

„Imam ja nešto!“ – die Hausapotheke jeder Balkan-Familie
(FOTO: Mit KI erstellt)
6 Min. Lesezeit |

Fieber? Socken ausziehen – und Kartoffeln rein. Husten? Erst einmal karamellisierte Milch. Halsschmerzen? Irgendwo wird schon eine Flasche Rakija stehen. Wer am Balkan krank aufgewachsen ist, kennt wahrscheinlich Hausmittel, bei denen ein österreichischer Hausarzt kurz schlucken würde. Für Mama und Oma dagegen war die Diagnose oft klar: „Imam ja nešto!“

Man musste als Kind eigentlich nur einmal husten. Schon begann im Hintergrund die Vorbereitung. Wasser wurde gekocht, irgendeine Schublade geöffnet und Oma verschwand Richtung Küche. Ob man selbst mit der vorgeschlagenen Behandlung einverstanden war, spielte nur eine untergeordnete Rolle. Denn für beinahe jedes Wehwehchen existierte irgendwo zwischen Küche, Badezimmer und Vorratskammer ein Hausmittel.

Und nein: Gemeint sind nicht einfach Aspirin, Hustensaft und Pflaster. Wir reden von Kartoffeln, Essig, Zwiebeln, Kohl, karamellisiertem Zucker und natürlich jener Flüssigkeit, die auf dem Balkan offenbar gleichzeitig Getränk, Desinfektionsmittel und Familienmythos ist: Rakija.

Essig-Socken: der Klassiker bei Fieber

Wer als Kind Fieber hatte, erinnert sich vielleicht noch an dieses ganz besondere Gefühl: feuchte Socken an den Füßen. Je nach Familie wurden sie mit verdünntem Essig getränkt oder die Beine mit einem Essigwickel behandelt. „Za temperaturu.“ Gegen das Fieber. Diese Form von Wickel ist übrigens nicht nur auf dem Balkan bekannt, sondern auch als traditionelles Hausmittel in Österreich.

Für das Kind blieb vor allem eine Erinnerung: Du bist krank, dir ist ohnehin schon schlecht – und jetzt riechen auch noch deine Füße nach Salat.

Kartoffeln gehören offenbar nicht nur in den Ofen

Eine weitere Methode, an die sich viele aus Bosnien und Serbien erinnern: rohe Kartoffelscheiben auf die Stirn oder direkt in die Socken. Sie sollten nach traditioneller Vorstellung dabei helfen, die Temperatur „herauszuziehen“. Auch Zwiebeln landeten in manchen Familien unter den Fußsohlen. Solche Anwendungen werden bis heute als Hausmittel weitergegeben, eine wissenschaftlich belegte Behandlung von Infekten sind sie allerdings nicht.

Besonders angenehm war die Variante in den Socken. Man lag im Bett, bewegte kurz den Fuß – und irgendwo zwischen großer Zehe und Ferse wanderte eine inzwischen warme Kartoffelscheibe herum. Ein Wellness-Erlebnis, das wahrscheinlich nur Oma für überzeugend hielt.

Rakija: trinken? Nein. Oma hatte größere Pläne

Rakija nimmt bei traditionellen Hausmitteln eine Sonderstellung ein. In vielen Erinnerungen wurde sie nicht unbedingt getrunken, sondern äußerlich verwendet: auf die Füße gerieben, auf ein Tuch gegeben oder als Wickel um den Hals gelegt. Auch in Berichten über traditionelle serbische Hausmittel tauchen Rakija-Umschläge immer wieder auf.

Wenn man als Kind Halsschmerzen hatte und Oma mit einem Tuch und einer Flasche Rakija ins Zimmer kam, wusste man deshalb: Jetzt wird es ernst.

Medizinisch sollte Alkohol allerdings nicht zum Einreiben gegen Fieber verwendet werden, insbesondere nicht bei Kindern. Fachinformationen warnen vor Hautreizungen und möglichen Risiken durch Aufnahme oder Dämpfe.

Kohlblatt auf die Brust – natürlich

Dann wäre da noch kupus. Kohl ist am Balkan ohnehin für vieles zuständig – Sarma offenbar noch nicht genug. In traditionellen Hausmitteln wurden Kohlblätter unter anderem als Umschläge verwendet. Auch Erinnerungen aus Bosnien berichten von Kohlblättern auf Brust oder Körper bei Atemwegsbeschwerden. Historische Quellen aus der Region dokumentieren verschiedenste medizinische Anwendungen von Kohl.

Das Prinzip war einfach: Kohlblatt drauf, einwickeln und warten. Warum? „Pomaže.“ Es hilft. Weitere Fragen waren nicht vorgesehen.

„Pregoreni šećer“ gegen Husten

Diese Erinnerung dürfte besonders viele treffen: Zucker wird in einem kleinen Topf karamellisiert, anschließend kommt Milch dazu – je nach Familienrezept noch Butter, Schweine- oder Gänseschmalz. Fertig ist ein heißes Getränk, das Generationen von Kindern bei Husten serviert bekamen. Solche Rezepte mit karamellisiertem Zucker und Milch werden in Serbien und Bosnien bis heute als traditionelle Hausmittel weitergegeben.

Der Geschmack? Tatsächlich gar nicht unbedingt schlecht. Der Moment, in dem Mama noch einen Löffel mast hineingibt? Da wurde das Vertrauen in die Medizin kurz auf eine harte Probe gestellt.

Zwiebeln überall

Auch Zwiebeln und Knoblauch hatten traditionell eine beeindruckende Karriere. Alte bosnische Aufzeichnungen beschreiben Anwendungen von zerstoßenem Knoblauch auf den Fußsohlen, Zwiebeln bei Ohrenschmerzen und diverse Mischungen mit Fett, Honig oder anderen Zutaten. KOSMO hat solche historischen Rezepte bereits 2022 anhand eines medizinischen Werkes aus dem Jahr 1894 aufgearbeitet.

Die moderne Variante kennen viele etwas einfacher: Zwiebel neben dem Bett, Zwiebel in den Socken oder Zwiebel-Honig-Mischungen bei Husten. Ob alles davon medizinisch etwas bringt, ist eine andere Frage. Dass das Schlafzimmer danach deutlich nach Zwiebel riecht, ist hingegen wissenschaftlich kaum zu widerlegen.

Inhalieren – aber richtig Balkan

Eine Schüssel mit heißem Wasser auf den Tisch, Kamille hinein, Kopf darüber und Handtuch drüber. Wer sich beschwert, dass es viel zu heiß ist, bekommt zu hören: „Moraš se dobro napariti.“ Du musst ordentlich inhalieren.

Nach einigen Minuten taucht man wieder unter dem Handtuch hervor, komplett verschwitzt und mit der festen Überzeugung, gerade einen kleinen persönlichen Sauna-Aufguss überlebt zu haben. Dass warme Flüssigkeit und Dampf subjektiv angenehm sein können, bedeutet allerdings nicht, dass dadurch die Ursache einer Erkältung behandelt wird.

Honig, Tee und Zitrone – die vernünftige Abteilung

Nicht jedes Hausmittel unserer Großeltern war kurios. Tee, Honig, Suppe und ausreichend Flüssigkeit gehören bis heute zu den Dingen, die bei einem unkomplizierten Infekt angenehm sein können. Ethnobotanische Untersuchungen des zentralen Balkans zeigen, wie stark Heilpflanzen, Kräutertees, Honig und selbst gemachte Sirupe traditionell in der häuslichen Versorgung verankert sind.

Das Problem begann meistens erst dann, wenn Oma zu Tee und Honig noch etwas hinzufügen wollte, dessen genaue medizinische Funktion sie mit „Vjeruj ti meni“ erklärte.

Das beste Heilmittel: „Preznoji se“

Und dann gab es noch eine Therapie, für die überhaupt keine Zutaten notwendig waren: schwitzen. Schlafanzug an, dicke Socken, zwei Decken und ab ins Bett. „Moraš se preznojiti.“ Du musst es ausschwitzen.

Wenn man am nächsten Morgen aufwachte, fühlte man sich entweder tatsächlich besser – oder zumindest erleichtert, dass man nicht mehr unter drei Wolldecken liegen musste.

Zwischen Familienritual und echter Medizin

Natürlich darf man über all diese Dinge lachen. Viele erinnern sich sogar ziemlich liebevoll daran. Trotzdem sollte man traditionelle Hausmittel nicht mit nachgewiesener medizinischer Behandlung verwechseln. Gerade Methoden wie Alkohol auf der Haut, Zwiebeln oder Kartoffeln gegen Fieber haben keine verlässliche Evidenz als Behandlung einer Erkrankung. Bei hohem oder anhaltendem Fieber, Atemnot, starken Schmerzen oder anderen ernsthaften Beschwerden gehört die Sache medizinisch abgeklärt.

Aber wahrscheinlich ging es Mama und Oma ohnehin um etwas anderes. Sobald das Kind krank war, musste irgendetwas getan werden. Tee kochen. Stirn fühlen. Füße einpacken. Decke holen. Alle zehn Minuten fragen: „Kako si?“

Und deshalb steckt hinter dem legendären „Imam ja nešto“ vielleicht vor allem eines: der unbedingte Wunsch, dass es dir schnell wieder besser geht. Auch wenn dafür im schlimmsten Fall eine Kartoffel in deiner Socke landen musste.

Welche dieser Balkan-Therapien kennt ihr aus eurer Kindheit – und welches kuriose Hausmittel hat eure Mama oder Oma noch verwendet?

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KO KOSMO-Redaktion
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