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Diaspora

„To je za goste!“ – Pralinen, Gläser und Dinge, die wir nie anfassen dürfen

„To je za goste!“ – Pralinen, Gläser und Dinge, die wir nie anfassen dürfen
(FOTO: Mit KI erstellt)
5 Min. Lesezeit |

Im Schrank stehen wunderschöne Gläser, das gute Porzellan und eine Tischdecke, die seit Jahren aussieht wie neu. Daneben liegen Pralinen, Kekse und eine Schokolade, die erstaunlicherweise auch niemand essen darf. Warum? Ganz einfach: „Ne diraj, to je za goste!“ Denn in manchen Balkan-Haushalten bekommen Gäste offenbar Dinge, die für die eigene Familie viel zu schade sind.

Fast jeder kennt irgendwo so einen Schrank. Hinter Glas stehen Tassen, Teller und Gläser so ordentlich aufgereiht, als wären sie Teil einer Ausstellung. Manche Stücke waren Hochzeitsgeschenke, andere wurden irgendwann „aus Deutschland“ oder Österreich mitgebracht und wieder andere sind schlicht zu schön für den Alltag. Benutzt werden sie deshalb selbstverständlich nicht – außer es kommt Besuch.

Doch „za goste“ beschränkt sich keineswegs auf Geschirr. In manchen Haushalten gibt es auch eine kulinarische Sicherheitszone: die gute Schokolade, Pralinen, Napolitanke, Kekse, Kaffee oder eine Flasche Saft, die zwar seit Wochen im Haus stehen, von den Bewohnern selbst aber besser nicht angerührt werden. Denn theoretisch könnte jederzeit jemand klingeln.

„Ne diraj čokoladu!“

Als Kind entdeckt man eine ungeöffnete Packung Pralinen im Schrank. Man freut sich bereits. Dann kommt aus dem Hintergrund: „Nemoj to otvarati!“ Nicht aufmachen. „To je za goste.“ Und damit ist die Sache erledigt. Es gibt vielleicht zehn andere Süßigkeiten im Haus – aber genau diese eine Packung entwickelt plötzlich den Status eines Familienerbstücks.

Besonders faszinierend ist die Bombonjera. Sie steht wochenlang unangetastet im Schrank, obwohl jeder weiß, dass sie da ist. Niemand darf sie öffnen. Und wenn tatsächlich Gäste kommen, kann endlich jener historische Moment eintreten, für den die Pralinen offenbar produziert wurden.

Für uns gibt es die normalen Gläser

Du willst Wasser trinken und greifst nach dem schönen Glas. Sofort kommt aus dem Nebenzimmer: „Nemoj to!“ Nicht das! Daneben stehen schließlich die normalen Gläser. Die haben vielleicht schon 15 Jahre, zwei unterschiedliche Designs und eines davon war ursprünglich ein Senfglas – aber sie erfüllen ihren Zweck. Das Kristallglas bleibt im Schrank. Es könnte ja jemand kommen.

Wer sind eigentlich diese Gäste?

Das Interessante ist: Die guten Sachen werden oft für einen Besuch aufgehoben, der noch gar nicht konkret existiert. Vielleicht kommen Verwandte. Vielleicht Freunde. Vielleicht kommt irgendwann jemand „važan“. Also warten das Geschirr und die Süßigkeiten weiter geduldig auf ihren Einsatz. Manche Teller erleben dadurch vermutlich weniger Abendessen als die meisten Menschen Geburtstage.

Und auch beim Essen kann das Prinzip funktionieren. Ein Kuchen wird angeschnitten? „Ostavi malo ako neko dođe.“ Lass etwas übrig, falls jemand kommt. Die besonders schönen Kekse? Nicht alle essen. Der gute Kaffee? Lieber noch eine Packung aufheben. In einem Balkan-Haushalt kann ein völlig hypothetischer Gast erstaunlichen Einfluss auf die Vorratsplanung haben.

Dann klingelt es tatsächlich

Sobald Besuch angekündigt ist, verändert sich der Haushalt. Die gute Tischdecke kommt heraus, die schönen Tassen stehen plötzlich auf dem Tisch und aus irgendeinem Schrank taucht eine Servierplatte auf, die man seit dem letzten Weihnachten nicht mehr gesehen hat. Dann erscheint auch jene Schokolade, die die Kinder seit Wochen anschauen mussten, ohne sie öffnen zu dürfen.

Plötzlich stehen Kaffee, Saft, Pralinen, Kekse, Obst und vielleicht noch Kuchen auf dem Tisch. Und natürlich kommt irgendwann die Frage: „Hoćete nešto pojesti?“ Wollt ihr etwas essen? Die Antwort spielt nur eine begrenzte Rolle, denn meistens wird ohnehin etwas serviert.

Die Pralinen können sogar weiterreisen

Besonders schön wird es, wenn die berühmte Bombonjera gar nicht geöffnet wird. Ein Gast bringt sie als Geschenk mit, der Gastgeber stellt sie in den Schrank – und einige Wochen später braucht man selbst plötzlich ein Mitbringsel.

Niemand kann ausschließen, dass manche Pralinenschachteln auf dem Balkan bereits mehr Haushalte besucht haben als ihre Besitzer Urlaubsorte. Vielleicht existiert irgendwo eine Bombonjera, die seit 2017 von Familie zu Familie weitergereicht wird und noch immer originalverpackt ist.

„Nemoj, to je novo“

Besonders gefährlich sind Dinge, die „neu“ sind. Ein Handtuch kann drei Jahre im Schrank liegen und trotzdem weiterhin neu sein. Dasselbe gilt für Bettwäsche, Geschirr oder Gläser. Neu bedeutet in diesem Fall nicht zwingend, dass etwas kürzlich gekauft wurde. Es bedeutet eher: Wir haben es bisher erfolgreich vermieden, es zu benutzen.

Der berühmte Gästeschrank

Gerade in Wohnungen unserer Eltern und Großeltern war der Wohnzimmerschrank oft mehr als ein Möbelstück. Hinter Glas standen Kristallgläser, Porzellan, kleine Figuren und Erinnerungsstücke. In einer Lade darunter warteten möglicherweise Kaffee, Pralinen oder Kekse auf ihren großen Auftritt. Als Kind wusste man ziemlich genau, welche Türen man öffnen durfte – und welche besser geschlossen blieben.

Warum hebt man das Beste für andere auf?

Dahinter steckt natürlich mehr als die Angst vor einem kaputten Glas oder einer aufgegessenen Schokolade. Gäste gut zu behandeln ist eine Form von Respekt. Wenn jemand ins Haus kommt, holt man das Beste heraus, das man hat. Man möchte zeigen: Du bist willkommen und deine Anwesenheit ist etwas Besonderes. Das gute Geschirr, der bessere Kaffee und die ungeöffnete Bombonjera werden dadurch zu kleinen Zeichen von Gastfreundschaft.

Und irgendwann macht man es selbst

Die schönste Pointe kommt oft eine Generation später. Irgendwann bekommt man selbst ein paar dieser Gläser oder Teller mit nach Hause. Man stellt sie in den eigenen Schrank und denkt: Endlich werde ich sie benutzen. Dann kauft man eine besonders gute Packung Pralinen, stellt sie daneben und denkt: „Die machen wir auf, wenn jemand kommt.“

Zwei Monate später sind Gläser und Pralinen noch immer unangetastet.

Und plötzlich besitzt man selbst einen Gästeschrank.

Seid ehrlich: Was war bei euch „za goste“ – das gute Geschirr, die Pralinen oder sogar beides?

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KO KOSMO-Redaktion
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