Ein kleines Land, eine knappe Entscheidung – und ganz Europa schaut hin. Islands Referendum könnte mehr ins Rollen bringen als erwartet.
Die isländische Bevölkerung entscheidet am 29. August 2026 in einem Referendum darüber, ob das Land die seit 2015 eingefrorenen EU-Beitrittsverhandlungen wieder aufnehmen soll. Fällt das Votum positiv aus, könnten die Gespräche mit Brüssel noch vor Jahresende offiziell eingeleitet werden.
Island ist trotz seiner Nicht-Mitgliedschaft bereits eng in europäische Strukturen eingebunden: Das Land ist Teil des EU-Binnenmarkts und gehört dem Schengen-Raum an. Dennoch scheiterten frühere Beitrittsverhandlungen vor allem an der Fischereipolitik – einem Bereich, der für die isländische Wirtschaft und Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist. Der Politikprofessor Eirikur Bergmann bringt die Problematik auf den Punkt: „Die Fischerei ist für Island überlebensnotwendig. Deshalb wäre das Land niemals in der Lage, auch nur die geringste Kontrolle in Bezug darauf abzugeben.“ Zugleich beschreibt er die gesellschaftliche Stimmungslage: „Was die EU-Frage angeht, ist Island regelrecht in zwei Lager gespalten.“
Neue Annäherung
Nach einem Regierungswechsel ist in Reykjavík nun eine EU-freundlichere Koalition unter sozialdemokratischer Beteiligung am Ruder, die das Thema wieder auf die politische Agenda gesetzt hat. Hinzu kommt ein im März unterzeichnetes Verteidigungsabkommen mit der EU, das die Annäherung beider Seiten unterstreicht. Bemerkenswert ist dabei eine veränderte Haltung auf europäischer Seite: Bergmann verweist darauf, dass erstmals Bewegung in die lange festgefahrene Fischereidebatte gekommen sei – „Zum ersten Mal sagen EU-Vertreter, dass eine Lösung gefunden werden könnte.“ Eine landesweite Umfrage des Instituts Maskína vom 21. bis 25. August 2026 sieht 51,3 Prozent der Befragten für und 48,7 Prozent gegen eine Wiederaufnahme der Verhandlungen.
Symbolische Signalwirkung
Über die unmittelbaren Folgen für Island hinaus wird dem Referendum auch eine breitere symbolische Bedeutung beigemessen. Ein rascher Beitritt Islands könnte als ermutigendes Signal für andere Kandidatenstaaten wirken, darunter die Westbalkan-Staaten, die seit Jahren auf greifbare Fortschritte im Erweiterungsprozess warten.
Andreas Schieder, SPÖ-Delegationsleiter im Europaparlament, hebt die Qualitäten Islands als potenzielles Mitglied hervor: „Island ist ein wohlhabendes Land mit hohen Sozialstandards, das als Nettozahler zum EU-Haushalt beitragen würde.“