Putin meidet Sotschi, Weizenpreise explodieren, Häfen stehen still – das Schwarze Meer wird zum neuen Brennpunkt des Krieges.
Wladimir Putin meidet Sotschi. Vor dem Krieg zog es Russlands Präsidenten bis zu 25 Mal im Jahr an die Schwarzmeerküste, wo das Klima deutlich milder ist als in der Hauptstadt Moskau. Im vergangenen Jahr besuchte er seine weitläufige Residenz mit einer Fläche von 400.000 Quadratmetern nur ein einziges Mal – heuer blieb er gänzlich fern.
Einen offiziellen Grund dafür gibt es nicht. Die inoffiziellen Erklärungen kreisen jedoch beinahe täglich über den Stränden der Stadt: Seit die Ukraine Getreideschiffe, Ölanlagen und Häfen entlang der russischen Küste unter Beschuss nimmt, ist der Krieg auch im Inneren Russlands spürbar geworden. Der Präsident bildet dabei keine Ausnahme.
Blockade am Schwarzen Meer
Das zerbrechliche Gleichgewicht, das vier Jahre lang am Schwarzen Meer Bestand hatte, ist damit endgültig zerbrochen. Weil die Ukraine ihre Angriffe auf die russische Küste zunehmend intensiviert, reagiert Moskau seinerseits mit schärferen Gegenschlägen. Der maritime Korridor, den Kiew Mitte 2023 unter enormem militärischen Aufwand durchgesetzt hatte, gerät immer häufiger ins Visier russischer Attacken.
Das Ergebnis ist eine Blockade, die jener von 2022 ähnelt, jedoch mit einem wesentlichen Unterschied: Diesmal beschränken nicht nur russische Kräfte die ukrainischen Ausfuhren, sondern auch Kiew unterbindet umgekehrt russische Transporte. Für den Weltmarkt sind die Folgen kaum weniger gravierend als eine Sperrung der Straße von Hormus. Einzelne Experten gehen sogar von noch schwerwiegenderen Konsequenzen aus.
Da sowohl die Ukraine als auch Russland zu den bedeutendsten Akteuren auf dem globalen Getreidemarkt zählen, haben die Ausfälle die Terminpreise für Weizen bereits auf ein Dreijahreshoch getrieben. „Die Verzögerungen bei den Exporten der Ukraine könnten einen Dominoeffekt auslösen“, warnt Iryna Skubii, Forscherin an der Universität Melbourne. Die Ernte werde dort gerade eingefahren, aber die Lagerräume seien wegen der Blockade voll – das Getreide verderbe, die Landwirte würden vertragsbrüchig, Kunden fielen weg.
Russland hatte das Schwarze Meer 2022 für rund ein halbes Jahr vollständig blockiert, ehe die Vereinten Nationen ein Abkommen zur zivilen Getreideausfuhr vermitteln konnten. Ab Mitte 2023 gelang es der Ukraine mit militärischen Mitteln, zumindest die Hälfte ihrer Exporte wieder auf den Weg zu bringen. Die Landwirtschaft trägt laut Weltbank bis zu acht Prozent zum ukrainischen Bruttoinlandsprodukt bei, verglichen mit 1,2 Prozent in Österreich.
Strategisches Kalkül
Vor diesem Hintergrund bot Kiew Moskau Mitte August an, die gegenseitigen Angriffe auf zivile Ziele im Schwarzen Meer auszusetzen und einen temporären Waffenstillstand zu vereinbaren. Russland lehnte ab – das russische Außenministerium erklärte am 14. August, es sehe keine Grundlage für einen Waffenstillstand und lehne „Halbmaßnahmen“ ab, die der Ukraine nur eine vorübergehende Atempause verschaffen würden. Der Kreml hat für diese Haltung handfeste strategische Gründe: Er kann seinen Getreideexport über Häfen an der Ostsee und am Kaspischen Meer umleiten. Die Ukraine hingegen wickelt 90 Prozent ihrer Getreideausfuhren über die Schwarzmeerhäfen Odessa, Tschernomorsk und Piwdenne ab – die infolge des Beschusses derzeit vollständig geschlossen sind.
Auf die Donau auszuweichen, wie Kiew es während der Blockade 2022 noch getan hatte, ist gegenwärtig keine gangbare Option: Extremes Niedrigwasser hat die Schifffahrt dort nahezu zum Stillstand gebracht. Auch der Landweg über Polen hat sich als problematisch erwiesen. Die Ausfuhr auf diesem Weg ist mit erheblichen Kosten verbunden und löste 2023 massive Proteste polnischer Landwirte aus.
Doch auch Russland bleibt von den Folgen der Angriffe auf die Getreideschiffe nicht unberührt. Neunzig Prozent des russischen Getreideexports laufen über das Schwarze Meer – die Ausfuhren zählen zu den wichtigsten Devisenquellen des Kremls. Für die Bauern bedeutet das sinkende Einnahmen, und angesichts hoher Zinsen ist eine Fremdfinanzierung der Einkäufe für die kommende Saison kaum möglich.
Putin scheint all das wenig zu interessieren. Er tourte nun durch Sibirien, fuhr nach Sachalin, wo er seit 2020 nicht mehr war, später auf die Kurilen, die er noch gar nie besucht hat.
Noch reichen Kiews Drohnen nicht bis dorthin.