In Belfast wächst die Furcht vor einer weiteren Eskalation der Gewalt. Rechtsextreme Kreise setzen ihre Mobilisierung fort, Schulen haben den Betrieb eingestellt, der öffentliche Nahverkehr steht still. Die Polizei griff mit Wasserwerfern gegen gewalttätige Demonstranten durch.
Der Tatverdächtige Hadi Alodid wurde inzwischen einem Richter vorgeführt. Dem 30-Jährigen wird versuchter Mord zur Last gelegt. Im Zuge der Verhandlung wurde bekannt, dass das Opfer des Angriffs ein Auge verloren hat.
Ein Antrag auf Freilassung gegen Kaution wurde vom Gericht abgelehnt. Als nächster Termin vor der Justiz ist der 8. Juli vorgesehen. Polizeichef Boutcher erklärte, der Mann sei zuvor nicht polizeilich in Erscheinung getreten. Ein terroristischer Hintergrund wurde bislang ausgeschlossen. Dem Vernehmen nach hält sich der Verdächtige seit 2023 in Nordirland auf.
Erneut schwere Ausschreitungen
Bereits zum zweiten Mal in Folge kam es in Nordirland zu gewaltsamen Ausschreitungen im Zuge ausländerfeindlicher Proteste. Im Umland von Belfast setzte die Polizei Wasserwerfer gegen Demonstranten ein, die Steine auf Beamte warfen. „Es werden Gegenstände auf Beamte geworfen. Diese setzen nun Wasserwerfer ein, um die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten“, erklärte die Polizei. Zwölf Beamte wurde verletzt.
Die neuerlichen Ausschreitungen konzentrierten sich auf Glengormley nördlich von Belfast. Laut Berichten von Reportern der Nachrichtenagentur AFP wurden aus der Menge heraus Steine und Flaschen auf die Einsatzkräfte geworfen. Auf der Fahrbahn wurden zudem Feuer gelegt.
Anti-migration rioters are throwing Molotov cocktails at the police in Belfast tonight pic.twitter.com/jNMU2UkQAK
— Visegrád 24 (@visegrad24) June 10, 2026
Im Stadtzentrum von Belfast blieb die Lage unterdessen ruhig. Die Polizei hatte im Laufe des Tages ihre Präsenz in der nordirischen Hauptstadt deutlich verstärkt. Zahlreiche Schulen und Geschäfte blieben am Mittwoch geschlossen.
Zu den Protesten, in deren Verlauf Fahrzeuge und Wohnhäuser in Brand gesteckt wurden, hatten rechtsextreme Aktivisten aufgerufen. Auslöser war ein brutaler Messerangriff eines sudanesischen Migranten. Ein Video zeigt den Täter – den 30-jährigen Sudanesen Hadi A. – wie er einen am Boden liegenden, blutüberströmten Mann mehrfach mit einem Messer attackiert und offenbar versucht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Das Opfer, Stephen O., erlitt schwere Verletzungen.
In der Folge riefen der bekannte Rechtsradikale Tommy Robinson sowie US-Tech-Milliardär Elon Musk zu Protesten gegen Migranten auf. Demonstrationen und Ausschreitungen gab es daraufhin auch in mehreren anderen britischen Städten.
Ausnahmezustand in der Stadt
Angesichts erneuter Protestaufrufe beendeten am Mittwoch mehrere Schulen örtlichen Medienberichten zufolge den Unterricht bereits zur Mittagszeit. Der Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs stellte Bus- und Zugverbindungen ein. Auch zahlreiche Geschäfte sperrten zu.
Die Polizei kündigte an, ihre Kräfte aufzustocken; Verstärkung aus anderen Teilen des Vereinigten Königreichs sollte am Donnerstag eintreffen. Der nordirische Polizeichef Jon Boutcher bezeichnete die Ausschreitungen als einen „massiven Akt der Selbstzerstörung durch hirnlose Idioten“.
2 men and a wheelie bin versus police watercannon in Belfast.
Probably not as great an idea as first thought.🤦♂️ pic.twitter.com/jcOzy5sVHt
— Patriotic 🇬🇧 Nation (@HoodedClaw1974) June 10, 2026
Maskierte Demonstranten rissen Ziegelsteine aus Hausmauern und schlugen mit Vorschlaghämmern auf Gehwege ein, um die Steine nach der Bereitschaftspolizei zu werfen. An einer Stelle nutzte die aufgebrachte Menge Teile eines abgebauten Lattenzauns als Deckung auf der Straße.
Politische Reaktionen
Die britische Regierung kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Verantwortlichen an. Diese würden die „volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen“, versicherte Premierminister Keir Starmer im Onlinedienst X. Die Vorfälle in Belfast seien „schockierend und völlig inakzeptabel“. Bislang wurden laut Polizei drei Personen festgenommen.
Auch die nordirische Regierungschefin Michelle O’Neill verurteilte die Proteste in aller Schärfe und appellierte an die Bevölkerung, zur Ruhe zurückzukehren. „Gruppen maskierter Männer, die Familien aus ihren Häusern vertreiben, indem sie diese niederbrennen – das ist nichts anderes als widerliche Feigheit“, schrieb sie im Onlinedienst X.
Die Familie des Messerangriff-Opfers rief derweil dazu auf, den Vorfall nicht für fremdenfeindliche Zwecke zu instrumentalisieren. „Wir möchten nicht, dass diese schreckliche Tragödie dazu genutzt wird, die Menschen zu spalten oder Feindseligkeiten anzufeuern“, erklärte die Familie in einem Facebook-Post auf der Seite eines Lokalpolitikers. Sie betonte dabei, dass viele Migranten – etwa im Gesundheitswesen – einen wesentlichen Beitrag für die Gesellschaft leisteten.
Augenzeugen schilderten bedrohliche Szenen während der Ausschreitungen am Dienstag. „Gegen 19.30 Uhr legten sie Feuer in den Müllcontainern“, berichtete ein Anwohner mit Blick auf die Demonstranten. „Wir hörten Polizeiwagen und Sirenen“, sagte Eemran, ein Ingenieur indischer Herkunft. Feuerwehrleute seien ins Haus gekommen und hätten alle nach draußen gebracht. Polizeichef Boutcher sagte dem Sender BBC, Beamte hätten „viele Familien“ gerettet. Unter anderem sei ein zwei Monate altes Baby zu einer Polizeiwache gebracht worden. Laut Behörden wurden insgesamt 27 Menschen durch Brandanschläge obdachlos.
Die führende Labour-Politikerin Anna Turley machte Online-Dienste für die Ausschreitungen mitverantwortlich. Der hinter X stehende US-Tech-Milliardär Musk habe wie jeder „die Verantwortung, zur Ruhe aufzurufen und nicht Groll oder Hass zu schüren“, erklärte sie. Musk hatte Posts von rechtsextremen Aktivisten geteilt und die Protestierenden auf X dazu aufgefordert, „wiederholt und laut“ auf die Straße zu gehen.
UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk mahnte in diesem Zusammenhang eine stärkere Verantwortungsübernahme durch soziale Netzwerke an. „Provider“ müssten „die Verantwortung ernst nehmen, dass Entmenschlichung, hasserfüllte Sprache, Gewalt und der Aufruf zu Gewalt nicht hinzunehmen sind“, sagte er am Mittwoch vor Journalisten in Genf. Die Bilder von den Ausschreitungen seien „schockierend“.