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Gesellschaftswandel

Ozempic-Boom: Abnehm-Spritze erschüttert Märkte, Jobs und Beziehungen

Ozempic-Boom: Abnehm-Spritze erschüttert Märkte, Jobs und Beziehungen
Foto: iStock
6 Min. Lesezeit |

Eine Spritze verändert nicht nur Körper – sie verschiebt Märkte, Karrieren und Beziehungen gleich mit.

Die sogenannte Abnehm-Spritze ist längst mehr als ein medizinisches Phänomen. Was als Therapie gegen Übergewicht begann, verändert mittlerweile Supermarktregale, Bilanzen, Arbeitsverträge und Beziehungen.

Ausgelöst wird dieser Wandel durch das Hormon GLP-1 (körpereigener Appetitregulator). Breiter bekannt sind die Medikamente, die darauf basieren – Ozempic, Wegovy und Mounjaro. Weltweit greifen Millionen Menschen auf diese Präparate zurück. In den USA lebt mittlerweile in jedem fünften Haushalt jemand, der eine GLP-1-Therapie macht. In Deutschland sind es laut einer YouGov-Erhebung vom Jahresbeginn rund zwei Millionen Haushalte – in weiteren zwei Millionen denkt man zumindest darüber nach. Anfang September kommt Wegovy auch als Tablette auf den deutschen Markt.

Wirtschaftliche Folgen

Die Auswirkungen dieser Entwicklung gehen weit über die Gesundheit der Betroffenen hinaus. Forscher der Cornell University stellten fest, dass Haushalte mit mindestens einer Person in GLP-1-Therapie im Schnitt 5,3 Prozent weniger für Lebensmittel ausgeben. In wohlhabenderen Haushalten lag der Rückgang sogar bei 8,2 Prozent. Die Ausgaben für Restaurantbesuche und Essen außer Haus sanken um durchschnittlich acht Prozent.

Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang bei hochkalorischen Produkten: Chips, salzige Snacks, Süßgebäck und Kekse werden merklich seltener gekauft. Aber auch Fleisch, Eier, Gemüse und Brot landen weniger häufig im Einkaufskorb. Nur vier Kategorien verzeichnen Zuwächse – frisches Obst, Energieriegel, Fleisch-Snacks und vor allem Joghurt.

Nestlé hat auf diesen Trend bereits reagiert. Der Konzern arbeitet an neuen Produkten für eine Kundschaft, die immer seltener zu Snacks und Fertigprodukten greift. Im Mittelpunkt stehen nun Muskelerhalt und die Linderung von Begleiterscheinungen des Gewichtsverlusts – etwa der sogenannte „Ozempic-Face“-Effekt. Technologiechef Stefan Palzer bezeichnete das gegenüber Reuters als enorme Chance.

Damit bestätigt sich, was Investoren bereits vor Jahren geahnt hatten. Schon vor drei Jahren gerieten Aktien von Coca-Cola, McDonald’s und anderen Unternehmen aus dem Segment hochkalorischer Lebensmittel unter Druck – allein die nachgewiesene Wirksamkeit der Medikamente reichte als Signal, dass das Geschäftsmodell dieser Branche in einer Welt mit weit verbreiteten Abnehmspritzen schwieriger werden würde.

Arbeitsmarkt & Beziehungen

Neue Erkenntnisse aus Dänemark deuten auf einen weiteren bedeutsamen Effekt hin. Forscher der Universität Kopenhagen und der Rockwool Foundation stellten gemeinsam mit internationalen Kollegen fest, dass die Zahl der Langzeitkrankenstände unter GLP-1-Patienten um 17,3 Prozent zurückging – wobei als Langzeitkrankenstand eine Abwesenheit von mehr als 30 Tagen gilt. Schätzungen zufolge könnten dadurch mehr als 600 Euro pro Beschäftigtem eingespart werden.

Allerdings mahnen Experten zur Vorsicht bei der Interpretation. Gesundheitsökonom Nikolas Ziebarth vom ZEW in Mannheim weist darauf hin, dass die dänischen Daten auf Patienten basieren, denen Ozempic oder Wegovy bereits 2018 oder 2019 verschrieben wurde – also in einer frühen Phase, als die Medikamente noch neu waren. Dennoch hält Ziebarth einen generellen Rückgang der Langzeitkrankenstände für wahrscheinlich. Da das dänische Gesundheitssystem dem deutschen ähnelt, seien die Ergebnisse gut übertragbar. Andere Arbeitsmarkteffekte – etwa ein Anstieg der Beschäftigung oder veränderte Einkommensniveaus – konnten die Forscher hingegen nicht nachweisen.

Dabei sind Menschen mit Übergewicht am Arbeitsmarkt strukturell benachteiligt: Sie arbeiten im Schnitt weniger und verdienen weniger – ein Muster, das Frauen besonders hart trifft. Eine aktuelle Studie der Harvard-Ökonomin Rebecca Diamond liefert starke Hinweise darauf, dass Diskriminierung dabei eine zentrale Rolle spielt.

Diamond analysierte US-Daten von Frauen mit Adipositas, die GLP-1-Medikamente einnahmen, und verglich sie mit Frauen, die eine Therapie erwogen, aber letztlich darauf verzichteten. Das Ergebnis: Arbeitslose Frauen, die das Medikament nahmen, hatten nach eineinhalb Jahren eine um 27 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit, einen Job gefunden zu haben. Bei Männern ließ sich ein vergleichbarer Effekt nicht beobachten.

Bemerkenswert ist, dass bei Frauen, die bereits beschäftigt waren, kaum ein positiver Effekt auftrat – sie waren später sogar etwas seltener erwerbstätig. Diamond führt das möglicherweise auf Nebenwirkungen wie Übelkeit und Verdauungsprobleme zurück. Der entscheidende Unterschied zeigt sich also dort, wo der erste Eindruck zählt – und genau dort, so Diamonds Interpretation, schlägt die Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts am stärksten durch.

Die Folgen reichen bis ins Privatleben. Diamond untersuchte auch die Beziehungssituation von Frauen, die zu Beginn der Ozempic-Therapie alleinstehend waren. Nach der Therapie lebten sie um 29 Prozentpunkte häufiger in einer Partnerschaft oder Ehe. Die Erklärung, dass diese Frauen schlicht motivierter bei der Partnersuche geworden seien, verwirft Diamond: Die Therapie ging weder mit weniger Depression noch mit mehr Lebenszufriedenheit einher. Die Daten sprechen ihrer Einschätzung nach eher dafür, dass der erste Eindruck auf dem Beziehungsmarkt entscheidend ist – und dass Männer potenzielle Partnerinnen auch nach dem Körpergewicht beurteilen.

Bei Männern zeigt sich ein anderes Bild. Das auffälligste Ergebnis laut Diamond: Männer verlassen nach der Therapie häufiger ihre bisherigen Partnerinnen. Klar ist, dass bei Männern in einer Beziehung, die eine GLP-1-Therapie beginnen, die Wahrscheinlichkeit einer Trennung nach eineinhalb Jahren um 12 Prozentpunkte steigt. Für alleinstehende Männer hingegen scheint der Gewichtsverlust bei der Partnersuche kaum eine Rolle zu spielen.

Bei aller positiver Befundlage bleibt die Kostenfrage ungelöst. Die Hoffnung, dass GLP-1-Medikamente durch geringere Gesundheitskosten gewissermaßen selbst finanzierend wirken könnten, hat sich zumindest kurzfristig nicht bestätigt. Eine Studie der Indiana University zeigt, dass Patienten in den USA in den ersten fünf Jahren der Therapie zusätzliche Kosten verursachten – unter anderem durch häufigere Arztbesuche wegen Nebenwirkungen.

Das langfristige Bild ist noch offen. Viele Folgekosten der Adipositas entstehen erst nach Jahren, und die Einsparungen würden eine dauerhafte Einnahme der Medikamente voraussetzen. In Dänemark brach jedoch mehr als die Hälfte der Patienten die Therapie bereits nach einem Jahr ab.

Dabei sind die gesellschaftlichen Kosten der Adipositas nicht allein medizinischer Natur – sie zeigen sich auch in niedrigeren Löhnen, sozialer Stigmatisierung und erhöhten Krankenständen. Ziebarth plädiert dennoch dafür, dass Krankenversicherungen GLP-1-Medikamente übernehmen sollten. Seine vorläufige Schätzung: Die gesundheitlichen Kosten der Adipositas belaufen sich in Deutschland auf rund 2.000 Euro pro Person und Jahr.

Rechnet man die Effekte auf Gesundheit und Arbeitsmarkt zusammen, könnte die Gesellschaft einen Punkt der Kostendeckung erreichen.

Sollten die Preise nach Patentablauf mittelfristig sinken, könnte die Rechnung noch günstiger ausfallen.

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KO KOSMO-Redaktion
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