Start NEWS PANORAMA Serbien: Journalistin nach Bericht über Missstände im Spital verhaftet
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Serbien: Journalistin nach Bericht über Missstände im Spital verhaftet

Ana Lalic_Verhaftung_Serbien (FOTO: Facebook/Screenshot, iStock)

Die serbische Polizei hat in der Nacht auf Donnerstag Journalistin Ana Lalić festgenommen. Ana hatte auf dem Portal Nova.rs einen Bericht über die Zustände im Spital von Novi Sad veröffentlicht. Dort fehlt dem Personal grundlegende Schutzausrüstung gegen Corona.Erst Donnerstagvormittag wurde sie freigelassen.

Mitten in der Nacht stand die Polizei vor der Tür von Ana Lalić in Novi Sad. Sie habe Panik verbreitet, warfen ihr die Beamten nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien wie dem unabhängigen und kritischen kroatischen Portal “Lupiga” vor.

Ana wurde abgeführt. Nach Auskunft ihres Anwalts Srđan Kovačević brachten Polizisten sie auf die Polizeistation. Dort muss sie eine Haftstrafe von 48 Stunden absitzen. Ein Gerichtsverfahren gab es vor dieser Strafe offenbar nicht.

Am Tag ihrer Verhaftung hatte Ana in einer Reportage für das kritische Portal Nova.rs die Zustände im Spital von Novi Sad, dem Klinikzentrum Vojvodina, geschildert. Vor allem Krankenschwestern arbeiten dort ohne Schutzausrüstung gegen Covid-19. Masken fehlen, ebenso Handschuhe. „Ich habe heute drei Operationen mit nur einer Schutzmaske durchgeführt“, schildert etwa ein Arzt aus der Notaufnahme in der Reportage. Er will aus gutem Grund anonym bleiben.

Die Vorwürfe gegen das Spital und das Krisenmanagement der serbischen Regierung sind schwer. Ana legte das Ergebnis ihrer Recherchen der Spitalsleitung mit der Bitte um Stellungnahme vor. Die Spitalsleitung lehnte ab.

Spital weist Rechercheergebnisse zurück
Der Bericht ging ohne Stellungnahme online. Wenige Stunden später stand die Polizei vor der Tür.

Nachdem der Bericht auf “Nova.rs” veröffentlicht war, wies das KC Vojvodina die Reportage in Bausch und Bogen in einer öffentlichen Stellungnahme zurück. Nichts stimme. Man gehe professionell mit der Epidemie um, niemand müsse sich Sorgen machen, so die Botschaft der Stellungnahme. Ana wurde nach neuesten Informationen am Donnerstagvormittag freigelassen. Das bestätigte ihr Anwalt gegenüber Medien.

Teil der autoritären Regierungspolitik?
Zumindest die unabhängigen serbischen Medien wie “N1” und “Danas” sehen in dem Vorfall einen Anschlag auf die Medienfreiheit und berichten breit. Auch überregional schlägt die Verhaftung Wellen. Neben Lupiga berichtete in Kroatien etwa Novi List. Die unabhängige Journalistenvereinigung Serbiens protestiert scharf gegen Anas Verhaftung. Ana war der Mitglied, sie genießt wegen ihrer kritischen und gut recherchierten Berichte überregional den Ruf, eine ausgezeichnete und gewissenhafte Journalistin zu sein.

Nach Auskunft von Dinko Gruhonjić von der Unabhängigen Journalistenvereinigung gegenüber “Lupiga” hat die serbische Regierung in der Corona-Krise einen weiteren Schritt Richtung Autoritarismus vollzogen. Informationen dürfen nur mehr vom zentralen Krisenstab des Landes weitergegeben werden. Die Ergebnisse unabhängiger Recherchen – etwa in einzelnen Krankenhäusern – werden pauschal als Falschinformation dargestellt.

In diesem Klima könnte Anas Verhaftung ein Signal an alle Journalistinnen und Journalisten des Landes sein, nicht zu recherchieren und offizielle Informationen ungeprüft weiterzugeben.

Panik bei der Regierung?
Es scheint, dass Anas Text nicht bei der Bevölkerung, sondern bei den Behörden in Serbien Panik auslöste. Nachdem ihre Verhaftung scharfe Kritik vonseiten einiger Journalisten und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auslöste, äußerte sich auch die serbische Premierministerin Ana Brnabić. “Ich appelliere dazu, keine Menschen mehr zu verhaften – auch keine, die Lügen erzählen. Jeder soll seinen Job machen, und die Regierung wird mehr tun, um diese Lügen zu widerlegen. Ich möchte Tanja Fajon und Harlem Désir keine Gelegenheit geben, dass sie sagen, in Serbien gäbe es keine Redefreiheit “, sagte Brnabić, für RTS (öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Serbiens), N1 berichtete.

Dieser Bericht ist eine Kooperation zwischen KOSMO, Lupiga und Balkan Stories