Ein Geopolitik-Schock trifft Europas Zapfsäulen – und Millionen Autofahrer spüren die Folgen direkt an der Grenze.
Quer durch Mitteleuropa verschärfen Regierungen und Energiekonzerne ihren Kurs gegen den sogenannten Kraftstofftourismus – jene Praxis, bei der Autofahrer gezielt Staatsgrenzen überqueren, um in Nachbarländern günstiger zu tanken. Ausgelöst wurde die Entwicklung durch den militärischen Konflikt zwischen Israel und den USA auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite, der die globalen Energiemärkte in Aufruhr versetzt, die Rohölpreise nach oben getrieben und zentrale Versorgungsrouten unter Druck gesetzt hat. Besonders die Straße von Hormus, eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrouten der Welt, ist von den Auswirkungen betroffen – was europäische Regierungen dazu veranlasst, sich nicht nur auf mögliche Lieferengpässe und Preisanstiege einzustellen, sondern auch auf die unerwünschten Nebeneffekte, die entstehen, wenn Hunderttausende Fahrer auf der Suche nach billigerem Sprit die Grenzen überfluten.
Limits an Zapfsäulen
In Slowenien hat der Mineralölkonzern MOL an seinen Tankstellen Kaufbeschränkungen eingeführt: Privatpersonen dürfen pro Tankvorgang künftig höchstens 30 Liter erwerben, für Firmenfahrzeuge und Lkw gilt eine Obergrenze von 200 Litern. Slowenische Medien berichteten am Mittwoch über die Maßnahmen, die auf einen deutlichen Nachfrageanstieg der vergangenen zwei Wochen zurückgehen. Nach Unternehmensangaben ist dieser Anstieg nicht allein auf den regulären Verbrauch zurückzuführen, sondern auch auf Fahrer, die gezielt über die Grenze kamen, um Kraftstoff in Tanks und Reservekanistern zu horten.
Die als befristet angekündigten Regelungen sollen Versorgungsengpässe abwenden und eine gleichmäßige Verteilung des verfügbaren Kraftstoffs im ganzen Land sicherstellen. „Wir haben in den letzten Wochen einen außergewöhnlich hohen Verbrauch verzeichnet“, erklärte das Unternehmen und machte deutlich, dass ohne gegensteuernde Maßnahmen Engpässe an den Zapfsäulen drohten.
Das Phänomen ist kein slowenisches Einzelproblem. Auch Shell hat an seinen Standorten im Land vergleichbare Obergrenzen eingeführt – zunächst mit einem Limit von 200 Litern pro Tankvorgang, das im Laufe des Tages auf 100 Liter reduziert wurde. Der Anbieter Petrol hat sich bislang noch nicht zu ähnlichen Schritten entschlossen, doch Branchenkenner gehen davon aus, dass auch dieser Konzern in absehbarer Zeit nachziehen wird.
Slowakei handelt härter
Noch konsequenter agiert die Slowakei. Die Regierung in Bratislava hat per Beschluss höhere Dieselpreise für Fahrzeuge mit ausländischen Kennzeichen ermöglicht – eine gezielte Maßnahme, um den grenzüberschreitenden Kraftstoffkauf unattraktiver zu machen. Vorausgegangen waren Berichte des Raffineriebetreibers Slovnaft, wonach vergleichsweise niedrige Dieselpreise in den nördlichen Landesteilen nahe der polnischen Grenze zu einem sprunghaften Nachfrageanstieg geführt hatten. Zahlreiche Fahrer hätten dort sowohl Tankwagen als auch mobile Behälter befüllt, was einzelne Tankstellen zeitweise ohne Treibstoff zurückließ.
Premierminister Robert Fico verteidigte die Entscheidung mit dem Argument, dass ein ungebremstes Verkaufsvolumen das lokale Angebot verzerren würde. Den neuen Regelungen zufolge dürfen Tankstellen ausländische Fahrzeuge auf eine Tankfüllung zuzüglich zehn Liter begrenzen.
Das Wiederaufflammen des Kraftstofftourismus legt die wachsenden Preisdifferenzen auf den europäischen Märkten offen – ein Ergebnis unterschiedlicher nationaler Steuerpolitiken, staatlicher Subventionen und des geopolitisch bedingten Drucks auf die Energieversorgung. Ungarn hat Preisobergrenzen für Kraftstoff festgelegt, während Polens führender Raffineriebetreiber Orlen seine Margen gesenkt hat, um die Bevölkerung im Inland zu entlasten.