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Sozialarbeit

Sozialarbeiter entlarvt Jugendkriminalitäts-Mythos: „Ein Kind verzerrt die Statistik

Sozialarbeiter entlarvt Jugendkriminalitäts-Mythos: „Ein Kind verzerrt die Statistik
Foto: iStock
3 Min. Lesezeit |

Jugendkriminalität, Intensivtäter, Banden – doch ein Experte bremst die Alarmstimmung mit einem unbequemen Blick auf die Zahlen.

Während Politiker vor steigender Jugendkriminalität warnen und der Begriff „Intensivtäter“ durch die öffentliche Debatte geistert, klingt die Einschätzung aus der Sozialarbeit deutlich nüchterner. Nikolaus Tsekas, Leiter des Vereins Neustart Wien, bezieht im krone.tv-Interview klar Position: „Nein, ich teile diese Alarmstimmung nicht.“ Gerade wenn es um sehr junge Tatverdächtige gehe, sei ein genauer Blick auf die Datenlage unerlässlich.

Verzerrte Statistiken

Besonders skeptisch äußert sich Tsekas gegenüber dem gängigen Umgang mit Kriminalstatistiken. „Die Anzahl der Personen ist nicht die Anzahl der Menschen, sondern die Anzahl der Delikte.“ Ein einzelnes Kind, das wiederholt in Erscheinung tritt, könne die Zahlen erheblich verzerren – ohne dass dahinter zwingend eine breitere Welle an Jugendkriminalität stecke.

Wer das nicht berücksichtige, riskiere ein grundlegend falsches Bild der Lage. Für vorschnelle Urteile über sehr junge Betroffene hat der Sozialarbeiter wenig Verständnis: „Ein zwölfjähriger Bub ist für mich noch ein Kind.“ Das bedeute jedoch nicht, dass begangene Taten ohne Konsequenzen bleiben könnten.

Als Ursachen für delinquentes Verhalten im Jugendalter beschreibt Tsekas kein einzelnes Auslöserereignis, sondern ein Geflecht sozialer Belastungen – darunter instabile Familienverhältnisse, schulische Überforderung, fehlende Unterstützung und das Fehlen verlässlicher Bezugspersonen. „Es sind oft Kinder, die nicht die nötige Unterstützung vom Elternhaus bekommen“, so der Experte.

Mythos Jugendbande

Wo Stabilität fehle und Jugendliche weder in der Schule noch im sozialen Umfeld Halt fänden, entstehe ein schwer zu durchbrechender Kreislauf. „Dann holen sie sich diese Aufmerksamkeit durch Negatives – durch Auffallen, durch Grenzen überschreiten.“

Auch den verbreiteten Begriff der „Jugendbande“ sieht Tsekas kritisch. „Klassische autarke Jugendbanden gibt es so gut wie nicht in Wien“, stellt er klar. Was sich im öffentlichen Raum beobachten lasse, seien vielmehr lose Gruppierungen – sogenannte Neargroups –, in denen Jugendliche einander oft kaum kennen und dennoch gemeinsam handeln.

Die Dynamik dahinter sei weniger organisiert als spontan: Gruppendruck und Impulsentscheidungen prägen das Geschehen. „Dann hat einer eine Idee und die anderen gehen mit“, beschreibt der Sozialarbeiter die typische Entwicklung. Besonders problematisch sei dabei, dass viele Jugendliche die rechtlichen Folgen ihres Handelns nicht einschätzen könnten. „Viele wissen nicht, dass schon das Dabeisein strafbar sein kann“, warnt er.

Die Kernaufgabe von Neustart Wien ist die Bewährungshilfe – eine justizielle Anordnung, die Jugendliche nach gerichtlichen Entscheidungen begleitet und keine freiwillige Maßnahme darstellt. Im Mittelpunkt stehe dabei, dass junge Menschen wieder Anschluss finden und eine Perspektive für sich entwickeln können. „Jugendliche wollen im Prinzip nichts anderes als ein normales, glückliches Leben führen“, betont Tsekas.

Dafür brauche es stabile Rahmenbedingungen, Orientierung und ein funktionierendes soziales Umfeld.

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KO KOSMO-Redaktion
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