Streichungen, Preissprünge, leere Tanks: Europas Luftfahrt gerät unter Druck – und der Sommer ist noch nicht einmal angebrochen.
Der Billigfluganbieter Transavia hat in dieser Woche erste Streichungen für Mai und Juni angekündigt und dafür den drastischen Anstieg der Kerosinpreise verantwortlich gemacht. Damit reiht sich das Unternehmen in eine wachsende Liste von Fluggesellschaften ein – nach Ryanair und Volotea –, die auf die explodierenden Treibstoffkosten und die schwierige Versorgungslage mit Kerosin aus den Golfstaaten reagieren. Die Fluggesellschaft Norse Atlantic Airlines hat ihren gesamten Sommer-Flugplan abgesagt, nachdem die Kerosinkosten zu hoch geworden sind.
„Frankreich produziert deutlich weniger Kerosin, als es verbraucht. Jährlich werden rund drei Millionen Tonnen hergestellt, der tatsächliche Bedarf liegt jedoch bei etwa fünf Millionen – die Differenz muss durch Importe gedeckt werden, vor allem aus dem Nahen Osten“, erklärt Wouter Devulf, Professor an der Universität Antwerpen. Die Golfstaaten liefern dabei nicht nur Rohöl, sondern auch bereits raffinierte Produkte wie Jet A-1, den weltweit meistgenutzten Flugzeugtreibstoff. Laut Daten des französischen Energieministeriums stammten vor Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten rund 50 Prozent des in Frankreich verwendeten Kerosins aus inländischer Produktion, 20 Prozent wurden aus dem Nahen Osten importiert, die verbleibenden 30 Prozent kamen aus Europa, den USA und Asien.
„Europa fördert kaum eigenes Öl und hat seine Raffineriekapazitäten in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgefahren. Die Abhängigkeit von importierten Fertigprodukten wächst – und damit auch die Verwundbarkeit gegenüber globalen Krisen“, warnt Energieexperte Thierry Bros. Experten betonen allerdings, dass Frankreich im europäischen Vergleich eine etwas günstigere Ausgangslage hat, da es weniger stark auf Lieferungen aus dem Nahen Osten angewiesen ist. Großbritannien etwa bezieht rund 60 Prozent seines Kerosins aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait.
Drohende Versorgungslücke
Mitte April schlug der Chef der Internationalen Energieagentur Alarm: Europa verfüge möglicherweise nur noch über Kerosinreserven für sechs Wochen. Während die Friedensverhandlungen zwischen den USA und dem Iran ins Stocken geraten sind und der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus blockiert bleibt, stellt sich die Frage, wie realistisch ein massenhafter Ausfall europäischer Flüge in diesem Sommer ist. Seit Wochen nähren ausbleibende Öl- und Produktlieferungen aus den Golfstaaten Spekulationen über eine drohende Kerosinknappheit.
Die beiden großen Pariser Flughäfen Paris-Orly und Paris-Charles-de-Gaulle sind über ein Pipelinenetz mit Raffinerien und dem Terminal in Le Havre verbunden und dürften damit die schlimmsten Auswirkungen einer möglichen Engpasssituation abfedern können. Der Großteil des Rohöls für diese Infrastruktur kommt aus Nordamerika – ein Umstand, der Frankreich gegenüber anderen Ländern in eine vergleichsweise vorteilhafte Position bringt. Die Regierung gab bekannt, über strategische Reserven für rund zwei Monate zu verfügen; die kommerziellen Vorräte an den Flughäfen selbst reichen für etwa zehn Betriebstage. „Für die kommenden Wochen besteht kein Risiko einer Kerosinknappheit“, versicherte Regierungssprecherin Maud Bregeon.
Experten mahnen jedoch zur Vorsicht, sollte sich die Krise in die Länge ziehen. „Die aktuelle Kombination aus Reserven und Versorgungsalternativen wird den Sommer wohl überbrücken – aber die entscheidende Frage ist, wie lange der Konflikt anhält. Setzt er sich fort, könnten dieselben Probleme im Herbst, also im Oktober oder November, wieder akut werden“, so Devulf gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Capital. Frankreich und die Europäische Union arbeiten bereits an Maßnahmen zur Bewältigung längerfristiger Störungen: engmaschigere Beobachtung der Vorräte und maximale Auslastung der vorhandenen Raffineriekapazitäten stehen dabei im Vordergrund. Die Europäische Kommission hat signalisiert, dass koordinierte Eingriffe notwendig werden könnten, um den Binnenmarkt funktionsfähig zu halten und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Ticketpreise & Rechte
Selbst wenn eine akute Knappheit ausbleibt, könnten Reisende die Folgen der Krise deutlich zu spüren bekommen. „Man muss zwischen Verfügbarkeit und Preis unterscheiden. Auch ohne Engpass können die Ticketpreise erheblich steigen“, betont Bros. Der Kerosinpreis hat sich infolge des Nahost-Konflikts mehr als verdoppelt – und Treibstoff macht bis zu 40 Prozent der Betriebskosten einer Airline aus. Besonders hart trifft es Billigfluganbieter, die ohnehin mit schmalen Margen kalkulieren. Unternehmen wie Transavia haben bereits reagiert: Preiserhöhungen und die Streichung wenig rentabler Verbindungen sind die Folge. „Es geht weniger um Knappheit als um Wirtschaftlichkeit. Wenn die Ticketpreise zu hoch werden, ist es für Fluggesellschaften schlicht profitabler, die Maschinen am Boden zu lassen“, so Bros.
Wer von einer Streichung betroffen ist, hat nach geltendem EU-Recht begrenzte Möglichkeiten. Fluggesellschaften dürfen Flüge absagen, sofern sie die Passagiere mindestens 14 Tage im Voraus informieren. In diesem Fall sind sie zur Rückerstattung oder zur kostenlosen Umbuchung verpflichtet. Eine Ausgleichszahlung hingegen entfällt, wenn die Streichung auf „außergewöhnliche Umstände“ zurückzuführen ist – worunter die aktuelle, durch den Nahost-Krieg ausgelöste Krise nach Einschätzung von Experten fällt, wie der Sender France 24 berichtet.
Die Blockade der Straße von Hormus bringt die globalen Ölmärkte in Unruhe, und die Sorge wächst, dass Europa ausgerechnet in den Wochen vor dem Höhepunkt der Reisesaison in Bedrängnis geraten könnte. Europäische Fluggesellschaften bereiten sich auf weitere Einschränkungen vor – und hoffen zugleich, dass eine umfassende Treibstoffkrise, die ihre Flotten am Boden halten würde, auch in diesem Sommer ausbleibt.