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CORONAVIRUS

Warum steht Serbien trotz Impferfolgen vor erneutem Lockdown?

(FOTOS: zVg.)

Serbien gilt seit Wochen als Musterschüler, wenn es um die Impfung gegen das Coronavirus geht. Dennoch steht das Balkanland womöglich vor einem weiteren Lockdown, da die Zahlen stark steigen.

Nachdem Ende Dezember 2020 Serbien täglich rund 7.000 Neuinfektionen verzeichnete, schaffte es das Land die Zahlen über die Neujahrsmonate auf rund 1.600 Infektionen pro Tag zu drücken. Gleichzeitig lief auch eine große Impfkampagne an, für welche man Belgrad international mit Lob überschüttete. Es schien fast so, als hätte Serbien einen neuen Weg im Kampf gegen Corona gefunden. Jetzt scheint jedoch alles anders zu kommen als erwartet.

Zweitbester in Europa
„Serbien impft nach Großbritannien im europäischen Vergleich am schnellsten“ – diese Schlagzeile machte vor Wochen nicht nur innerhalb der EU die Runde. Die serbische Premierministerin Ana Brnabić gab diesbezüglich zahlreiche Interviews und betonte mehrfach, dass international unabhängige Verhandlungen das Erfolgsrezept der Impfstrategie seien.

Gleich vier Impfstoffe wurden von der zuständigen Gesundheitsbehörde zugelassen: AstraZeneca, Pfizer/BioNTech, Sputnik V und Sinopharm. Im Interview für „Focus“ erklärte Brnabić, dass es Serbien primär darum ging, „Leben zu retten“ und „nicht um Geopolitik“.

Fast normales Leben in Serbien
Die hohe Durchimpfungsrate von rund 10 Prozent und das relativ überschaubare Infektionsgeschehen führten dazu, dass die serbische Regierung und der Corona-Krisenstab im europäischen Vergleich relativ frühe Öffnungsschritte setzten.

Die Gastronomie und Einkaufszentren haben bereits seit Monaten wieder geöffnet und auch in Diskos und auf Konzerten darf, wenn auch nur bis 20 Uhr, gefeiert werden. Internationale Medien lobten das Balkanland für seine anscheinend gut aufgehende Strategie, welche ein „fast normales Leben“ ermöglichte. Abgesehen von der Maskenpflicht und den verkürzten Öffnungszeiten konnte man in Serbien Freiheiten genießen, von welchen man im Rest Europas träumte. Dann kam allerdings eine Kehrtwende.

4.500 Neuinfektionen und überlastete Spitäler
Die Infektionszahlen stiegen in den letzten Wochen abermals stark an und auch die Corona-Spitäler geraten an ihre Belastungsgrenzen. Allein von Dienstag auf Mittwoch verzeichnete Serbien laut covid19.rs 4.590 Neuinfektionen, bei einer insgesamten Testanzahl von 16.929 – umgerechnet war somit fast jeder dritte Test positiv (27,11 Prozent) Im Vergleich dazu verzeichnete Österreich im selben Zeitraum 2.932 Neuinfektionen bei 50.802 Testungen. Der Anteil der positiven Tests liegt hierzulande bei rund einem Prozent.

Das sehr ausgeprägte Infektionsgeschehen führte dazu, dass der bis dato Musterschüler Serbien im internationalen Vergleich nun auf dem sechsten Platz liegt: Nach Tschechien, San Marino, Malta, Estland und Montenegro. (siehe Statistik)

Nächster Stopp: Lockdown?
Der serbische Weg, welcher nach dem schwedischen als Paradebeispiel für ein erfolgreiches Pandemiemanagement galt, scheint nun an seine Grenzen gestoßen zu sein. Bereits vergangenes Wochenende entschloss sich der Krisenstab in Belgrad dazu, die Öffnungszeiten am Wochenende stark zu verkürzen und nun wird bereits seit Tagen heftig über einen weiteren Lockdown diskutiert.

Serbische Medien schrieben heute Morgen, dass ein Wochenend-Lockdown quasi fix sei und dass der medizinische Beratungsstab der Regierung sogar auf einen kompletten Lockdown in der Länge von mindestens 10 Tagen poche.

Virusverbreitung trotz gutem Impfprogramm
Bis die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung eine Immunität erlangt, scheint sich das Coronavirus einfach nicht so einfach bremsen zu lassen. Selbst die gut organisierte Massenimpfung Serbiens scheint derzeit nicht genügend Schutz vor dem Virus und vor allem seinen Mutationen zu bieten.

„Anhand der gegenwärtigen epidemiologischen Situation können wir den Schluss ziehen, dass fast alle Länder noch weit von einer Herdenimmunität entfernt sind. Und die relativ hohe Impfrate Serbiens reicht nicht aus, um die Epidemie zu stoppen. Es scheint, dass Israel der Erreichung einer kollektiven Immunität am nächsten kommt“, erklärte der kroatische Epidemiologe Branko Kolarić.

Offensichtlich ist es bis zur Erreichung der Herdenimmunität oder zumindest bis zur Durchimpfung der am stärksten gefährdeten Gruppen erforderlich, auch weiterhin nicht-medizinische Maßnahmen zu ergreifen, um die Zahlen auf einem kontrollierbaren Niveau zu halten.