Keine Artikel gefunden
Versuche einen anderen Suchbegriff
Evolutionsrätsel

Weißer Hai gibt Forschern 10.000 Jahre altes DNA-Rätsel auf

Weißer Hai gibt Forschern 10.000 Jahre altes DNA-Rätsel auf
(Foto: Pexels)
3 Min. Lesezeit |

Genetische Widersprüche bei den seltensten Raubtieren der Meere stellen Forscher vor ein 10.000 Jahre altes Rätsel. Die DNA der Weißen Haie folgt unerwarteten Mustern.

Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Gavin Naylor vom „Florida Program for Shark Research“ steht vor einem faszinierenden Mysterium in der Welt der Meeresbiologie. Die Wissenschaftler haben bei Weißen Haien eine überraschende genetische Besonderheit entdeckt: Die Unterschiede in der mitochondrialen DNA (Erbgut der Zellkraftwerke) stimmen nicht mit den Veränderungen in der nuklearen DNA (Zellkern-Erbgut) überein. Diese Entdeckung erschüttert die bisherige Theorie der „Philopatrie“ (Rückkehr zum Geburtsort) – jenes Verhalten, bei dem Hai-Weibchen zur Fortpflanzung stets zu ihren Geburtsorten zurückkehren sollten.

Die Wurzeln dieses genetischen Rätsels reichen etwa 10.000 Jahre zurück bis zum Ende der letzten Eiszeit. Zu jener Zeit, als die Meeresspiegel deutlich niedriger lagen, überlebte nur eine kleine Population Weißer Haie im südlichen Indopazifik. Mit dem Schmelzen der Gletscher und dem Anstieg der Meeresspiegel breiteten sich die Tiere in neue Lebensräume aus.

⇢ Urlauber in Angst: Hier wurde der weiße Hai gesichtet!

Genetische Aufspaltung

Vor rund 7.000 Jahren begann dann eine genetische Aufspaltung, die zur heutigen Situation führte: drei genetisch unterscheidbare Populationen in der Südhalbkugel, im Nordatlantik und im Nordpazifik. Trotz ihrer beeindruckenden Präsenz im kollektiven Bewusstsein sind Weiße Haie als Spitzenräuber äußerst selten. „Weltweit existieren wahrscheinlich nur etwa 20.000 Exemplare. In jeder beliebigen Stadt gibt es mehr Fruchtfliegen als Weiße Haie auf dem gesamten Planeten“, verdeutlicht der Hauptautor der Studie die Seltenheit dieser Meeresriesen.

Paradoxerweise verfügen ausgerechnet diese seltenen Meeresräuber über außergewöhnlich stabile Genome. Forscher identifizierten zahlreiche spezielle Gene, die für DNA-Reparatur und genetische Stabilität verantwortlich sind. Diese Mechanismen tragen vermutlich zur Langlebigkeit der Tiere bei und könnten sogar medizinische Bedeutung erlangen – etwa bei der Erforschung von Krebs und altersbedingten Erkrankungen beim Menschen.

Wissenschaftliches Dilemma

Die Analyse von 150 mitochondrialen Genomen widerlegt nun die frühere Annahme, dass Weibchen ortstreu bleiben, während Männchen weite Strecken zurücklegen. Die Philopatrie kann die markanten Unterschiede in der mitochondrialen DNA schlicht nicht erklären. Auch andere Theorien wie eine eingeschränkte Reproduktion bei Weibchen oder der Einfluss genetischer Drift (zufällige Genveränderungen) liefern keine befriedigenden Antworten.

„Eine geringe Individuenzahl kann zwar zufällige genetische Veränderungen hervorrufen, aber dieses Phänomen betrifft selektiv nur die mitochondriale DNA. Natürliche Selektion wäre die einzige andere Option, aber das müsste – wie wir sagten – brutal tödlich sein“, erläutert Naylor die Grenzen der bisherigen Erklärungsansätze.

Moderne Forschungsmethoden wie die Umwelt-DNA-Analyse (eDNA) ermöglichen heute präzisere Bestandsermittlungen. Durch Wasserproben können Wissenschaftler die Anwesenheit der scheuen Räuber nachweisen, ohne sie direkt beobachten zu müssen – ein wichtiges Werkzeug zur Überwachung dieser gefährdeten Spezies.

Mit wissenschaftlicher Ehrlichkeit gesteht Naylor ein: „Wir haben schlichtweg keine Ahnung.“

Unabhängiger Journalismus braucht Unterstützung

Guter Journalismus entsteht nicht nebenbei. Gründliche Recherche, sorgfältige Faktenprüfung und eine kritische Einordnung brauchen Zeit, Erfahrung und Ressourcen. Damit wir weiterhin unabhängig berichten können – frei von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss – sind wir auf deine Unterstützung angewiesen.

Hilf mit, unabhängigen Journalismus zu sichern.
KO KOSMO-Redaktion
Teilen